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Besondere Berufe · Japan

Der Urushi-Lackmaler.

Wer aus einem Pflanzensaft ein Jahrhundert-Material macht. Eine Werkstatt in Wajima, ein Lack, den Wasser härtet, eine Schale, die in zweitausend Jahren noch glänzen wird — und das Erdbeben vom Januar 2024.

I.  Wajima, Vormittag im Oktober

Die zweiunddreißigste Schicht.

Eine Werkstatt in Wajima, einer kleinen Stadt an der äußersten Spitze der Noto-Halbinsel im Japanischen Meer. Die Werkstatt ist klein, einige zwanzig Quadratmeter. Die Luft ist feucht — die Luftfeuchtigkeit liegt zwischen siebzig und achtzig Prozent. Auf einem niedrigen Tisch in der Mitte des Raumes steht eine kleine Schale aus Holz, deren Oberfläche mit einer dünnen, glänzenden Schicht überzogen ist. Daneben sitzt ein Mann Anfang siebzig und arbeitet mit einem feinen Pinsel. Was er an diesem Vormittag tut, ist die zweiunddreißigste Lackschicht.

Der Mann ist Lackmaler — Urushi-shi. Was er aufträgt, ist Urushi, der Saft des Lackbaums Toxicodendron vernicifluum. Bei Hautkontakt wirkt der Saft hochgiftig — die Reaktion ähnelt einer schweren Allergie gegen Giftefeu, mit Bläschen, Brennen und Schwellungen, die wochenlang dauern können. Wer als Anfänger einsteigt, durchlebt mehrere allergische Schübe, bis sein Körper sich gewöhnt hat. Manche Menschen werden nie immun und müssen den Beruf aufgeben. Wer ihn weiterführt, hat eine zweifache Beziehung zu seinem Material: Es kann ihn vergiften — und es kann jahrhundertelang halten.

Was die Schale am Ende sein wird, ist eine Suppenschale für die Tee-Zeremonie. Sie wird aus etwa fünfundsiebzig bis hundertdreißig einzelnen Arbeitsschritten bestehen, über mehrere Monate. Jede Schicht muss vor dem Auftragen der nächsten vollständig ausharten — und das Aushärten von Urushi ist eine Eigentümlichkeit, die das ganze Material besonders macht: Anders als die meisten Lacke trocknet Urushi nicht durch Verdunsten in trockener Luft. Es härtet durch Polymerisation unter Feuchtigkeit. Wer eine Schicht in einem trockenen Raum aufträgt, sieht, wie sie tagelang flüssig bleibt. Wer sie in einem feuchten Raum aufträgt, sieht, wie sie über Nacht zu einer kristallharten, wasserdichten Schicht wird. Diese paradoxe Eigenschaft — Wasser als Trocknungsmittel — ist es, was den Lack zum geheimsten und prestigeträchtigsten Material der japanischen Materialkultur gemacht hat.

II.  Neuntausend Jahre alt

Wajima-nuri und die anderen Traditionen.

Der Beruf des Urushi-shi geht in Japan auf etwa neuntausend Jahre zurück. Bei archäologischen Ausgrabungen aus der Jōmon-Zeit (etwa 14.000 v. Chr. bis 300 v. Chr.) wurden Werkstücke gefunden, die mit Urushi lackiert sind und bis heute glänzen — obwohl sie neuntausend Jahre im feuchten Boden lagen. Diese Beständigkeit ist das, was Urushi von allen anderen Beschichtungsmaterialien unterscheidet.

Wajima-nuri aus der Stadt Wajima auf der Noto-Halbinsel gilt als die Königin der Lacktraditionen — Urushi no Jo-oh nennen die Japaner sie. Wajima-nuri zeichnet sich durch eine besondere Robustheit aus, die durch eine Schicht aus pulverisiertem Diatomeenerd-Lehm (ji-no-ko) zwischen Holz und Lack erzeugt wird. Wajima-Stücke können fallengelassen werden, sie können gespült werden, sie können täglich benutzt werden. Andere wichtige Traditionen sind Kyō-nuri aus Kyoto (höfische Eleganz), Aizu-nuri aus Fukushima (kräftige Goldverzierungen), Yamanaka-nuri aus Ishikawa (feines Holzdrechseln).

Innerhalb jeder Tradition gibt es weitere Spezialisierungen. Maki-e (蒔絵, gestreutes Bild) ist die Technik, mit der Goldpulver in eine noch feuchte Lackschicht gestreut wird. Chinkin (沈金, versunkenes Gold) ist die Gegen-Technik: feine Linien werden in den ausgehärteten Lack eingraviert und dann mit Gold ausgefüllt. Kyūshitsu ist die schmucklose, monochrome Lackoberfläche — die Vollkommenheit liegt allein in der Tiefe der Schichten.

An der Spitze der Profession stehen die Lebenden Nationalen Schätze. Von den fünfundfünfzig bis sechzig lebenden Trägern dieses Titels in den handwerklichen Disziplinen sind etwa elf Urushi-Spezialisten — eine außergewöhnlich hohe Zahl. Vier davon sind mit Wajima-nuri verbunden. Der international bekannteste lebende Träger ist Murose Kazumi (geboren 1950), der für Maki-e anerkannt ist.

III.  Material, Region, Erdbeben

Was Wajima zur Schwachstelle wurde.

Urushi lässt sich nicht durch synthetische Lacke ersetzen, ohne die Tradition zu verlieren. Der Lackbaum wächst in Japan, China, Korea und Vietnam; er braucht zehn Jahre Wachstum, bevor er das erste Mal angezapft werden kann; er gibt pro Anzapfung nur etwa hundertachtzig Gramm Saft, und ein Baum produziert in seinem ganzen Leben etwa eineinhalb bis zwei Liter, bevor er gefällt wird. Der Großteil des in Japan verwendeten Urushi wird heute aus China importiert. Die höchste Qualität, Daigo-Urushi aus Ibaraki, kostet mehrere tausend Euro pro Kilo.

Wajima-nuri lässt sich theoretisch überall herstellen. Praktisch nur in Wajima, weil die Stadt eine über Jahrhunderte gewachsene Infrastruktur hat — die Schule, die Werkstätten, die Materiallieferanten, die Spezialisten für jede Stufe. Wer als Drechsler in Wajima arbeitet, weiß, dass die Holzteile, die er produziert, in der Werkstatt seines Nachbarn drei Häuser weiter mit der Lehmschicht versehen werden, dass sie dann zu der Werkstatt am Ende der Straße gehen, wo der Mittellack aufgetragen wird. Diese geographische Konzentration ist ähnlich der Cremoneser Geigenbau-Tradition.

Im Januar 2024 ereignete sich auf der Noto-Halbinsel ein schweres Erdbeben der Stärke 7,6, das große Teile von Wajima zerstörte. Etwa zweihundert der traditionellen Werkstätten wurden vollständig vernichtet, weitere mehrere hundert beschädigt. Mehrere ältere Lebende Nationale Schätze, deren Werkstätten zerstört wurden, haben angekündigt, ihren Beruf nicht mehr aufzunehmen. Der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern. Was eine Konzentration in einer Stadt geleistet hat, hat das Erdbeben in einem einzigen Tag zur Schwachstelle gemacht.

Urushi ist im japanischen Kontext nicht nur ein Material, sondern eine Substanz mit ritueller Bedeutung. Eine Wajima-nuri-Schale, die heute hergestellt wird, kann mit einiger Sicherheit gesagt werden, dass sie im Jahr 2300 noch glänzen wird. Diese zeitliche Tiefe ist es, die den Beruf trägt — und die ihm eine Würde gibt, die einen Lackierer in Deutschland nicht umgibt. In Deutschland ist das Lackieren eine Hilfsfunktion. In Japan steht der Urushi-shi mit dem Geigenbauer, dem Schwertschmied und dem Tee-Meister auf einer kulturellen Ebene.