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Ein Thema vertieft · Waldtiere

Die Rückkehrer.

Wie sich der Bayerische Wald in dreißig Jahren verändert hat. Was die Tiere einander sagen. Und wie man ihnen begegnet, ohne sie zu stören.

Wer hier 1995 an einer Waldlichtung stand, sah Reh und Wildschwein, mit Glück einen Fuchs, und das war’s. Wolf und Luchs waren in Bayern ausgerottet. Der Biber galt als verschollen. Die Wildkatze günstigstenfalls als Gerücht. Seitdem hat sich das Bild grundlegend verändert — und zwar nicht, weil Menschen Tiere ausgesetzt hätten, sondern weil die Tiere selbst zurückgekommen sind.

I.Dreißig Jahre — eine Bilanz

Der Luchs

In den 1970er Jahren wurden im damals noch tschechoslowakischen Böhmerwald 17 Luchse aus den Karpaten ausgewildert. Sie vermehrten sich, wanderten über die Grenze in den Nationalpark Bayerischer Wald, und leben dort seit den späten 1980er Jahren in wachsender Zahl. Heute schätzt man die Population auf etwa 30–50 adulte Tiere auf bayerischer Seite. Ein einzelner Luchs braucht ein Streifgebiet von 100 bis 400 Quadratkilometern; das ist eine ganze Menge — und es erklärt, warum sie so selten zu sehen sind. Ein Luchs braucht den Raum, in dem wir alle wohnen.

Der Wolf

Der Wolf kehrte 2006 erstmals nach 150 Jahren wieder nach Bayern zurück — ein einzelnes Tier, das aus der Slowakei über Tschechien eingewandert war. Seitdem hat sich die Entwicklung beschleunigt: Stand 2024 leben in Bayern etwa 17 Wolfsrudel, mehrere davon im Bayerischen Wald. Ein Rudel besteht aus einem Elternpaar, den Welpen des aktuellen Jahres und oft noch Jungtieren des Vorjahrs — meist fünf bis acht Tiere. Sie beanspruchen Reviere von 150 bis 300 Quadratkilometern.

Der Biber

Der Biber war in Bayern bis 1867 ausgerottet. 1966 wurden Tiere aus Norwegen und Russland an der Donau wieder angesiedelt. Heute gibt es in Bayern rund 25 000 Biber — die größte Population Deutschlands. Sie sind auch im Landkreis Deggendorf an vielen Bächen wieder präsent. Die zweite Weiheranlage unterhalb von Eckhütt Eins zeigt unverkennbare Biber-Spuren an den jungen Birken.

Die Wildkatze

Die Europäische Wildkatze — nicht zu verwechseln mit verwilderten Hauskatzen — ist die leiseste Rückkehrerin. Sie war nie ganz weg, aber extrem selten. Seit den 2010er Jahren breiten sich die Bestände aus dem Spessart über Franken nach Osten aus; im Bayerischen Wald wurden in den letzten Jahren mehrere durch Fotofallen bestätigt. Ihre Rückkehr hängt davon ab, dass alte Laubbäume mit Höhlen stehenbleiben und Waldränder nicht zu aufgeräumt sind.

Der Fischotter

Der Fischotter, in den 1970er Jahren fast verschwunden, ist seit den 2000er Jahren entlang der Donau-Zuflüsse wieder auf dem Vormarsch. Auf den naturnahen Weihern rund um das Haus gibt es gelegentliche Spuren — meist im Winter, wenn der Schnee Abdrücke bewahrt.

Was abgenommen hat

Nicht alle Trends gehen nach oben. Das Auerhuhn, einst ein wichtiger Bewohner der Bergfichtenwälder, ist in den letzten dreißig Jahren stark zurückgegangen — es braucht altholzreiche, lichte Wälder, und davon gibt es zu wenige. Der Feldhase ist durch intensive Landwirtschaft unter Druck. Und der Schwarzstorch, der Schatten unserer Weiher, findet immer weniger ungestörte Brutgelände.

II.Was Tiere einander sagen

Waldtiere sprechen — nur nicht mit dem Mund im Sinne unserer Vorstellung. Jedes Tier kommuniziert durch mehrere Kanäle gleichzeitig.

Duft

Rehe hinterlassen an Schlagstangen und Bäumen Kopfdrüsensekrete — dort, wo sie die Stirn und die Tränendrüsen gegen die Rinde reiben. Jedes Tier kann am Duft erkennen, welches andere Reh wann hier vorbeigekommen ist, wie alt es ist, und ob es gerade brunftbereit war. Wer auf einem Pirschpfad einen „gefegten“ jungen Baum findet (Rinde abgewetzt, Spuren von Hornteilen) — das ist ein Rehbock, der seine Duftmarken gesetzt hat.

Wolf und Fuchs markieren mit Urin und Kot — nicht irgendwo, sondern an weithin sichtbaren Punkten: Wegkreuzungen, erhöhten Steinen, Wurzeltellern. Das ist die Grenzen-Signatur eines Reviers. Wildbiologen können an der Höhe der Markierung ablesen, ob das Tier männlich oder weiblich ist (Männchen heben das Bein, Weibchen hocken).

Stimme

Der Ruf des Rothirsches im September — das tiefe Röhren, das Kilometer weit trägt — ist das akustische Großereignis des Jahres im Bayerischen Wald. Er ist eine Drohung an andere Hirsche und eine Einladung an die Hirschkühe. Jeder Hirsch röhrt in einer individuellen Tonlage; die Kühe erkennen ihn daran.

Rehe bellen — ja, sie bellen, ein kurzes scharfes bäh!, das wie ein Hundegebell klingt. Das ist ein Warnruf, wenn sie Gefahr wittern. Wer es zum ersten Mal hört, hält es für einen Hund.

Wölfe heulen nicht ziellos. Jedes Heulen ist Kommunikation: „Ich bin hier.“ — „Wer seid ihr?“ — „Das ist mein Gebiet.“ Ein Rudel heult zusammen und versichert sich gegenseitig, dass alle noch da sind; das Heulen bindet die Gruppe.

Körpersprache

Die meiste Kommunikation läuft visuell. Ein Reh, das den Schwanz („Spiegel“) größer macht und die Fellhaare aufstellt, warnt die anderen. Ein Rothirsch, der den Kopf mit dem Geweih steif nach oben streckt, droht. Ein Luchs, der die Ohren anlegt, greift gleich an. Und ein Fuchs, der den Schwanz ganz tief trägt, ist unsicher.

III.Waldtiere und Menschen

Das Verhältnis der Waldtiere zu uns hat sich in einer Generation verändert. Tiere, die früher jede Siedlung mieden, leben heute in Stadtparks. Füchse in München, Wildschweine in Berlin, Waschbären in Hessen. Im Bayerischen Wald passiert das langsamer, aber es passiert.

Rehe sind hier weitgehend gewöhnt — sie ziehen sich zurück, wenn Sie kommen, aber sie fliehen nicht panisch. Ein Reh am Waldrand, das Sie auf hundert Meter sieht, wird eine Minute lang sichern, ob Sie gefährlich sind, und dann ruhig weiterzupfen.

Wildschweine nähern sich Siedlungen vor allem, wenn es Müll oder ungeschützte Komposthaufen gibt. Sie sind intelligent und merken sich jede Futterquelle. Im Bayerischen Wald selten, weil es ausreichend Eicheln und Wurzeln im Wald gibt — aber im Gebiet von Eckhütt Eins immer wieder.

Wölfe und Luchse meiden Menschen grundsätzlich. Die Meldungen von „gefährlichen Wolfsbegegnungen“ sind fast immer Einzelfälle, bei denen ein Tier Futter von Menschen gelernt hat (meist illegal gefüttert) oder krank war. Ein gesunder Wolf will nichts mit Menschen zu tun haben — er hört Ihren Herzschlag, bevor Sie seine Spur erkennen.

Was uns näher kommt als je zuvor: Hirsche. Mit der Zunahme der Ruhegebiete lernen Rothirsche, dass bestimmte Hangwiesen sicher sind — und stehen dort mittags in aller Ruhe. Für uns ein seltenes Bild; für den Wald ein Problem, weil sie dort auch Rinde schälen und jungen Bäumen die Triebe abfressen.


IV.Eine Anleitung zur Beobachtung

Die Zeit

Die besten Zeiten sind die zwei Schattenstunden: kurz vor Sonnenaufgang und das Stundenfenster vor Sonnenuntergang. Die meisten Säugetiere sind dämmerungsaktiv. Mittags liegen sie — auch im Sommer — im Dickicht und dösen.

Der Ort

Nicht mitten im Wald stehen. Am Rand bleiben — an der Lichtung, am Hang, an der Waldkante — und in die Fläche hineinsehen. Waldtiere wechseln zwischen Nachtruhe (Dickicht) und Äsungsfläche (Wiese, Lichtung). Genau diesen Übergang kann man sehen, wenn man am Rand steht.

Die Bewegung

Die goldene Regel: Schneller Mensch = unsichtbares Tier. Wer sich langsam bewegt (maximal einen Meter pro Sekunde), leise atmet und vor allem niemals mit dem Oberkörper schwankt oder die Arme hebt, wird übersehen. Tiere reagieren auf Bewegung, nicht auf Form.

Der Wind

Immer gegen den Wind gehen. Wenn der Wind Ihren Geruch vor Ihnen herträgt, laufen alle Tiere im Umkreis schon weg, bevor Sie die Stelle erreichen. Prüfen Sie es mit einem Taschentuch oder Gras: Hochwerfen, beobachten, wohin es fällt.

Die Spuren

Wenn Sie kein Tier sehen, dann lesen Sie, was es hinterlassen hat. Trittsiegel (Abdrücke der Hufe, Pfoten): Reh mit schmalen, spitzen Schalen, Wildschwein mit breiten Schalen und Gegäfter (Gegäfte sind die beiden Rückzehen, die beim Wildschwein Spuren hinterlassen). Losung (Kot): Rehlosung ist eiförmig-rund wie getrocknete Oliven; Fuchslosung ist verdreht, mit Federn und Knochen drin. Frass-Spuren: abgebissene Triebe (eckig = Reh, gerissen-faserig = Hase), abgeschälte Rinde (Rothirsch), gefallene junge Bäume mit charakteristischem Biber-Anbiss.

Fotofallen

Wer Waldtiere wirklich sehen will, ohne sie zu stören, kann eine Fotofalle aufstellen — eine Kamera mit Bewegungsmelder. Einfache Modelle gibt es ab ca. 80 Euro. An einer vielversprechenden Stelle (Wechsel, Suhle, Wasserstelle) aufhängen und nach drei Tagen auslesen. Das ist häufig die einzige Möglichkeit, Luchs oder Wildkatze zu belegen.

Das richtige Verhalten

Erstens — nie füttern. Auch nicht einmal. Ein Wildtier, das Menschen mit Nahrung verknüpft, wird gefährlich und muss später geschossen werden.

Zweitens — Abstand halten. Wenn ein Tier Sie wahrnimmt und sichert, sind Sie nah genug. Weitergehen = panische Flucht oder Angriff.

Drittens — Hunde an die Leine. Ein freilaufender Hund verfolgt Wild — auch der gutmütigste. Für trächtige Rehe im Mai oder Kühe mit Kälbern im Sommer ist das lebensgefährlich.

Viertens — leise sein. Kein Walkie-Talkie, kein Handy-Lautsprecher, kein lautes Reden in Wegabschnitten, die durch Dickicht führen. Der Wald ist nicht still, aber er ist leise — und Sie sollten sich anpassen.

Fünftens — auf den Wegen bleiben. Gerade in der Setz-Zeit (Mai bis Juli). Junge Tiere liegen oft geräuschlos im Gras; wer durchs Unterholz geht, tritt auf sie drauf oder macht die Mutter verlassen.


V.Was bleibt

Der Bayerische Wald von 2026 ist artenreicher als der von 1996. Das ist eine Nachricht, die man selten hört — und die trotzdem stimmt. Drei Arten sind zurück, die lange fort waren; mehrere stehen vor der Stabilisierung. Das Gleichgewicht ist dabei noch nicht gefunden, und es wird Konflikte geben, mit Weidewirtschaft, mit Forst, mit Menschen, die sich am ungewohnten Heulen des Wolfes reiben. Aber der Wald, den Sie sehen, wenn Sie früh aus der Tür treten, ist voller geworden.

Die Frage ist nicht mehr, ob die Tiere wieder da sind. Sie sind da. Die Frage ist, ob wir lernen, mit ihnen zu leben.