Zum Inhalt springen

Eine Chronik in sechs Kapiteln

Das Schlosserhaus

Wie aus einem niederbayerischen Bauernhaus an einer Waldlichtung Eckhütt Eins wurde.

Um 1900 gebaut. Bruchsteinmauern und Holzbauweise. Eine Lichtung am Hang zwischen Deggendorf und Straubing, in der Gemeinde Bernried — 94505, Niederbayern. Der größere Teil des Grundstücks liegt in der Gemarkung Bernried, ein kleiner in der angrenzenden Gemarkung Albertsried; zusammen etwas über drei Hektar Wiese, Wald und Hang.

I.Der frühere Name

Das Haus hieß anders, bevor es Eckhütt Eins wurde. Im Dorf war es, über mehrere Generationen hinweg, das Schlosserhaus. Niemand weiß heute noch genau, woher der Name kommt — der Überlieferung nach lebten dort im 19. Jahrhundert Handwerker, die das Haus nach ihrem Beruf benannt haben; das Flurbuch schweigt dazu. Ein Name, der sich gehalten hat, weil Dörfer ihre Häuser selten nach den aktuellen Besitzern rufen, sondern nach dem, was einmal in ihnen gearbeitet wurde.

Das Schlosserhaus blieb über die Jahrzehnte in unterschiedlicher Hand:

Drei Namen in einem halben Jahrhundert. Für ein niederbayerisches Bauernhaus keine unübliche Zahl. Jedes der Eigentümerpaare hat eine Spur hinterlassen, die heute noch sichtbar ist — ein Boden, eine verschobene Wand, ein Baum, der heute Obst trägt, weil ihn jemand vor vierzig Jahren eingesetzt hat. Ein Haus wie dieses ist selten das Werk eines Einzelnen.

II.Ankunft, 2006

Im Frühjahr 2006 kamen Nicole und Gregor Battistini zum ersten Mal an der Gabelung im Wald vorbei, an der der Weg zum Schlosserhaus abzweigt. Was sie vorfanden, war kein restauriertes Schmuckstück und kein Ruinenprojekt — es war ein bewohnbares, solides Bauernhaus mit Charakter, mit einem Hang, der gesichert werden wollte, mit einer Quelle, die gefasst werden musste, und mit einem Dach, das in den nächsten Jahren neu verlegt werden würde. Ein Haus also, das nicht fertig war, aber warten konnte.

Die Voreigentümer hatten 2005 noch die Drainage rund ums Haus gezogen. Das war der letzte Eintrag in der Chronik des Schlosserhauses. Der nächste Eintrag kam ein Jahr später, und er trug einen anderen Namen.

III.Die ersten sieben Jahre

Was zwischen 2007 und 2013 geschah, liest sich heute wie der sorgfältige Aufbau eines zweiten Zuhauses an einer Waldlichtung — kein großer Wurf, sondern eine Folge klug aufeinandergesetzter Entscheidungen.

2007 wurde der Hang hinter dem Haus gesichert — mit Baggerarbeiten, mit Sträuchern, Büschen und Bäumen, die heute nicht mehr als eingesetzte Pflanzen erkennbar sind, sondern als Wald. 2008 folgten das neue Dach, eine Fotovoltaikanlage, der Einbau einer Kleinkläranlage und — nicht zuletzt — die Pflanzung neuer Obstbäume in alten Sorten, die im Bayerischen Wald lange selbstverständlich waren und heute wieder gesucht werden. Im selben Jahr entstand der eingezäunte Garten.

2009 ging es unter die Oberfläche: die Quelle wurde neu gefasst, die Wasserleitungen zum Haus erneuert, und ein zweiter Weiher angelegt. Das Grundstück sollte eine eigene Wasserinfrastruktur haben — nicht angewiesen auf die Leitungen anderer. Wer heute auf Eckhütt Eins ein Glas frisches Wasser trinkt, trinkt aus dieser Quelle.


IV.November 2013

Im November 2013 starb Gregor Battistini.

Das ist die eine Zeile in dieser Chronik, die keine Anschlusszeile hat. In den Monaten danach wurden die Arbeiten, die für das Jahr noch vorgesehen waren, zu Ende gebracht: die Maschinenhalle, der neue Schuppen mit Erdkeller, die Wohnung in der Halle, die Trockenmauer mit dem kleinen Farngarten neben der Werkstatt. Dann lag das Projekt einige Jahre.

V.Die zweite Bauphase

Zwischen 2018 und 2023 wurde das Bauernhaus von innen neu gebaut. Es war nicht der spektakuläre, sondern der geduldige Umbau — der Umbau, den man nur macht, wenn man das Haus schon kennt und weiß, wo welche Wand was kann.

Eichenparkett im Wohnzimmer, im Büro, im oberen Gang und in den beiden kleinen Schlafzimmern. Der Holzboden im Familienzimmer wurde saniert, nicht ersetzt. Decken wurden, wo die Raumhöhe es erlaubte, in Trockenbauweise abgehängt und mit LED-Spots versehen. Wände im Familienzimmer wurden neu verkleidet; eine Trennwand mit Tür wurde eingezogen, hinter der ein begehbarer Schrank entstand. Der alte, schon lange nicht mehr begehbare Balkon wurde entfernt und durch eine innen liegende Absturzsicherung ersetzt. Die Treppe wurde verkleidet, das Geländer im Obergeschoss neu gezogen.

Am aufwendigsten war die Neuordnung des Erdgeschosses — denn das Haus hatte einige seiner Zimmer ursprünglich ganz anders verstanden. Das untere Badezimmer, das heute mit Wanne und Whirlpool-Funktion ausgestattet ist, war früher die Küche. Der heutige Technikraum war einmal das Badezimmer. Und die heutige Küche steht an der Stelle eines früheren Abstellraums, der als Kellerersatz diente. Ein Haus, das seine Räume einmal ganz anders verteilt hatte, lernt unter dem richtigen Umbau, sie neu zuzuordnen.

Bad und Technikraum wurden dafür ausgehöhlt, mit Glasschaumschotter gefüllt, betoniert und anschließend mit Steinzeugfliesen belegt. Alle Türen und Türrahmen wurden erneuert. Am Ende: neuer Verputz, neuer Anstrich — außen wie innen.

Und zwischen all dem die Arbeit aus der eigenen Werkstatt: Regale mit selbst gezimmerten Kassetten, Blenden, Sockelleisten, Wandelemente, die im Haus verbaut wurden, weil sie nicht zu kaufen waren — und weil jemand da war, der sie bauen konnte. Das ist ein Detail, das in Inseraten nicht vorkommt und am Haus nicht beworben wird; aber es ist der Grund, warum jedes Regal an jeder Wand tatsächlich in seine Nische passt.


VI.Heute

Eckhütt Eins ist, streng genommen, derselbe Ort wie vor zwanzig Jahren — dieselbe Lichtung, derselbe Blick auf die Fichten, dieselbe Quelle, derselbe Hang. Und es ist gleichzeitig ein anderes Haus, weil es inzwischen eine Geschichte hat, die sich in den Böden, in den Schränken und in den Regalen ablesen lässt. Das Schlosserhaus ist nicht verschwunden. Es ist in Eckhütt Eins aufgegangen.

Was Gäste hier vorfinden, ist keine Kulisse. Es ist der gewachsene Nutzen eines Ortes, an dem über fast zwanzig Jahre gedacht und gebaut wurde — zuerst zu zweit, dann allein. Der Name auf dem Türschild ist neu. Das Haus ist alt. Beides gehört zusammen.