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Ein Thema vertieft · Pilze

Ein eigenes Reich.

Pilze sind weder Pflanze noch Tier. Sie sind ein drittes, lange ignoriertes Lebensreich — und sie führen das größte Netzwerk der Erde.

Wer zum ersten Mal in Ruhe vor einem Pilz kniet — mit der Lupe, nicht mit dem Messer — merkt, dass hier etwas Eigentümliches wohnt. Ein Lebewesen, das nicht wächst wie eine Pflanze, sich nicht bewegt wie ein Tier und doch intelligent erscheint. Tatsächlich sind Pilze seit den 1960er Jahren ein eigenes biologisches Reich neben Pflanzen und Tieren. Und sie tun Dinge, die bis vor zwanzig Jahren niemand für möglich gehalten hat.

I.Weder Pflanze noch Tier — sui generis

Pflanzen bauen mit Sonnenlicht Zucker (Photosynthese). Tiere fressen, was andere gebaut haben. Pilze können beides nicht. Sie fressen — aber nicht innerlich, sondern äußerlich: Sie scheiden Enzyme in ihre Umgebung aus und nehmen die vorverdauten Nährstoffe durch die Zellwand wieder auf. Ihre Zellwand besteht aus Chitin — demselben Stoff, aus dem auch Käferpanzer sind. Gen-analytisch sind Pilze mit Tieren enger verwandt als mit Pflanzen.

Das Reich der Pilze (Fungi) wurde erst 1969 vom Biologen Robert Whittaker offiziell abgegrenzt. Bis dahin galten sie als eine Art „Pflanze ohne Chlorophyll“. Dass sie etwas ganz eigenes sind — sui generis, wie Juristen sagen —, wurde erst zweihundertfünfzig Jahre nach Linné ernst genommen.

II.Der Pilz, den wir sehen, ist nur die Blüte

Der Steinpilz im Moos, der Fliegenpilz am Weg, der Pfifferling unter der Fichte — das, was Sie in der Hand halten, wenn Sie einen Pilz ernten, ist nur der Fruchtkörper. Das eigentliche Lebewesen liegt im Boden. Es besteht aus einem dichten Geflecht feinster Fäden, dem Myzel. Ein einzelnes Myzel kann Hektar groß sein und viele Jahre alt. Der Fruchtkörper ist das, was eine Apfelblüte für den Apfelbaum ist: das Fortpflanzungsorgan. Nichts weiter.

Das Myzel wächst durch den Boden wie ein feines Telegrafennetz. Es durchdringt jede Handvoll Waldboden millionenfach; unter einem Quadratmeter Moos können viele Kilometer Pilzfaden liegen. Und wenn die Bedingungen stimmen — Feuchte, Wärme, Jahreszeit — schiebt das Myzel seine Fruchtkörper nach oben, für einige Tage, um Sporen zu entlassen. Danach zerfällt der sichtbare Teil. Das Netz unten bleibt.

III.Das Wood Wide Web

1997 publizierte die kanadische Forstökologin Suzanne Simard in Nature einen Aufsatz, der die Vorstellung vom Wald verändert hat. Sie hatte mit radioaktiv markiertem Kohlenstoff gezeigt, dass Bäume einander über Pilzfäden Nährstoffe zuschicken — und zwar gezielt. Eine große Mutter-Fichte versorgt ihre Keimlinge. Eine sterbende Birke gibt ihre Vorräte an die Nachbarn ab. Der Journalist der BBC erfand dafür den Begriff, der heute jeder kennt: Wood Wide Web.

Was die Bäume verbindet, sind Pilze. Die meisten Bäume in Europa leben in einer Mykorrhiza — einer Symbiose mit einem Pilz, der ihre Wurzeln ummantelt. Der Baum gibt dem Pilz Zucker aus der Photosynthese; der Pilz gibt dem Baum Wasser und Mineralsalze, die er selbst nicht holen könnte — und dazu eine Information: wer rechts daneben auch zum Netz gehört und ob es ihm gut geht.

Wenn Sie einen Pfifferling unter einer Fichte finden, halten Sie nicht bloß einen Küchenpilz in der Hand. Sie halten die Blüte eines Lebewesens, das mit der Fichte in Dauerehe lebt. Zerstören Sie mit dem Taschenmesser das Myzel (oder den Boden), verliert auch der Baum einen Partner.

IV.Symbiosen und Zusammenarbeit

Die Mykorrhiza ist nicht die einzige Art, wie Pilze mit anderen Lebewesen leben. Flechten sind ein Pilz, der mit einer Alge (oder einem Cyanobakterium) zusammen in einer Einheit lebt; keiner könnte ohne den anderen. Ohne Flechten gäbe es keinen Polarkreis-Bewuchs. Blattschneiderameisen in den Tropen züchten in ihren Höhlen Pilze auf eingebrachten Blattstücken und leben von diesen. Käfer tragen Pilzsporen in ihre Brutgänge, die die Bauholzwände vorverdauen — erst dann können die Larven fressen.

Andere Pilze sind Saprobionten: Zersetzer. Ohne sie würde der Waldboden unter einer meterhohen Schicht aus Blattfall, Totholz und Nadeln ersticken. Pilze sind die Recyclinganlage der Natur — auf eine Weise, die kein Bakterium ersetzen kann. Lignin, der Stoff, der Holz hart macht, wird fast ausschließlich von Pilzen abgebaut.

V.Wie Pilze sich vermehren

Ein reifer Pilz entlässt Sporen — mikroskopisch kleine Zähleinheiten ähnlich einem Samen, aber viel simpler. Ein Champignon produziert pro Tag viele Milliarden davon; ein Steinpilz kann in einer Woche Milliarden in den Wald blasen. Nur wenige finden das richtige Substrat, die richtige Feuchte, die richtige Nachbarschaft. Aus einer Spore keimt ein feiner Pilzfaden. Trifft er einen zweiten Faden der gleichen Art, verschmelzen die Kerne — das ist die sexuelle Fortpflanzung. Nun beginnt der eigentliche Körper zu wachsen: das dikaryotische Myzel.

Viele Pilze können sich zusätzlich ungeschlechtlich vermehren, über Konidien oder Fragmente. Das macht sie widerstandsfähig. Ein einzelner, großer Hallimasch in Oregon gilt als das größte Lebewesen der Erde — ein zusammenhängendes Myzel von neun Quadratkilometern, mindestens 2 400 Jahre alt.


VI.Eine Anleitung zum Bestimmen

Jetzt zum praktischen Teil. Pilzbestimmung ist nicht schwer — aber sie verzeiht nichts. Ein Fehler beim Steinpilz ist ein ärgerlicher Nachmittag ohne Mittagessen. Ein Fehler beim Knollenblätterpilz kann das Leben kosten. Deswegen: Wer Pilze sammelt, um sie zu essen, isst sie erst, nachdem ein Pilzsachverständiger sie freigegeben hat. Immer. Ohne Ausnahme.

Trotzdem ist Selbst-Bestimmen lohnend — nicht zum Essen, sondern zum Kennen. Hier, worauf Sie systematisch achten:

Der Hut

Farbe, Form (gewölbt, flach, trichterförmig, genabelt), Oberfläche (glatt, schuppig, schleimig, samtig), Durchmesser. Wichtig: Nicht nur den alten Pilz anschauen. Ein junger Knollenblätterpilz ist kaum von einem jungen Champignon zu unterscheiden, ein alter kaum von einem grünen Getäuschten.

Die Unterseite

Röhren oder Lamellen? Bei Röhren (Steinpilz, Marone, Rötlicher Lackträubling): Farbe der Röhren, ob sie am Stiel herablaufen, ob sie bei Druck verfärben. Bei Lamellen (Champignon, Knollenblätterpilz, Fliegenpilz): Farbe, Abstand, Anheftung am Stiel.

Der Stiel

Ring vorhanden oder nicht? Knolle am Grund oder nicht? Farbe, Oberfläche. Der grüne Knollenblätterpilz hat beides: einen Ring und eine deutliche Knollenscheide am Fuß. Wer diese zwei Dinge sucht und findet, lässt den Pilz liegen. Egal, wie schön er sonst ist.

Der Geruch

Der Champignon riecht pilzig-angenehm. Der Karbol-Champignon riecht wie Krankenhaus. Der Schwefel-Ritterling riecht „wie Leuchtgas“. Geruch trennt Arten, die optisch kaum unterscheidbar sind.

Das Fleisch

Schneiden Sie den Pilz längs durch. Farbe innen? Verfärbt er sich an der Luft — blau, rot, grau? Der unechte Pfifferling etwa zeigt innen helles Gelb; der echte Pfifferling ist durchgefärbt goldgelb bis in die Stielmitte.

Der Standort

Pilze sind partnerspezifisch. Wo ein Pilz wächst, schließt vieles aus. Ein „Steinpilz“ unter einem Laubbaum ist wahrscheinlich kein gewöhnlicher Steinpilz, sondern eine der anderen Arten — die sich in der Verwendung unterscheiden können.

VII.Die Pilzexperten rund um 94505 Bernried

Für den Landkreis Deggendorf und damit auch für Bernried sind mehrere anerkannte Pilzsachverständige (PSV) der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zuständig. Einen aktuellen Ansprechpartner vermittelt die regionale Pilzaufklärungsstelle in Deggendorf oder direkt:

Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) — PSV-Suche
www.dgfm-ev.de → Pilzberatung → Pilzsachverständige nach PLZ suchen.

Pilzberatung Deggendorf — die Pilzberater arbeiten ehrenamtlich und sind in der Saison (ca. Juni bis November) über das Landratsamt Deggendorf erreichbar. Die Kontaktvermittlung läuft zentral über www.landkreis-deggendorf.de.

Im Notfall — Giftinformationszentrale Nürnberg: 0911 / 398 - 2451. 24 Stunden erreichbar. Sie gibt sofort Auskunft bei Verdacht auf Pilzvergiftung. Foto des Pilzes, Reste des gekochten Pilzes und erste Symptome bereithalten.

Im Haus liegen außerdem die wichtigsten Bestimmungsbücher aus: Laux Der große Kosmos-Pilzführer, der Gerhardt BLV-Pilzatlas und Ewald Gerhardt Pilze — einfacher bestimmen.


VIII.Was bleibt, wenn Sie gehen

Am Ende einer Pilzwoche werden Sie Pilze erkennen, die Sie davor nur als Muster am Baum gesehen haben. Sie werden wissen, dass jeder Fruchtkörper ein winziger Teil eines großen Netzwerks ist. Sie werden den Wald anders abschreiten — langsamer, am Rand, mit dem Blick auf den Boden statt nach oben. Und Sie werden nie wieder einen Wald durchqueren können, ohne sich zu fragen, was unter Ihren Füßen eigentlich gerade geredet wird.