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Die Grenze
Ein historischer Krimi in sieben Kapiteln
Eine Briefspur durch hundertzwanzig Jahre —
von Ernst Mach über die Gestaltpsychologie,
Maturanas Autopoiesis und Luhmanns Systemtheorie
bis in die Stille einer letzten Lebensphase.
Prolog
Die Mappe
Zürich, März 2010
§
Die Mappe lag ganz unten in der dritten Schublade. Clara Brandt hatte sich seit drei Wochen durch den Nachlass gearbeitet, und sie dachte, sie kenne inzwischen jeden Karton. Alice Miller war zehn Tage zuvor in Saint-Rémy-de-Provence gestorben, dreiundachtzig Jahre alt. Die Testamentsvollstreckerin hatte den Auftrag erteilt, das Zürcher Arbeitszimmer zu sichten, bevor es geräumt wurde.
Die Mappe trug kein Etikett. Innen lag ein vergilbter Bogen — handgeschrieben, deutsch, 1889 datiert. Darunter weitere Briefe, Durchschläge, fotografische Reproduktionen. Der älteste Brief begann so:
Hochgeehrter Herr Kollege, die Frage, an der Sie arbeiten, ist nicht die Frage nach den Dingen, sondern nach den Grenzen zwischen ihnen. Wer die Grenze zieht, erschafft die Welt …
Unterzeichnet war der Brief mit E. Mach, Wien.
Clara blätterte weiter. Auf der Innenseite der Mappe waren zwei Zettel übereinandergeheftet.
Der obere war frisch, mit weicher, etwas zittriger Hand beschrieben, Datum: 2. April 2010.
Doch nicht verbrennen. Lesen. Weitergeben, wenn jemand fragt.
Der Zettel darunter war älter, härter, aus dem Jahr 2001. Er war durchgestrichen, aber noch lesbar: „Nicht weitergeben.“ Und darüber, in derselben weichen Hand wie oben: „Nein. Doch nicht.“
Clara setzte sich auf den Parkettboden. Die Frau, die diese Mappe verschlossen hatte, hatte im letzten Lebensjahr mit sich selbst gerungen — und eine Entscheidung revidiert.
Erstes Kapitel
Der Schwarm
Wien, Herbst 1889
§
Der Prater im Oktober roch nach nassem Laub. Ernst Mach, Professor für Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften, ging mit seinem Assistenten die Hauptallee entlang. Ein Vogelschwarm drehte über den Platanen.
„Schauen Sie“, sagte Mach. „Jeder Vogel ein Punkt. Zusammen eine Figur. Verändert sich ein Vogel, verändert sich die Figur. Aber die Figur existiert nicht. Nur die Vögel existieren.“
Der Assistent notierte.
„Und doch, Herr Professor —“
„Und doch sehen wir sie. Und doch nennen wir sie Schwarm. Wer entscheidet, wo der Schwarm aufhört? Wo eine Melodie aufhört? Wo ein Mensch aufhört?“
Drei Wochen später schickte Mach einen Brief an einen jungen Kollegen in Prag, der gerade einen Aufsatz vorbereitete: Über Gestaltqualitäten. In Machs Brief lag eine schlichte Federzeichnung — ein Schwarm Punkte, umschlossen von einer dünnen, gezitterten Linie, und die Worte: Die Grenze ist kein Ding. Die Grenze ist eine Entscheidung.
Christian von Ehrenfels las den Brief, fügte eine Fußnote in sein Manuskript ein und legte das Original zu seinen Akten. Der Aufsatz erschien 1890. Der Brief blieb im Karton.
Zweiundzwanzig Jahre lag er dort.
Zweites Kapitel
Phi
Frankfurt am Main, Pfingsten 1910
§
Max Wertheimer saß in einem Abteil der Rheinlinie und langweilte sich. Er war auf dem Weg in den Urlaub, als ihm durch das Fenster auffiel, wie Telegrafenmasten und Hecken sich an der vorbeiziehenden Landschaft zu scheinbarer Eigenbewegung fügten. Die Beobachtung ließ ihn in Frankfurt aussteigen. Noch am selben Nachmittag kaufte er in einem Spielzeugladen ein Stroboskop.
Drei Tage später saß er im Psychologischen Institut Friedrich Schumanns und experimentierte mit zwei Lichtpunkten, die abwechselnd aufleuchteten. Bei bestimmten Zeitabständen sah er nicht zwei Lichter — er sah eine Bewegung, die nirgendwo war. Er nannte sie das Phi-Phänomen.
Zwei junge Männer assistierten ihm. Der eine, aus Berlin, hieß Wolfgang Köhler. Der andere, aus Ostpreußen, hieß Kurt Koffka.
In einer Augustnacht 1911 kam Köhler mit einem dünnen Umschlag zu Wertheimer. „Aus Prag“, sagte er. „Ehrenfels verteilt alte Papiere an Leute, die er für seine Erben hält. Lies zuerst den Brief.“
Wertheimer las die Zeile über die Grenze. Er legte den Bogen nieder.
„Dann“, sagte er leise, „ist das Ganze kein Ding. Dann ist das Ganze ein Verhältnis.“
Sie gründeten im Hinterzimmer jenes Instituts, was später die Berliner Schule heißen sollte.
Drittes Kapitel
Sultan
Teneriffa, 1914–1920
§
Der Krieg kam, und Wolfgang Köhler saß auf einer spanischen Insel fest. Die Preußische Akademie hatte ihn 1913 an die Anthropoiden-Station geschickt — sieben Schimpansen, ein Direktor, und die Hoffnung, herauszufinden, ob Tiere einsehen könnten, was Menschen einsähen. Als die Grenzen Europas sich schlossen, war Köhler gefangen. Sechs Jahre lang.
Er nutzte sie. Er beobachtete, wie der Schimpanse Sultan eine Kiste an die Wand schob, um eine Banane zu erreichen. Nicht durch Versuch und Irrtum. Durch etwas anderes. Durch einen Moment — in dem Kiste, Banane und Raum plötzlich als ein einziges Ganzes erschienen.
Köhler schrieb in sein Tagebuch: Die Einsicht ist keine Rechenoperation. Sie ist das Sichtbarwerden einer Gestalt.
Er veröffentlichte 1917 die Intelligenzprüfungen an Menschenaffen. Was darin nicht stand: Köhler hatte Ehrenfels' Brief, den Wertheimer ihm 1913 als Geste zurückgegeben hatte, auf Teneriffa abgeschrieben. Das Original deponierte er in einem Bankfach in Santa Cruz. Wer einmal eine Grenze überschritten hatte, wusste: Originale verbrennen.
Als Köhler 1920 nach Berlin zurückkehrte, trug er die Abschrift in der Brusttasche.
Viertes Kapitel
Das doppelte Einband
Berlin & Münster, 1933–1940
§
Wolfgang Metzger war außerordentlicher Assistent am Psychologischen Institut, als Wertheimer emigrierte. Koffka war schon weg, seit 1927, nach Smith College in Massachusetts. Köhler blieb länger — er schrieb als einziger deutscher Ordinarius einen offenen Protestbrief gegen die Entlassung jüdischer Kollegen. In der Deutschen Allgemeinen Zeitung. Im April 1933. Es war fast Selbstmord, und er überlebte es nur durch Unachtsamkeit der Behörden.
Zwei Jahre später ging auch er. Nach Swarthmore.
Metzger blieb. Er war nicht jüdisch. Er war Katholik, stiller Experimentator, der Lichtpunkte in schwarzen Räumen fotografierte. Er war auch — und dies verschwieg er später nicht, verschwieg es aber auch nirgends ausdrücklich — seit 1933 Mitglied der SA. Er hatte 1932 bei Wertheimer habilitiert; im Jahr, in dem sein Lehrer aus Frankfurt vertrieben wurde, trat er in die Parteiuniform. 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai aufgenommen, Mitgliedsnummer 4 702 876. Die Gleichzeitigkeit war kein Zufall, und sie war nicht zugunsten des Schülers zu lesen.
Er übernahm das Institut in Frankfurt, dann in Münster. Er schrieb Gesetze des Sehens (1936) — bis heute das Standardwerk. Darin: keine Politik, keine Namen, keine Zeit. Nur Figur und Grund, Prägnanz, Nähe, Ähnlichkeit, Geschlossenheit, gute Fortsetzung. Daneben veröffentlichte er in denselben Jahren zwei kleinere Aufsätze, in denen er gestaltpsychologische Begriffe mit nationalsozialistischem Gedankengut verknüpfte — nicht zentral, nicht plakativ, aber auch nicht überlesbar. Wer den Werkkatalog öffnet, findet sie.
Und gleichzeitig, weil Menschen widersprüchlich sind, weil Loyalitäten sich nicht immer aufheben, sondern manchmal nur in getrennten Kammern nebeneinander stehen, klebte Metzger den Bogen, den Köhler ihm 1935 vor der Abreise in die Hand gedrückt hatte, in den doppelten Einband eines Handbuchs der Psychologie. Die Mach–Ehrenfels-Korrespondenz mitsamt Köhlers Abschrift. Er verwahrte das Buch zwischen zwei Lehrbüchern in seinem Münsteraner Regal.
Die Gestapo durchsuchte sein Haus im November 1940. Sie fanden nichts.
Nach der Kapitulation wurde Metzger umgehend rehabilitiert, lehrte weiter in Münster und wurde 1962 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychologie; Ehrenmitglied bis ans Lebensende. Über den Einband sprach er in den folgenden Jahrzehnten nicht. Auch nicht über die SA. Auch nicht über die zwei Aufsätze.
Einmal, Anfang der sechziger Jahre, schrieb er einem Schüler, der später in Bielefeld lehren sollte, einen Satz, den dieser für die wahrhaftigste Auskunft hielt, die er von seinem Lehrer bekam:
Manche haben mehr gewusst, als sie zugaben. Manche haben weniger widerstanden, als sie nachher sagten. Beides galt von mir. Der Bogen im Regal war keine Rechtfertigung. Er war, im besten Fall, eine Ungleichzeitigkeit mit mir selbst.
Der Schüler verstand den Brief nicht sofort. Er legte ihn zu seinen Akten. Sechs Jahre später, als er in Bielefeld über strukturelle Kopplung nachdachte, zog er den Bogen wieder hervor.
Fünftes Kapitel
Autopoiesis
Santiago de Chile, September 1973
§
Humberto Maturana hatte zwölf Jahre lang versucht zu erklären, was ein Lebewesen ist. Er war Biologe, gelernter Zoologe, und er dachte in Fröschen und Farbsinn. Mit seinem Schüler Francisco Varela hatte er 1972 das Konzept der Autopoiesis ausgearbeitet: Ein Lebewesen ist ein System, das seine eigenen Bestandteile fortwährend selbst erzeugt. Es ist operational geschlossen. Es hat eine Grenze, die es selbst herstellt.
Am 11. September 1973 bombardierten chilenische Luftwaffenjets den Präsidentenpalast. Salvador Allende starb im Palast. Maturana war an diesem Morgen im Labor der Universidad de Chile. Die Telefone funktionierten nicht mehr.
In den ersten Wochen der Pinochet-Junta verschwanden Tausende Menschen. Studenten, Ärzte, Techniker. Auch zwei Doktoranden aus Maturanas Abteilung. Er schrieb Jahre später, er habe in jenen Tagen begriffen, dass er die Autopoiesis nicht nur beschrieben, sondern erlebt habe: Ein System, dessen Grenzen von außen diktiert werden, stirbt. Ein Mensch, den andere definieren, wann er existiert und wann nicht, ist kein Mensch mehr.
Im November 1974 erreichte ihn ein Brief aus Bielefeld. Ein deutscher Soziologe, der gerade ein erstes Großwerk entwarf, fragte an, ob er den Begriff der Autopoiesis für soziale Systeme adaptieren dürfe.
Maturana antwortete zwei Monate später. Dem Antwortbrief lag eine Fotokopie bei. Eine Fotokopie einer Fotokopie einer handschriftlichen Zeile von 1889. Maturana hatte das Original auf einem Gestaltkongress in West-Berlin 1966 von einem alten Münsteraner Kollegen namens Metzger in die Hand gedrückt bekommen — mit den Worten: Geben Sie ihn weiter, wenn jemand die richtige Frage stellt.
Maturana schrieb an den deutschen Soziologen: Sie sind der erste, der sie stellt.
Der deutsche Soziologe hieß Niklas Luhmann.
Sechstes Kapitel
Zettelkasten
Bielefeld, 1984–1993
§
Luhmann hatte Soziale Systeme gerade veröffentlicht. Er saß in seinem Büro, die Tür stand offen, und er tippte mit zwei Fingern auf der Schreibmaschine. Sein Zettelkasten zählte über 90 000 Karten.
Auf der Karte Nr. 21/3d/7 stand in seiner pedantischen Hand:
Grenze = Operation des Systems, nicht Eigenschaft.
Vgl. Mach, Brief an Ehrenfels 1889.
Vgl. Maturana, strukturelle Kopplung.
Das System produziert seine Grenze, indem es sie zieht. Die Umwelt ist nicht „außen“, sondern Korrelat der Unterscheidung.
Er sprach öffentlich selten über diesen Brief. Einmal sagte er zu einem Doktoranden: „Es gibt Texte, die erst dann funktionieren, wenn sie nicht zitiert werden.“
1993 erhielt er einen Brief von einer Zürcher Psychoanalytikerin, die er nicht persönlich kannte. Sie hatte Soziale Systeme gelesen und schrieb:
Wenn das System seine eigenen Grenzen erzeugt — was geschieht dann mit einem Kind, dessen Grenzen von den Eltern gezogen wurden? Ist es dann noch ein System? Oder ist es die Umwelt des Systems der Mutter?
Luhmann antwortete mit seiner üblichen Höflichkeit und einer üblichen Ausweichbewegung. Aber dem Brief legte er etwas bei: die Fotokopie, die er einundzwanzig Jahre zuvor von Maturana bekommen hatte.
Die Zürcher Psychoanalytikerin hieß Alice Miller.
Siebtes Kapitel
Die revidierte Entscheidung
Zürich, 1994–2010
§
Alice Miller hatte Das Drama des begabten Kindes fünfzehn Jahre zuvor geschrieben. Sie war international berühmt. Sie hatte der Psychoanalyse den Rücken gekehrt. Sie lebte zurückgezogen in einer Wohnung in Zürich-Hottingen.
Als Luhmanns Brief ankam, legte sie ihn zweimal zur Seite, bevor sie die beiliegende Fotokopie las. Die Schrift war alt, verschnörkelt. Wer die Grenze zieht, erschafft die Welt.
In diesem Augenblick verstand sie etwas, was sie fünfzig Jahre lang gewusst, aber nicht benannt hatte.
Ein Kind, so dachte sie, kommt zur Welt ohne Grenze zwischen sich und der Mutter. Die Grenze wird gezogen — und wer sie zieht, was er hineinlegt und was er draußen lässt, bestimmt, wer das Kind sein darf. Das Introjekt war nicht die Mutter im Kind. Das Introjekt war die Grenze, die die Mutter dem Kind auferlegt hatte — und die das Kind später für seine eigene hielt, für seine eigene Haut, seinen eigenen Willen, seine eigenen Gefühle.
Sie schrieb dies in ein Manuskript, das nie erschien. Eine Theorie auf sich selbst anzuwenden ist eine andere Bewegung, als sie zu denken — eine langsamere, eine, die sich Zeit nimmt. Die Einsicht, dass auch sie im eigenen Leben Grenzen gezogen hatte, um bestimmte Themen, kam in Stufen; sie ist keinem Menschen ohne Weiteres zumutbar, auch nicht ihr.
Sie legte das Manuskript in eine Mappe, dazu Luhmanns Brief, Maturanas Kopie aus Santiago, Köhlers Abschrift aus Teneriffa, Metzgers zurückgegebenen Bogen und, zuunterst, das Original von 1889. Metzger hatte es 1965 an Köhlers Witwe geschickt. Die hatte es an einen Basler Schüler vererbt, der es 1989 an Alice Miller weitergegeben hatte — ohne zu wissen, was er damit in der Hand hielt.
In den Jahren, die folgten, öffnete sie die Mappe mehrmals. Einmal, 2001, nach einer entmutigenden Nacht, schrieb sie den Zettel: Nicht weitergeben. Sie legte ihn obenauf und schloss die Schublade.
Im Frühjahr 2010, als sie spürte, dass die Zeit knapp wurde, nahm sie die Mappe noch einmal heraus. Sie las alle Briefe. Sie las ihr eigenes Manuskript. Sie nahm den alten Zettel, strich ihn mit einem einzigen, ruhigen Strich durch und schrieb einen neuen darüber:
Doch nicht verbrennen. Lesen. Weitergeben, wenn jemand fragt.
Es war die späteste Geste einer Frau, die gelernt hatte, dass eine Grenze, die sich nicht öffnen kann, keine Grenze mehr ist, sondern eine Mauer. Sie wollte die Geschichte nicht mit sich begraben.
Epilog
Zwei Wochen später
Zürich, März 2010
§
Clara Brandt saß noch immer auf dem Parkettboden, die Mappe auf den Knien. Sie hatte beide Zettel gelesen — den durchgestrichenen alten, den frischen neuen. Sie hatte den Brief aus Wien gelesen, die Fotokopien, die Durchschläge, das unveröffentlichte Manuskript.
Sie überlegte nicht lange. Der zweite Zettel war eine Anweisung, keine Adresse — Doch nicht verbrennen. Lesen. Weitergeben, wenn jemand fragt. Clara kannte nur einen Menschen, für den diese Briefe etwas bedeuten würden.
Sie packte die Mappe sorgfältig ein, schrieb die Adresse des Sohns auf den Umschlag und rief am nächsten Morgen in Uster an.
Zwei Wochen später holte Martin Miller die Mappe persönlich ab. Er dankte Clara leise und nahm sich Zeit, die Zettel noch einmal in Ruhe anzusehen. Dann sagte er — mehr zu sich selbst als zu ihr:
Die Grenze ist kein Ding. Die Grenze ist eine Entscheidung.
Er nickte. Und er nahm die Mappe mit nach Hause.
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Die Personen — Mach, Ehrenfels, Wertheimer, Koffka, Köhler, Metzger, Maturana, Luhmann, Alice und Martin Miller —
und ihre Werke, Daten und grundlegenden Ideen sind historisch. Die Briefspur, die sie verbindet,
die Zürcher Archivarin Clara Brandt und alle wörtlichen Dialoge sind Erfindung.
Was der Krimi behauptet, ist keine Geschichte, sondern eine mögliche Linie:
dass sich die Frage nach der Grenze — wer zieht sie, wer unterscheidet,
wer schließt ein und aus — durch all diese Theorien zieht und an ihr Ende
in die Stille einer letzten Lebensphase hineinreicht.
Die biographischen Ambivalenzen Wolfgang Metzgers — Mitgliedschaft in SA (1933)
und NSDAP (1937), zwei im NS-Geist verfasste Aufsätze und die nahtlose Rehabilitation
nach 1945 — sind dokumentiert (vgl. M. G. Ash und U. Geuter zur Geschichte
der deutschen Psychologie). Sie stehen dem Brief im Einband nicht entgegen,
sondern neben ihm.