Zum Inhalt springen

Besondere Berufe · Japan

Der Washi-Schöpfer.

Wer Pflanzenfasern in Papier verwandelt, das zu lange hält. Eine Werkstatt in Mino, eiskaltes Wasser, ein Bambussieb — und ein Papier, das die Vatikan-Bibliothek für ihre Restaurierungen verwendet.

I.  Mino, Februarmorgen, minus drei Grad

Eine Bewegung, die fast tänzerisch wirkt.

Eine Werkstatt in Mino, einer kleinen Stadt in der Präfektur Gifu in Zentral-Japan. Das Thermometer zeigt minus drei Grad. In einer langen, niedrigen Holzhütte steht ein Mann Mitte sechzig vor einem flachen Holzbottich, gefüllt mit eiskaltem Wasser. In dem Wasser schwimmen weiße Fasern — kōzo, die Innenrinde des Maulbeerbaums, die seit dem Spätherbst gekocht, gewaschen, geschlagen und gewässert wurde.

Über dem Bottich hält der Mann ein Sieb aus feinem Bambusgeflecht. Mit einer Bewegung, die fast tänzerisch wirkt, taucht er das Sieb in die Faserbrühe ein, hebt es heraus, schüttelt es zweimal von links nach rechts, lässt das überschüssige Wasser ablaufen, taucht es ein zweites Mal ein. Auf der Oberfläche des Siebes hat sich ein dünner, gleichmäßiger Faserfilm gebildet — eine Schicht von etwa einem Zehntelmillimeter. Das ist ein Bogen Washi.

Der Mann ist Kano Takeshi. Er ist einer der acht Papierhandwerker in Mino, die für die Herstellung von Honminoshi qualifiziert sind, der reinsten und traditionellsten Form des Mino-Papiers. Was er seit dreißig Jahren gelernt hat, hat er unter einem Mitglied der Vereinigung zur Erhaltung des Honminoshi mindestens zehn Jahre als Lehrling gearbeitet, bevor er die Qualifikation erhielt. Was er produziert, ist Papier, das mehr als tausend Jahre überdauern kann.

II.  UNESCO 2014 · Drei Traditionen

Sekishū-Banshi, Hon-Minoshi, Hosokawa-shi.

Der Beruf des Washi-Schöpfers geht in Japan auf das siebte Jahrhundert zurück. Die Technik wurde im Jahr 610 von einem koreanischen buddhistischen Mönch nach Japan gebracht. Was die Japaner aus dieser koreanischen Technik machten, war eine eigene Variante: Anstatt — wie in China und Korea üblich — die Fasern in einer einzelnen Schicht zu sieben (tame-zuki), entwickelten sie ab dem zehnten Jahrhundert das nagashi-zuki-Verfahren, in dem das Sieb mehrfach in die Brühe eingetaucht und geschüttelt wird. Was diese Technik erzeugt, ist Papier mit feinerer Faserstruktur, größerer Stabilität und längerer Lebensdauer als die kontinentalen Varianten.

Drei Washi-Traditionen wurden im November 2014 von der UNESCO gemeinsam als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt: Sekishū-Banshi aus der westlichen Präfektur Shimane, Hon-Minoshi aus Gifu, und Hosokawa-shi aus Saitama. Sekishū-Banshi aus Hamada gilt als das stärkste Washi Japans — eine Anekdote aus der Edo-Zeit erzählt, dass die Kaufleute in Osaka ihre Geschäftsbücher bei einem Hausbrand in den Brunnen warfen und sie Tage später aus dem Wasser zogen, trockneten und weiter verwendeten. Hon-Minoshi ist die feinste — das älteste erhaltene Mino-Papier datiert auf das Jahr 702 und wurde als Familienregister verwendet.

Westliches Industrie-Papier wird aus Holzfasern hergestellt, die durch chemische Aufschluss-Verfahren auf eine Länge von etwa einem Millimeter zerkleinert werden. Washi aus kōzo-Fasern verwendet Fasern in einer Länge von einem Zentimeter und mehr — das Zehnfache. Diese langen Fasern verflechten sich beim Schöpfen zu einem Filz, der eine viel höhere mechanische Stabilität hat. Gleichzeitig wird Washi in einem rein mechanischen Verfahren ohne chemische Zusätze hergestellt; das Papier ist neutral oder leicht alkalisch und altert über tausend Jahre kaum. Ein Mino-Papier aus dem achten Jahrhundert, das im Shōsōin-Tempelschatz in Nara aufbewahrt wird, ist heute, dreizehnhundert Jahre später, weitgehend in seinem Originalzustand erhalten. Westliches Industrie-Papier des achtzehnten Jahrhunderts ist meist schon zu Pulver zerfallen.

III.  Im Vatikan, in Washington, in London

Wer das westliche Buch trägt.

Was klingt wie eine japanische Kuriosität, ist tatsächlich zu einem zentralen Element der westlichen Restaurierungs-Praxis geworden. Wer in einem westlichen Museum oder Archiv ein altes Buch restauriert, verwendet Washi — meistens Tengujo-shi, eine besonders dünne Variante —, um zerrissene Seiten zu reparieren, lose Buchrücken zu stabilisieren, schwache Stellen zu verstärken. Die Fasern sind so fein, dass dünnstes Washi praktisch durchsichtig wird; man kann es über eine zerrissene Stelle einer alten Pergament-Handschrift legen, und der darunterliegende Text bleibt lesbar.

Die Vatikan-Bibliothek, die Library of Congress in Washington, die British Library in London, die Bayerische Staatsbibliothek in München arbeiten alle mit japanischem Washi. Die japanische Papier-Tradition trägt einen wichtigen Teil der westlichen Buchkultur unsichtbar mit.

In den drei UNESCO-anerkannten Traditionen ist die Produktion nicht eine einzelne Werkstatt, sondern eine ganze Gemeinde. Eine Maulbeerbaum-Plantage muss gepflegt werden — von Bauern, die seit Generationen die Bäume bewirtschaften. Die geernteten Rinden müssen gekocht, gewaschen, geschlagen werden — in Teamarbeit, in den langen Winterwochen. Der Schöpfer selbst ist nur der Endpunkt einer Kette, die das ganze Dorf beschäftigt. Was in Mino Hon-Minoshi heißt, ist die Arbeit von etwa zweihundert Personen, die zusammen die acht qualifizierten Schöpfer mit Material und Vorarbeit versorgen.

Wer in Mino in einer Schöpf-Werkstatt steht und dem Mann zusieht, wie er das Sieb mit der einen Bewegung in die Brühe taucht, schüttelt, herausnimmt — eine Bewegung, die er hunderte Male am Tag macht, mit einer Konzentration, die fast wie eine Meditation wirkt — sieht eine Geste, die seit dreizehnhundert Jahren in Japan vollzogen wird. Was er hervorbringt, ist eine Schicht von Pflanzenfasern, die in tausend Jahren noch lesbar sein wird, wenn jemand etwas darauf schreiben sollte. In einer Welt, in der die meisten Dokumente nur noch digital existieren — und damit eine Lebenserwartung haben, die mit der Lebenserwartung der einzelnen Festplatte oder des einzelnen Cloud-Anbieters identisch ist —, ist das eine seltsam tröstliche Beobachtung.