Besondere Berufe · Japan
Die Ryokan-Familie.
Wer ein Haus über sechsundvierzig Generationen führt. Das Hōshi Ryokan in Awazu Onsen wurde 718 gegründet und wird seitdem ununterbrochen von derselben Familie geführt — das älteste familiengeführte Unternehmen der Welt.
I. Awazu Onsen, Vormittag im Mai
Sechsundvierzig Vater-Sohn-Paare.
Awazu Onsen, ein kleiner heißer Quell-Ort am Westrand der Stadt Komatsu in der Präfektur Ishikawa, an einem Vormittag im Mai. Das Tal ist eng, am Ufer eines kleinen Flusses. In der Mitte des Ortes steht ein langer, niedriger Holzbau mit geschwungenem Dach. Der älteste Teil ist aus dem fünfzehnten Jahrhundert; die jüngeren Trakte aus dem zwanzigsten. Das Haus hat hundert Zimmer und kann vierhundertfünfzig Gäste beherbergen. Es heißt Hōshi Ryokan. Der jetzige Eigentümer ist der sechsundvierzigste Zengoro Hōshi.
Was er führt, ist das älteste familiengeführte Hotel der Welt. Hōshi Ryokan wurde im Jahr 718 nach Christus gegründet. Es wird seitdem ohne Unterbrechung von derselben Familie geführt, in einer ungebrochenen Reihe von achtundvierzig Generationen. Im Vergleich: Als Karl der Große im Jahr 800 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, hatte das Hōshi Ryokan bereits zweiundachtzig Jahre Tradition hinter sich. Als Cremona seine erste Geigenbauer-Werkstatt eröffnete, war das Hōshi Ryokan über achthundert Jahre alt.
Die Geschichte beginnt mit einem buddhistischen Mönch namens Taichō Daishi, der im frühen achten Jahrhundert in den Bergen Zentral-Japans Erleuchtung suchte. Eines Nachts erschien ihm der Berggott des heiligen Hakusan in einer Vision und teilte ihm mit, dass in einem nahen Tal eine unterirdische heiße Quelle verborgen sei, deren Wasser die Kraft habe, Krankheiten zu heilen. Taichō reiste in das Tal, fand die Quelle, und wies seinen Lieblingsschüler Garyō Hōshi an, dort ein Sanatorium zu errichten. Garyō tat das im Jahr 718. Was als Sanatorium begann, wurde unter dem ersten Zengoro Hōshi zu einer Herberge.
II. Iemoto-System
Die Regel: der älteste Sohn.
Was die Familie über die Jahrhunderte ungebrochen weiterführen ließ, war eine einfache Regel: Der älteste Sohn übernimmt das Haus und nimmt den Namen Zengoro Hōshi an. Die anderen Kinder erben einen Anteil am Familienvermögen, gehen aber in andere Berufe. Diese Regel hat zwei Vorteile. Erstens vermeidet sie die Aufspaltung des Familieneigentums. Zweitens stellt sie sicher, dass jeder neue Zengoro von früher Jugend an in die Führung des Hauses hineinwächst. Der jetzige sechsundvierzigste Zengoro Hōshi hat einmal in einem Interview gesagt: Seit ich geboren wurde und das erste Mal weinte, hat mir jeder gesagt, dass ich das Hōshi Ryokan übernehmen würde.
Was das iemoto-System aushält, sind politische Umbrüche, ökonomische Krisen, Krieg und Frieden. Was es nur schwer aushält, ist der Tod des designierten Erben. Im Jahr 2013 starb der älteste Sohn des sechsundvierzigsten Zengoro Hōshi und seiner Frau Chizuko unerwartet, bevor er das Haus übernehmen konnte. Die Familie stand vor einer Entscheidung, die seit dreizehnhundert Jahren nicht in dieser Form anstand.
Was sie entschieden, war eine Bruchstelle in der Tradition und gleichzeitig ihre Fortsetzung. Die jüngere Tochter des Paares, Hisae, kehrte nach Awazu zurück und übernimmt nun die Vorbereitung auf die Führung des Hauses. Sie wird die siebenundvierzigste Generation sein. Was sich gezeigt hat: Die Tradition kann sich anpassen. Sie hat eine Tochter angenommen, was sie in tausend Jahren nicht getan hat. Aber sie bleibt.
III. Omotenashi und die Verantwortungslogik
Treuhänder, nicht Investor.
Ein Ryokan ist nicht primär ein Hotel im westlichen Sinne. Es ist ein Ort, an dem die Gastfreundschaft als spirituelle Praxis verstanden wird. Was omotenashi genannt wird, ist nicht eine Service-Leistung gegen Bezahlung, sondern eine Form der Aufmerksamkeit, in der das Wohl des Gastes zum eigentlichen Inhalt der Arbeit wird.
Im Hōshi Ryokan wird jeder Gast bei der Ankunft mit einer traditionellen Tee-Zeremonie begrüßt. Er erhält ein Yukata, das er für die Dauer des Aufenthalts trägt. Das Bad in der heißen Quelle ist nicht eine zusätzliche Annehmlichkeit, sondern der eigentliche Sinn des Aufenthalts. Das Essen wird als kaiseki, eine mehrgängige Mahlzeit aus saisonalen Spezialitäten der Region, im eigenen Zimmer serviert. Was in einem westlichen Hotel die Dienstleistung ist, ist in einem Ryokan eine Art Liturgie.
In einem westlichen Hotel ist der Eigentümer entweder ein Investor oder ein einzelner Unternehmer. In einem Ryokan wie dem Hōshi ist der Eigentümer ein Treuhänder — jemand, der das Haus von seinen Vorfahren bekommen hat und der es seinen Nachkommen weitergeben muss. Die Logik, in der er Entscheidungen trifft, ist nicht primär eine ökonomische, sondern eine generationelle. Eine Investition, die sich nicht in zwanzig Jahren amortisiert, kann gerechtfertigt sein, wenn sie das Haus für die nächste Generation erhält. Was im westlichen Sinne unwirtschaftlich aussieht, ist in dieser Logik die einzig richtige Entscheidung.
Der Vater, der sechsundvierzigste Zengoro, hat über die Belastung der Tradition gesprochen: Die Verantwortung der Familie Hōshi ist es, unsere lange Geschichte für die kommenden Generationen weiterzugeben und unsere heiße Quelle zu schützen. Deshalb müssen wir vieles ertragen und bestehen. Was die Familie über die Jahrhunderte am Leben gehalten hat, ist nicht ein Profit-Modell, sondern eine Verpflichtung.
Wer im Hōshi Ryokan eine Nacht verbringt, sieht etwas, das in Europa keine Entsprechung hat: einen Mann, der die direkte Verbindung zu einer Person des achten Jahrhunderts trägt, in einer ununterbrochenen Reihe von sechsundvierzig Vätern und Söhnen, in einem einzigen Haus, an einer einzigen Quelle. Was er weiterführt, ist nicht primär ein Geschäft. Es ist eine Linie. Was diese Linie trägt, ist nicht ein Profit-Motiv, sondern eine Verpflichtung gegenüber den vorigen sechsundvierzig Vätern — und gegenüber den achtundvierzigsten und neunundvierzigsten und fünfzigsten, die noch nicht geboren sind, und denen er das Haus weitergeben muss, in dem Zustand, in dem es ihm anvertraut wurde, oder besser.