Besondere Berufe · Indien
Die Saree-Weberin.
Wer ein Kleidungsstück monatelang erfindet. Madanpura in Varanasi, ein Pit-Loom mit Naqsha-Vorlagen, Maulbeerseide mit echtem Gold — und 1,2 Millionen Menschen in der Region, die in der Saree-Industrie arbeiten.
I. Madanpura, Vormittag im November
Fünf bis sieben Zentimeter pro Tag.
Eine schmale Gasse in Madanpura, einem Stadtteil von Varanasi am westlichen Ufer des Ganges, an einem Vormittag im November. Aus einem niedrigen Haus dringt das gleichmäßige Schlagen eines Webstuhls. Im Inneren sitzt eine Frau Mitte fünfzig auf einer schmalen Holzbank, die Beine in einer Grube unter dem Webstuhl, die Hände an einer Reihe von Schäften, die Füße an Pedalen. Sie wirft das Schiffchen — eine kleine, mit Goldfaden umwickelte Spindel — von einer Seite zur anderen.
Über ihr spannt sich ein vorgezogenes Muster, das wie ein Notenblatt aussieht, aber tatsächlich ein hochkomplexes Webdiagramm ist — eine Vorlage in naqsha-Schrift, einer in Varanasi seit dem fünfzehnten Jahrhundert verwendeten Notation, die jeden einzelnen Faden und jede einzelne Knüpfung verzeichnet.
Was sie an diesem Vormittag webt, ist eine Banaras-Saree für eine Hochzeit, die in fünf Monaten in Mumbai stattfinden wird. Die Saree wird aus reiner Maulbeerseide bestehen, mit zari — Gold- und Silberfäden, die echtes Gold und Silber enthalten. Das Muster ist Jangla, ein dichtes, sich überlagerndes Netz aus floralen Motiven. Eine Jangla-Saree dieser Qualität braucht zwischen drei und sechs Monaten Webzeit. Sie webt etwa fünf bis sieben Zentimeter pro Tag.
Die fertige Saree wird für etwa zweihunderttausend Rupien verkauft — etwa zweitausendvierhundert Euro. Vom Endpreis erhält die Weberin etwa fünfzehntausend Rupien, knapp einhundertachtzig Euro. Das ist weniger als ein Euro pro Tag, gerechnet auf die Webdauer. In der Sprache ihrer Stadt ist sie eine Bunkar — ein Sammelbegriff für Weberinnen und Weber. Genauer: aus einer der Ansari-Webfamilien Madanpuras, die die Banaras-Saree-Tradition seit etwa dreihundert Jahren tragen.
II. Banaras und Kanchipuram
Zwei Welten innerhalb Indiens.
Die Saree ist eines der ältesten ungeschnittenen Kleidungsstücke der Welt. Sie ist ein einzelnes Stück Stoff, fünf bis neun Meter lang, das auf eine bestimmte Weise um den Körper geschlungen wird. Die Saree als Kleidungsstück geht auf die spätbronzezeitlichen Kulturen Indiens zurück; sie ist seit mindestens viertausend Jahren in dieser Form bezeugt. Indien hat heute über vierzig anerkannte regionale Saree-Traditionen.
Banaras ist die Tradition der mughalisch beeinflussten Brokat-Weberei. Die Stadt Varanasi war in der Mughal-Zeit ein wichtiges Webzentrum, in das aus Gujarat persisch-muslimische Weberfamilien eingewandert sind. Die typischen Banaras-Muster — Jangla, Tanchoi, Cutwork, Butidar, Jamdani — sind alle aus diesem persisch-mughalischen Erbe entstanden. Bis heute ist eine Banaras-Saree das traditionelle Hochzeitsgewand vieler nordindischer Bräute.
Kanchipuram ist die südindische Gegen-Tradition. Die Stadt Kanchipuram, etwa siebzig Kilometer von Chennai entfernt, gilt seit über vierhundert Jahren als das Zentrum der südindischen Seidenweberei. Was sie auszeichnet, ist eine eigenwillige Technik der Korvai-Borden — die Bordüre und der Pallu werden separat von dem Hauptkörper der Saree gewebt. Eine Kanchipuram-Saree ist deutlich schwerer als eine Banaras-Saree (ein Kilogramm und mehr); sie gilt als das traditionelle Hochzeitsgewand südindischer Bräute.
III. 1,2 Millionen Menschen
Was die Tradition bedroht und was sie trägt.
Eine Banaras-Saree wird in einem Verfahren hergestellt, das im Wesentlichen seit dem siebzehnten Jahrhundert unverändert ist. Wer in der Banaras-Tradition webt — Frauen wie Männer —, arbeitet in der Regel in einer Familie, die diesen Beruf seit drei, vier, fünf Generationen ausübt. Die Werkstätten sind oft Teil der Wohnhäuser. Insgesamt arbeiten in der Region um Varanasi nach Schätzungen 1,2 Millionen Menschen direkt oder indirekt in der Banaras-Saree-Industrie.
Was die Banaras-Tradition seit den 1990er Jahren bedroht, ist die Konkurrenz durch maschinell hergestellte Imitate, oft aus Surat in Gujarat oder aus China importiert. Eine gewebte Banaras-Saree kostet zwischen fünfzigtausend und mehreren hunderttausend Rupien; eine maschinell hergestellte Imitation kostet zwei- bis fünftausend Rupien. Nur etwa fünf bis zehn Prozent des indischen Saree-Markts sind heute noch handgewebt. Tausende Werkstätten in Varanasi haben in den letzten dreißig Jahren geschlossen.
Im Jahr 2009 hat die indische Regierung den Banaras Brocades and Sarees eine Geographical Indication verliehen — ein geographisches Herkunftsschutzrecht ähnlich dem europäischen GI-System. Eine zweite Entwicklung der letzten Jahre ist die Entstehung von direct-to-consumer-Marken — Tilfi Banaras, Ekaya, Sacred Weaves —, die zwischen Weberinnen und Webern und Endkunden eine direkte Verbindung herstellen, den Namen der handwerkenden Person zeigen und einen größeren Anteil zur Werkstatt zurückfließen lassen.
Was die Saree-Weberei ungewöhnlich macht, ist die demographische Skala. Affineure gibt es weltweit etwa hundert; chefs de cave in der Champagne gibt es etwa vierzig; Lutiers in Cremona gibt es hundertfünfzig; Parfumeure auf Spitzenniveau gibt es weltweit fünfhundert. Saree-Weberinnen und -Weber in Varanasi gibt es Hunderttausende. Die indische Saree-Industrie ist nicht eine kleine Spitzen-Tradition, sondern ein massenhafter Wirtschaftszweig. Was klassengebunden ist, ist nicht das Kleidungsstück selbst, sondern die Qualität der einzelnen Saree.
Wer in Madanpura durch die schmalen Gassen geht und das gleichmäßige Schlagen der Webstühle aus den Häusern hört, hört einen Klang, der seit dreihundert Jahren gleich ist. Er hört auch eine Welt, die auf der Kippe steht. Was den Bunkar — den Weberinnen und Webern dieser Tradition — fehlt, ist nicht die Tiefe ihres Handwerks. Was ihnen fehlt, ist eine Klientel, die ihre Arbeit angemessen bezahlt.