Zum Inhalt springen

Besondere Berufe · Japan

Der Kimonohersteller.

Wer in einer Kette von Spezialisten arbeitet. Eine Werkstatt im Stadtteil Nishijin in Kyoto, sechsundzwanzig Arbeitsschritte, zwölf bis fünfzehn Spezialisten — der Kimono ist nicht ein Beruf, sondern eine Kette.

I.  Nishijin, Vormittag im April

Eine halbe Millimeter breite Linie.

Eine Werkstatt im Stadtteil Nishijin in Kyoto, an einem Vormittag im April. Es ist ein altes Machiya-Haus, ein traditionelles Stadthaus mit schmaler Front und tiefem Innenraum. In einem der Räume, vom Vorderhof her gesehen dem dritten, sitzt ein Mann an einem flachen Tisch und arbeitet mit einer dünnen Bambus-Pipette, an deren Ende eine winzige Metallspitze sitzt. Aus der Pipette tropft eine zähflüssige weißliche Paste — itome-nori, hergestellt aus Klebreismehl und Reiskleie.

Was der Mann mit dieser Paste tut, ist nicht offensichtlich. Er zieht damit auf einer weißen Seide feine, durchgehende Linien — die Konturen eines Musters aus Pflaumenblüten, Pinien und fließendem Wasser. Die Linien sind etwa einen halben Millimeter breit. Er zieht sie ohne Vorlage. Er ist seit dreißig Jahren Itome-Spezialist.

Was er an diesem Vormittag tut, ist der dritte Schritt in einem Verfahren, das aus mindestens sechsundzwanzig Schritten besteht. Vor ihm hat ein anderer Spezialist die Skizze des Musters gezeichnet. Nach ihm wird ein Färber kommen, der die Felder zwischen den Linien einzeln einfärbt. Dann ein zweiter Färber, ein Dampfer, ein Wäscher, ein Stickerei-Spezialist, ein Goldfolien-Spezialist. Erst nach all diesen Schritten geht der bedruckte Stoff an den Wasai-Schneider, der aus den verschiedenen Stoffbahnen den fertigen Kimono zusammennäht.

Ein Hochzeits-Furisode mit langen, fließenden Ärmeln kostet drei Monate Arbeit von zwölf bis fünfzehn Spezialisten. Preis: anderthalb bis zwei Millionen Yen, etwa zehn- bis fünfzehntausend Euro. Wer ihn kauft, kauft ihn nicht für sich, sondern für seine Tochter oder Enkeltochter. Er wird einmal getragen werden — auf der Hochzeit oder einer formalen Familienfeier — und dann sorgfältig in einer mit Holzkohle ausgekleideten Tansu-Kommode aufbewahrt, oft über Generationen.

II.  Yūzen seit 1680

Eine Kette über Generationen.

Der Kimono ist nicht ein einzelner Beruf, sondern eine Kette. Was im Westen oft als die japanische Tradition zusammengefasst wird, ist tatsächlich eine sehr feinteilige Aufteilung von Arbeitsschritten zwischen mehreren Berufsgruppen, deren jede in der Regel über mehrere Generationen in derselben Familie weitergegeben wird.

Die Kette beginnt mit dem Weber. Der traditionelle Webstuhl der Nishijin-Tradition — takabata, der hohe Webstuhl — ist seit dem fünfzehnten Jahrhundert in Kyoto in Gebrauch. Ein einzelner Stoffballen für einen formalen Kimono ist etwa zwölf Meter lang und neununddreißig Zentimeter breit; das Weben dauert mehrere Wochen.

Dann kommt der Färber. Die wichtigste Technik ist Yūzen, die in den 1680er Jahren in Kyoto vom Fächermaler Miyazaki Yūzensai (1654–1736) entwickelt wurde. Yūzensai war ursprünglich Maler, der Bilder auf Falt-Fächer malte. Er entwickelte eine Methode, mit der er die freie Linienführung seiner Fächer-Malerei auf Seide übertragen konnte — die itome-nori-Technik. Mit Yūzen konnte praktisch jedes Bild, das ein Maler auf Papier zeichnen konnte, auf Seide übertragen werden. Heute gibt es drei regionale Varianten: Kyō-Yūzen aus Kyoto (aristokratisch), Kaga-Yūzen aus Kanazawa (naturalistisch) und Tōkyō-Yūzen (urban-schlicht).

Nach dem Färben kommt der Wasai-Schneider. Was den Wasai-Schneider von einem westlichen Schneider unterscheidet, ist eine völlig andere Konstruktionslogik. Ein westlicher Anzug wird auf den individuellen Körper zugeschnitten. Ein Kimono ist demgegenüber zweidimensional: er besteht aus rechteckigen Stoffstücken, die an geraden Linien zusammengenäht werden. Was den fertigen Kimono an den Körper anpasst, ist nicht die Schnittführung, sondern die Bindung mit dem Obi.

Diese zweidimensionale Konstruktion hat eine wichtige Konsequenz: Ein Kimono ist reversibel. Er kann am Ende vollständig aufgetrennt und wieder in seine ursprünglichen rechteckigen Stoffstücke zerlegt werden. Diese Stücke können dann gewaschen, gefärbt, geflickt und zu einem neuen Kimono zusammengesetzt werden. Die wichtigsten Wasai-Werkstätten sind heute auch Kimono-Restaurations-Werkstätten, in denen Kimonos der Großmutter zu Kimonos der Enkelin umgearbeitet werden. Das ist nicht eine ökonomische Notlösung, sondern eine eingebaute Eigenschaft des Kleidungsstücks.

III.  Die drei Eigenarten

Was den Kimono in Deutschland fremd erscheinen lässt.

Erstens die radikale Arbeitsteilung. In der westlichen Tradition produziert ein einzelner Schneider einen Anzug weitgehend selbst. In der japanischen Tradition liegt jeder einzelne Schritt bei einem eigenen Spezialisten. Wer als Itome-Spezialist arbeitet, lernt sein Handwerk vierzig Jahre lang. Wenn ein einziger der Spezialisten ausstirbt, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen, ist die ganze Kette unterbrochen.

Zweitens die Anonymität der Spezialisten. In der westlichen Mode kennt der Käufer den Designer. In der japanischen Kimono-Tradition kennt der Käufer höchstens das Haus, das den Kimono verkauft, aber selten die Spezialisten, die ihn produziert haben. Der Itome-Mann in der dritten Werkstatt der Nishijin-Straße bleibt für den Käufer namenlos.

Drittens die zeitliche Kohäsion. Ein Kimono ist nicht ein Stück, das einer Saison angehört. Er ist ein Stück, das Generationen überlebt. Wer einen Kimono herstellt, weiß, dass er von Frauen getragen werden wird, die heute noch nicht geboren sind.

Was die Kimono-Tradition heute unter Druck setzt, ist nicht primär ein ästhetischer Wandel, sondern ein ökonomischer und demographischer. Heute werden Kimonos überwiegend zu formalen Anlässen getragen. Mit dem Rückgang der Trage-Praxis ist auch die Nachfrage nach den traditionellen Werkstätten gesunken. Die japanische Regierung setzt dem mit Anerkennung als immaterielles Kulturerbe und mit dem Titel Lebender Nationaler Schatz entgegen. Ob das ausreichen wird, das hochkomplexe Geflecht zu erhalten, wird sich in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren zeigen.

Wer eine Kyoto-Werkstatt besucht und den Spezialisten bei seinem einzelnen Schritt zusieht, sieht eine Welt, die mit der westlichen Mode wenig zu tun hat. Was in der westlichen Welt als Kleidungsstück bezeichnet wird, ist in dieser Welt ein Werk — ein Werk, das aus der Zusammenarbeit vieler Hände entsteht, das niemandem von ihnen ganz gehört, das eine eigene Lebensspanne über die Generationen hinweg hat.