Besondere Berufe · Porträt III
Der Lutier.
Wer einer Geige ihre Stimme gibt. Eine Werkstatt in der Via Bertesi in Cremona, das Holz aus dem Fiemmetal in den Dolomiten, der Lack als verlorenes Geheimnis — eine vierhundertfünfzigjährige Tradition, die UNESCO-Weltkulturerbe ist.
I. Cremona, ein Vormittag im Juni
Ein Werkzeug, das die Form findet.
Eine Werkstatt in der Via Bertesi in Cremona, Norditalien, an einem Vormittag im Juni. Durch die hohen Fenster fällt das Licht auf einen Werktisch aus dunklem Holz. Auf dem Tisch liegt eine halbfertige Geige, der Korpus aus Fichte und Ahorn, noch unlackiert, die Decke noch nicht aufgesetzt. Daneben liegen die Werkzeuge: kleine Hobel, mit denen man die Wölbung der Decke modelliert, Schaber, Stechbeisen, eine Lupe, ein Stimmgabel. Der Mann, der an der Geige arbeitet, ist Mitte fünfzig, trägt eine Schürze, hat lange schmale Hände. Er ist Lutier — ein Geigenbauer.
Was er an diesem Vormittag tut, ist die Wölbung der Decke. Die Decke einer Geige ist nicht flach. Sie ist leicht gewölbt, und die genaue Form dieser Wölbung — wie hoch, wie weit nach außen, wie steil zu den Rändern — entscheidet über den Klang des fertigen Instruments. Ein Millimeter mehr oder weniger, an der falschen Stelle, und das Instrument klingt anders. Was der Lutier in seiner Hand hat, ist nicht ein Werkzeug, das die Form herstellt, sondern ein Werkzeug, das die Form findet. Er hört auf das Holz. Er klopft die Decke an verschiedenen Stellen ab, lauscht auf den Klang, der sich zwischen seinem Daumen und dem Holz ergibt, schabt einen halben Millimeter ab, klopft wieder. Das geht über Stunden, manchmal Tage. Bis das Holz an jeder Stelle den richtigen Ton gibt.
Eine fertige Geige aus dieser Werkstatt kostet zwischen zwölftausend und sechzigtausend Euro, je nach Holzqualität, Lackierung und Reputation des Meisters. Bei einem Stradivari-Original — und in Cremona gibt es noch achtzig oder neunzig erhaltene Stradivari-Geigen — kann der Preis bei einer Auktion einige Millionen erreichen. Die Lady Blunt, eine Stradivari aus dem Jahr 1721, wurde 2011 in Tokio für 15,9 Millionen Dollar versteigert.
II. Vierhundertfünfzig Jahre eine Stadt
Andrea Amati, 1560.
Der Beruf des Lutier — italienisch liutaio, französisch ebenfalls luthier, deutsch Geigenbauer — hat seinen Ursprung in Cremona, einer Stadt in der Lombardei, etwa achtzig Kilometer südöstlich von Mailand. Im Jahr 1560 gründete Andrea Amati dort die erste Geigenbauer-Werkstatt der modernen Geschichte. Andrea Amati hatte die Geige nicht erfunden — die Geige in ihrer heutigen Form entstand vermutlich in den 1530er und 1540er Jahren in Norditalien aus älteren Streichinstrumenten —, aber er war der erste, der sie als eigenständiges Instrument in einer kohärenten Form baute. Die Familie Amati führte die Werkstatt über mehrere Generationen weiter. Sein Enkel Niccolò Amati (1596–1684) war der bedeutendste Lehrer seiner Zeit; in seiner Werkstatt lernten Antonio Stradivari, Andrea Guarneri und mehrere andere, die später eigene Werkstätten eröffneten.
Antonio Stradivari (1644–1737) war der größte unter ihnen. Er baute zwischen etwa 1666 und seinem Tod über tausend Instrumente — Geigen, Bratschen, Violoncelli, Mandolinen, Gitarren —, von denen heute noch etwa sechshundertfünfzig erhalten sind. Was seine Geigen so besonders macht, ist nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammenspiel mehrerer. Das Holz, das er verwendete — Fichte aus dem Fiemmetal in den Dolomiten, Ahorn aus Bosnien — war besonders dicht und elastisch, wahrscheinlich auch deshalb, weil es während der Kleinen Eiszeit zwischen 1645 und 1715 unter besonderen klimatischen Bedingungen gewachsen war. Die langsame Wachstumsrate dieser Jahre erzeugte Holz mit eng stehenden Jahresringen. Das Holz, aus dem Stradivari seine Geigen baute, gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Auch der Lack war besonders. Über seine genaue Zusammensetzung wird seit dreihundert Jahren spekuliert; aktuelle chemische Analysen weisen auf eine Mischung aus Pflanzenharzen und Mineralpigmenten hin, deren genaue Rezeptur Stradivari als Geheimnis hielt und die mit ihm verloren ging.
Was die Geigenbauer Cremonas seit dem 17. Jahrhundert eint, ist die Tradition der Werkstatt. Die Werkstatt ist nicht eine Fabrik, sondern ein Raum, in dem ein einzelner Meister mit einem oder zwei Gesellen arbeitet. Eine Geige wird vollständig von Hand gebaut, vom Aussägen der Form über das Schnitzen des Halses und der Schnecke bis zur Lackierung. Die Bauzeit liegt bei zweihundert bis dreihundert Stunden für eine einzelne Geige. Ein Meister produziert pro Jahr zwischen vier und zehn Instrumente, mehr nicht. Wer mehr produziert, hat eine Manufaktur, keine Werkstatt — und wird in der Welt der professionellen Musiker nicht mehr ernst genommen.
In Cremona gibt es heute etwa hundertfünfzig aktive Lutiers. Die Stadt ist Sitz der Scuola Internazionale di Liuteria, einer 1938 gegründeten Schule, die als wichtigste Ausbildungsstätte des Geigenbaus weltweit gilt. Schüler aus Japan, Korea, China, den USA, Deutschland und Skandinavien kommen nach Cremona, um dort die fünfjährige Ausbildung zu absolvieren. Wer die Schule abgeschlossen hat, bleibt oft als Geselle in einer der Cremoneser Werkstätten, bevor er oder sie nach zehn oder fünfzehn Jahren eine eigene Werkstatt eröffnet — oft in der eigenen Heimat, wo dann ein Cremona-ausgebildeter Lutier eine eigene Tradition begründet. So sind die meisten Geigenbauer Japans, die heute zu den besten der Welt zählen, mit Cremona verbunden.
III. Geographie der Spezialisierung
Eine Stadt, ein Beruf, eine Marke.
Die UNESCO hat die Cremoneser Geigenbau-Tradition 2012 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen. Was damit anerkannt wurde, ist nicht ein Gegenstand, sondern eine Praxis — die Art, wie ein Holz behandelt wird, wie eine Form gefunden wird, wie ein Klang gehört wird. Diese Praxis ist nicht in Lehrbüchern dokumentiert. Sie wird von Meister zu Schüler übertragen, in der täglichen Arbeit der Werkstatt. Wer sie nicht lernt, kann sie aus keinem Buch nachlesen.
Auch in Deutschland gibt es Geigenbauer — vor allem in Mittenwald in Oberbayern, einer Stadt, die seit dem 17. Jahrhundert eine eigene Geigenbau-Tradition hat (Matthias Klotz, der die Mittenwalder Schule begründete, soll bei den Amatis in Cremona gelernt haben), und in Markneukirchen im Vogtland. Die deutschen Schulen produzieren respektable Instrumente, aber sie haben nie den internationalen Ruf der Cremoneser erreicht. Was Cremona auszeichnet, ist eine über vierhundertfünfzig Jahre durchgehend gepflegte Tradition, die sich in der Stadt selbst — in den Werkstätten, in den Cafés, in der Schule, im Museo del Violino — als gelebte Kultur erhalten hat. Wer in Cremona durch die Altstadt geht, riecht in den Werkstätten den Geruch von Holzleim, Lack und gehobeltem Ahorn. Es ist eine Stadt, deren wirtschaftliche Identität an einem einzigen Beruf hängt.
Cremona zeigt, wie eine Stadt einen einzigen Beruf zu einer Marke machen kann. Was Bordeaux für den Wein ist, was Sheffield für das Stahlmesser war, was die Schweiz für die Uhr ist, das ist Cremona für die Geige. Die Marke gehört nicht einer einzelnen Werkstatt, sondern der ganzen Stadt; sie wird von der Stadt selbst — durch die Schule, das Museum, die Festivals, die UNESCO-Anerkennung — gepflegt und kommuniziert; sie zieht Schüler, Touristen und Käufer aus aller Welt an. Was Cremona als Stadt aus dem Beruf des Lutier gemacht hat, ist eine vollständige Geographie der Spezialisierung.
Wer einen Lutier in Cremona besucht und die halb fertige Geige auf seinem Werktisch sieht, sieht etwas, das selten geworden ist: einen Mann oder eine Frau, die ein einziges Objekt über Wochen baut, die ihm seine Form und seine Stimme gibt, und die danach das Objekt loslässt — in die Hände eines Musikers, der mit ihm arbeiten wird, oft über Jahrzehnte, manchmal über Jahrhunderte. Eine Geige überlebt ihre Macher um Generationen. Was am Ende auf dem Konzertpodium klingt, ist eine Stimme, die in Cremona vor zwanzig oder vor dreihundert Jahren gefunden wurde — und die der Lutier ihr gegeben hat.