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Besondere Berufe · Japan

Geiko und Maiko.

Wer eine Kunst lebt, die fast verschwunden wäre. Eine schmale Gasse in Gion Kobu, die Inoue-Tanzschule, Diskretion als Berufsethik — und warum die Geisha-Tradition heute nur noch ein Promille ihrer Größe von 1920 hat, aber nicht weniger Substanz.

I.  Gion Kobu, Abend im November

Klacken auf dem Pflaster.

Eine schmale Gasse in Gion Kobu, im Zentrum von Kyoto, an einem Abend im November. Es ist halb sechs; die Dämmerung legt sich über die Stadt; die Holzfassaden der ochaya — der Tee-Häuser — werden von ihren Papierlaternen beleuchtet. Aus einer Tür tritt eine junge Frau heraus. Sie ist achtzehn Jahre alt; sie trägt einen langärmligen furisode-Kimono in tiefem Rot, mit gestickten Goldfäden. Ihr Obi ist sieben Meter lang und in einer ungewöhnlich tiefen Schlaufe gebunden, die fast bis auf den Boden hängt — der darari-Obi, das auffälligste Erkennungszeichen einer Maiko.

Was die Maiko ist, ist die Lehrlings-Form einer Tradition, die ihren Höhepunkt vor hundert Jahren hatte. Im Japan der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gab es etwa achtzigtausend Geisha in den Hanamachi, den Blumenstadtteilen, der großen Städte. Heute, hundert Jahre später, gibt es im ganzen Land etwa tausend. In Kyoto gibt es in den fünf Hanamachi — Gion Kobu, Gion Higashi, Pontochō, Kamishichiken, Miyagawachō — etwa zweihundertfünfzig vollausgebildete Geiko und etwa achtzig Maiko. Eine Schrumpfung von neunundneunzig Prozent in einem Jahrhundert.

Was die Geisha-Tradition von ihrem Beginn an auszeichnete, war eine wichtige Unterscheidung, die im Westen oft missverstanden wird. Geisha sind keine Prostituierten. Sie sind professionelle Künstlerinnen, die in den traditionellen japanischen Künsten — Tanz, Shamisen-Spiel, Gesang, Tee-Zeremonie, Konversation — ausgebildet sind und die für ihre Auftritte bei ozashiki-Banketts bezahlt werden. Ihre Tätigkeit ist die Unterhaltung, nicht die sexuelle Dienstleistung. In Kyoto wird der Begriff Geisha nicht verwendet; dort heißen die ausgebildeten Künstlerinnen Geiko, die Auszubildenden Maiko.

II.  Vier Phasen

Die Ausbildung.

Die Ausbildung zur Geiko ist eine der intensivsten Berufsausbildungen Japans. Sie verläuft in vier Phasen.

In der ersten Phase, Shikomi, die etwa sechs bis zwölf Monate dauert, lebt die junge Frau (in der Regel fünfzehn oder sechzehn Jahre alt) in einem Okiya, einem Wohnhaus, das von der Okā-san, der Mutter, einer ehemaligen Geiko, geführt wird. Sie trägt normale Kleidung, lernt den Kyoto-Dialekt, die Etikette, das Anziehen des Kimonos. Am Ende muss sie eine Prüfung beim Kenban ablegen.

In der zweiten Phase, Minarai (durch Beobachten lernen), die etwa zwei bis vier Wochen dauert, beginnt sie, eine ältere Geiko zu ozashiki zu begleiten. Sie trägt schon das volle weiße Make-up; sie sitzt am Rand des Banketts, beobachtet, lernt durch Anwesenheit. Sie redet noch nicht selbst.

In der dritten Phase, der eigentlichen Maiko-Phase, die in Kyoto fünf bis sechs Jahre dauert, ist sie eine Tanz-Mädchen. Sie tritt in ozashiki auf, tanzt, spielt Shamisen, singt. Sie wird einer älteren Geiko (Onee-san) zugewiesen, die für sie bürgt. Was die Maiko in dieser Zeit verdient, deckt knapp die Kosten ihrer Ausbildung; das Okiya macht keinen Profit aus der Lehrzeit.

In der vierten Phase, der Geiko-Phase, die mit dem zwanzigsten Geburtstag und einer Zeremonie namens Erikae (Wechsel des Kragens) beginnt, ist sie ausgebildete Künstlerin. Sie kann das Okiya verlassen und alleine wohnen. Eine etablierte Gion-Kobu-Geiko in mittlerer Karriere kann pro Jahr siebzigtausend bis hunderttausend Euro verdienen. Die Karriere kann beliebig lang dauern; einige Geiko treten bis in ihre Sechziger und Siebziger auf.

III.  Diskretion und Tradierung

Was im ozashiki gesprochen wird, bleibt dort.

Was den Beruf in Deutschland fremd erscheinen lässt, ist die Diskretions-Kultur. Was in einem ozashiki gesprochen wird, bleibt in der ozashiki. Die Geiko und Maiko erinnern sich an die persönlichen Details ihrer regelmäßigen Gäste, aber sie sprechen nicht über sie. Was sie in den Tee-Häusern hören — Geschäftsgeheimnisse von Spitzenmanagern, politische Strategien von Politikern, persönliche Vertraulichkeiten von Anwälten und Ärzten — bleibt in dem Raum, in dem es gesprochen wurde. Die Geiko ist als professionelle Vertrauensträgerin ausgebildet — eine Funktion, die es in Deutschland in dieser Form nicht gibt.

Eine Geiko ist nicht primär eine Unterhaltungs-Profi. Sie ist eine Künstlerin in einer der traditionellen japanischen Künste — meistens Tanz (in der Inoue-Schule in Gion Kobu) und Shamisen-Spiel. Eine ausgebildete Geiko hat in zehn bis fünfzehn Jahren mehrere tausend Stunden in der Tanz-Übung verbracht; ihre Beherrschung der einzelnen Tänze ist auf einem Niveau, das in der westlichen Tanz-Welt nur bei Ballettsolisten zu finden ist.

Was die Tradition heute trägt, ist eine Kombination aus Kultur-Erhaltung und einer kleinen, sehr loyalen Stammkundschaft. Pro Jahr beginnen in den fünf Kyoto-Hanamachi insgesamt zehn bis zwanzig Mädchen die Shikomi-Phase; etwa die Hälfte erreicht die Maiko-Phase. Was sie in den Beruf zieht, ist nicht primär ein finanzielles Motiv, sondern die Liebe zu den traditionellen japanischen Künsten.

Was sie zeigt, ist eine Möglichkeit, die in der westlichen Welt selten wahrgenommen wird: dass eine Tradition durch radikale Schrumpfung überleben kann. Die Geiko-Welt von heute ist nicht eine geschwächte Version der Geisha-Welt von 1920. Sie ist eine konzentrierte Version — kleiner, aber nicht schwächer; weniger sichtbar, aber nicht weniger wirksam in dem, was sie tut. Die achtzig Maiko in Kyoto repräsentieren weniger als ein Promille der Geisha-Bevölkerung der zwanziger Jahre; aber jede einzelne von ihnen ist auf einem Niveau ausgebildet, das im historischen Durchschnitt selten erreicht wurde. Was übrig geblieben ist, ist nicht die Masse, sondern die Substanz.