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Ein Thema vertieft · Vögel

Wenn Schwärme starten.

Wie Zugvögel ihre Reise vorbereiten, wer wo im Schwarm fliegt, wie ihr Richtungssinn funktioniert — und wie man als Laie anfängt zu sehen, was da singt.

Ende August geschieht etwas, das jedes Jahr leicht zu übersehen ist, wenn man nicht auf den Himmel achtet: Die Vögel, die gleich weit weg sein werden, versammeln sich. Sie sind unruhig. Sie fliegen in kleinen Gruppen auf und setzen sich wieder. Sie fressen doppelt so viel wie sonst. Und zwischen zwei Tagen ist der Schwarm plötzlich fort.

I.Grundlagen — ein Tier, das fliegt

Vögel sind das einzige große Lebewesen, das den Luftraum dauerhaft bewohnt. Alles an ihrem Körperbau folgt dieser Aufgabe: Hohlknochen, gewichtslose Federn, ein Herz, das bei manchen Arten über tausend Mal pro Minute schlägt, ein Sehsystem mit viermal der Auflösung des menschlichen. Ein Mauersegler schläft fliegend. Ein Kolibri ist in der Lage, rückwärts zu fliegen. Ein Wanderfalke erreicht im Sturzflug über dreihundert Stundenkilometer.

Die Vogelkunde — auf Latein Ornithologie — beginnt im deutschen Sprachraum mit Johann Friedrich Naumann (1780–1857), einem Kleinbauern aus Köthen, der ohne Universitätsstudium das bis heute gründlichste Werk über Mitteleuropas Vögel verfasste. Was Linné für die Pflanzen war, war Naumann für die Vögel: der systematische Ordner. Fünfzig Jahre später begann ein anderer Deutscher, Johannes Thienemann (1863–1938) auf der Kurischen Nehrung, Vögel zu beringen — und damit war erstmals nachweisbar, wohin ein Weinachten Rotkehlchen im April wieder zurückkehrt.

II.Der Aufbruch — Vorbereitung auf den Flug

Zwei Monate vor Abflug beginnt, was Ornithologen die Zugdisposition nennen. Hormone verändern den Stoffwechsel: Die Vögel fressen doppelt und dreifach, legen Fettreserven an, mausern ihre Federn, bauen Muskelmasse an Brust und Flügeln auf. Eine Gartengrasmücke verdoppelt ihr Gewicht vor der Reise. Das wäre, als würde ein Mensch vor einer Reise von siebzig auf hundertvierzig Kilogramm gehen.

Gleichzeitig schrumpfen Organe, die für den Flug nicht gebraucht werden: Magen, Leber, Geschlechtsorgane. Der Vogel ist zum Zeitpunkt des Abflugs fast nur noch Muskel, Fett und Sinnesapparat.

Die Position im Zug

Wenn Kraniche, Gänse oder Kormorane in der charakteristischen V-Formation ziehen, ist die Position kein Zufall. Der vorderste Vogel hat die härteste Arbeit: Er muss die Luft aufspalten. Die dahinter fliegen im Wirbel seiner Flügelspitzen, wodurch sie bis zu dreissig Prozent Energie sparen. Die Spitze wird regelmäßig gewechselt; Messungen zeigen, dass ein Kranich nicht länger als ein paar Minuten führt, bevor er nach hinten rotiert.

Wer vorne fliegt, ist meist ein erfahrenes, kräftiges Tier — oft ein älteres Weibchen oder ein starkes Männchen. Die Position wird vor Abflug in einer Art „Sortierung“ verhandelt: kleine Drohgesten, Absetzen, Wiederaufnehmen, bis die Formation steht. Junge, unerfahrene Tiere fliegen in der Mitte oder hinten. Es ist keine Demokratie; es ist eine Hierarchie, die sich an Kraft und Erfahrung misst, und es funktioniert.

III.Der Kompass im Kopf

Wie findet ein Kuckuck, der zum ersten Mal in seinem Leben fliegt (seine Eltern hat er nie gesehen — er wurde von anderen Vögeln großgezogen), den Weg nach Zentralafrika? Die Antwort hat die Wissenschaft erst in den letzten dreißig Jahren zusammengetragen.

Erstens: Der Vogel hat eine innere Landkarte mit innerer Uhr. Er weiß, in welche Richtung er will, und er kann am Stand der Sonne seine Richtung korrigieren — weil er die Tageszeit fühlt.

Zweitens: In der Nacht orientieren sich Singvögel an den Sternen. Versuche im Planetarium haben gezeigt: Wenn man das Sternenmuster dreht, dreht sich die Flugrichtung mit. Das Muster lernen junge Vögel in ihrem ersten Sommer, indem sie nachts den Himmel anschauen.

Drittens — und das ist die jüngste Entdeckung: Vögel sehen das Erdmagnetfeld. In ihren Netzhautzellen sitzen Eiweißmoleküle (Kryptochrome), die durch blaues Licht aktiviert werden und dann je nach Ausrichtung zum Magnetfeld unterschiedlich reagieren. Ein ziehender Vogel hat den Kompass buchstäblich vor den Augen — als Härte- oder Helligkeitsmuster, das ihm die Richtung verrät.

Das Zusammenspiel

Alle drei Systeme — Sonnenkompass, Sternenkompass, Magnetkompass — arbeiten parallel. Wenn eines gestört wird (etwa durch Bewölkung), übernehmen die anderen. Das ist einer der Gründe, warum Vogelzug auch in schlechtem Wetter funktioniert.

IV.Gespräche im Flug

Wer Kraniche überfliegen hört, hört ihre Rufe. Wer Stare beobachtet, sieht ihre Schwärme sich wie ein einziges Tier bewegen. Die Kommunikation im Zug ist dichter, als sie von unten aussieht.

Kraniche rufen regelmäßig — ein trompetenartiger Laut, der den Schwarm in einer klaren Linie hält. Jeder Ruf ist ein Standortmelder: Ich bin hier, in dieser Höhe, in dieser Richtung. Das gibt den anderen eine Orientierung, auch wenn einer kurzzeitig aus dem Sichtfeld gerät.

Stare fliegen in den sogenannten murmurations, den großen Schwarmwolken, die am Abend über Schilfgebieten tanzen. Jedes Tier achtet nur auf seine sieben nächsten Nachbarn — mehr nicht. Aus dieser einfachen Regel entsteht das Gesamtbild, das aussieht, als hätte der Schwarm eine einzige Seele. Physiker nennen dieses Phänomen kritische Selbstorganisation; es ist dieselbe Logik, nach der auch Fischschwärme oder Ameisenstaaten funktionieren.

Singvögel sind überraschend leise beim Ziehen — sie fliegen meist nachts und stossen nur vereinzelt Kontaktrufe aus. Wer in einer sternklaren Oktobernacht das Fenster offen lässt, hört sie manchmal: ein fernes „tsip“ aus großer Höhe. Das ist eine Drossel auf dem Weg in den Süden.

V.Wer bleibt — die Standvögel

Nicht jeder Vogel zieht. Meise, Kleiber, Specht, Auerhuhn, Waldkauz, Kolkrabe — sie bleiben und überwintern. Das ist keine Faulheit, sondern eine andere Strategie: Sie verteidigen ihr Revier das ganze Jahr durch, kennen jeden Nistkasten und jede Futterquelle und können im Frühling sofort mit der Brut beginnen, ohne erst anreisen zu müssen.

Um im Winter zu überleben, haben Standvögel eindrucksvolle Tricks entwickelt. Meisen lernen im Sommer, wo sie Samen versteckt haben, und können sich an tausende Verstecke erinnern — ihr Räumlichkeitsgedächtnis ist messbar besser als unseres. Spechte hacken Löcher in Rinden und füllen sie mit Eicheln, um im Januar davon zu leben. Waldkäuze beginnen schon im Dezember zu balzen — ihre erste Brut kommt im März, wenn die Mausjungen aus den Nestern kommen und leicht zu fangen sind.

Die Standvögel sind im Winter die lebendigsten Bewohner des Waldes. Wer am Kamin sitzt und aus dem Fenster schaut, sieht sie alle.


VI.Vogelbeobachtung für Laien

Und jetzt das Praktische. Vogelbeobachtung ist die einzige Naturbeobachtung, bei der man die meisten Kandidaten hört, bevor man sie sieht — und das ist eine gute Nachricht.

Schritt 1 — Stillstehen

Vögel sehen Bewegung weit besser als Formen. Wer schnell geht, scheucht. Wer stehen bleibt und nicht mit dem Oberkörper schwankt, wird nach einer Minute ignoriert. Das ist der erste Schritt.

Schritt 2 — Stimme vor Bild

90 Prozent aller Bestimmungen erfolgen akustisch. Wer pfeift? Wer ruft? Wer trommelt? Nutzen Sie die App BirdNET (Cornell Lab of Ornithology, kostenlos) — sie nimmt den Gesang auf und schlägt mit Wahrscheinlichkeiten Arten vor. Das ist nicht perfekt, aber es beschleunigt das Lernen enorm.

Schritt 3 — Das Fernglas

Ein einfaches 8x42 reicht völlig — achtäfache Vergrösserung, 42 mm Objektiv, gutes Bild auch im Dämmerlicht. Im Haus liegen zwei Ferngläser bereit. Gewöhnen Sie sich an, zuerst ohne Fernglas zu schauen (wo sitzt der Vogel?), dann erst das Glas ans Auge zu führen. Sonst verlieren Sie ihn.

Schritt 4 — Nicht nur die Farbe

Anfänger bestimmen Vögel an der Farbe. Fortgeschrittene an der Silhouette. Wie sitzt der Vogel — aufrecht, geduckt, mit abgespreiztem Schwanz? Wie bewegt er sich am Boden — laufend, hüpfend? Wie fliegt er — geradlinig oder im Wellenflug? Ein Specht fliegt anders als eine Drossel. Ein Zaunkönig sitzt mit aufgestelltem Schwanz. Das sind Merkmale, die auch bei Gegenlicht noch funktionieren.

Schritt 5 — Notieren

Ein kleines Heft, in das Sie jeden Vogel eintragen, den Sie das erste Mal sicher erkannt haben. Datum, Ort, Uhrzeit, Detail. Nach einem Jahr kennen Sie zwanzig Arten. Nach drei Jahren kennen Sie fast alles, was hier am Haus vorkommt.

Hilfsmittel im Haus

Im Wohnzimmer liegen bereit: Kosmos Vogelführer (Svensson, Grant, Mullarney — der Klassiker), Fernglas, zwei Becherläufe (zur Frisch-Fokussierung), die App BirdNET für iOS und Android, und der Audioguide der xeno-canto-Bibliothek (mit über 800 000 Aufnahmen weltweit, davon tausende aus dem Bayerischen Wald).


VII.Was der Morgen hier bringt

Wer am ersten Tag in Eckhütt Eins um halb sechs aus dem Fenster schaut, hört ab Ende März die Amsel. Sie beginnt zuerst, und sie singt melodiös wie kaum eine andere Art. Kurz darauf fallen Singdrossel und Rotkehlchen ein. Der Waldkauz ruft noch aus der Dämmerung dazu. In der Ferne der Kuckuck, wenn Sie im Mai hier sind.

Am Abend — gegen halb neun — kommt der Schwarzspecht über den Hang. Sie erkennen ihn an einem scharfen „krri-krri-krri“, das aus dem Wald stößt, und am roten Scheitel, der in der Abendsonne kurz aufleuchtet. Er ist der zweitgrößte Specht Europas und der Grund, warum so viele Höhlenbauten in den alten Fichten hinten am Hang sind.

Alles, was Sie brauchen, um das zu sehen: Stillstehen. Fünf Minuten. Eine Tasse Kaffee auf dem Freisitz. Und — das ist der schwierigste Teil — das Handy im Haus lassen.