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Musikraum · Stück 4 von 5

Chanson.

Eine französische Geschichte aus dem Cabaret von Montmartre, über Edith Piaf, die im Krieg jüdische Musiker rettete, über Brassens, der nicht nach 1968 auf die Straße ging, über Brel, der 1973 sein Mikrofon abstellte und nach Polynesien segelte. Und über den Trompeter und Schriftsteller Boris Vian, der den berühmtesten Anti-Kriegs-Brief des 20. Jahrhunderts schrieb — und an dem Tag im Kino starb, an dem die Verfilmung seines eigenen Romans Premiere hatte.

I.  Auftakt

Was Chanson nicht ist.

Es gibt ein deutsches Bild vom französischen Chanson: eine Frau mit roten Lippen, ein Akkordeon im Hintergrund, ein Cafétisch mit Rotwein. Diese Postkarte hat Wirkung. Sie ist auch weitgehend eine deutsche Erfindung — ein Marketing, das für Edith Piafs späte Karriere und für die deutsche Schlager-Industrie zugeschnitten wurde. Mit dem, was Chanson historisch war, hat sie wenig zu tun.

Das französische Chanson ist eine literarische Kunstform mit bürgerlichen und anarchistischen Wurzeln. Es entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den Cabarets von Montmartre und verbindet drei Traditionen: das Volkslied, die literarische Lyrik und die Salonkomposition. Was Chanson auszeichnet, ist nicht die Melodie, sondern der Text. Wer in dieser Form erfolgreich war, war meist ein Schriftsteller, der zu singen begann, oder ein Komponist, der Texte ernst nahm.

Die folgende Geschichte erzählt sechs Figuren und einen Krieg:

  • Aristide Bruant, der das Cabaret als Geschäftsmodell erfand;
  • Edith Piaf, die im Zweiten Weltkrieg in einem deutschen Lager heimlich Musiker rettete;
  • Charles Trenet, Georges Brassens, Léo Ferré, Jacques Brel, die das Chanson zur literarischen Form machten;
  • Boris Vian, der das wohl verbotenste Chanson des 20. Jahrhunderts schrieb.

Dazwischen passieren vierundsechzig Jahre französische Geschichte: zwei Weltkriege, die Besatzung und Résistance, der Algerienkrieg und der Mai 1968.

II.  Cabaret von Montmartre

Aristide Bruant erfindet das Image.

Mann mit schwarzem Hut und rotem Schal auf einer kleinen Bühne, gestikulierend, Lampe daneben.
Bruant auf der Bühne — schwarze Samtjacke, roter Schal, schwarzer Hut. Toulouse-Lautrec hat ihn ab 1892 in dieser Pose verewigt; Bruant verkaufte die Plakate selbst und wurde damit reich.

1885 mietete ein vierunddreißigjähriger Mann namens Aristide Bruant in der Rue des Martyrs in Montmartre ein Lokal, das vorher dem Cabaret Chat Noir gehört hatte. Er nannte es Le Mirliton. Bruant trug eine schwarze Samtjacke, einen breiten roten Schal, einen schwarzen Hut, hohe schwarze Stiefel.

Sein Auftritts-Trick war einfach und ungewöhnlich: Er beschimpfte sein Publikum. »Bourgeois!« rief er beim Eintreten. Das Publikum — gut situierte Pariser Bürgerlichkeit — lachte, kam wieder, bezahlte dafür.

Bruants Lieder kamen aus dem Argot der Pariser Vorstädte: dem Vokabular der Hafenarbeiter, der Prostituierten, der Apachen vom Boulevard de Belleville. Was er sang, war hart; wie er auftrat, war Marketing. Ab 1892 malte Henri de Toulouse-Lautrec die berühmten Bruant-Plakate — Bruant im Profil, der rote Schal als Wiedererkennungszeichen. Bruant verkaufte die Plakate an sein Publikum und an Andere weiter; er war einer der ersten Selbstvermarkter mit eigenem Image. Er starb 1925 reich in seiner Villa bei Belleville-sur-Saône.

Was Bruant geschaffen hatte, ist die Vorform des Chansons. Zwei Elemente verband er, die es vor ihm so nicht zusammen gegeben hatte:

  • Das Cabaret als Verkaufsformat — eine kleine Bühne, ein Performer mit eindeutigem Image, ein Publikum, das für ein konzentriertes Erlebnis Eintritt bezahlt.
  • Das Volks-Vokabular auf der Bühne — Argot, Prostituierten-Sprache, Vorstadt-Slang in einer Form, die bürgerliches Publikum gleichzeitig reizte und bezahlen ließ.

Beide Elemente waren nötig für das, was später Chanson heißen sollte. Ohne Bruant kein Maurice Chevalier, keine Damia, keine Edith Piaf.

Drei Vorgänger gehören in den Schatten Bruants und werden meist nicht genannt: das Wirtshaus Au Lapin Agile am Montmartre, das Cabaret Chat Noir von Rodolphe Salis (gegründet 1881) und die Goguettes des 19. Jahrhunderts — halbprivate Singkreise, in denen politische Lieder gemeinsam gesungen wurden. Aus diesen drei Wurzeln baute Bruant das, was er als kommerzielle Form herausbrachte.

III.  Stalag XII-D, Trier 1943

Piaf und die Fotos im Stalag.

Frau singt mit Mikrofon vor einer Gruppe Soldaten in einer Lagerhalle, rechts ein Akkordeonist.
Piaf vor französischen Kriegsgefangenen, der Akkordeonist zur Seite. Die Konzerte waren der Vorwand; die anschließenden Gruppenfotos wurden in Paris zerschnitten und auf gefälschte Identitätspapiere geklebt.

Im Januar 1943 reiste Edith Piaf, dreißig Jahre alt, in deutsche Stalags — Kriegsgefangenenlager, in denen französische Soldaten interniert waren. Begleitet von einer Pianistin und einem Akkordeonisten gab sie Konzerte vor den Gefangenen. Im Anschluss bestand sie darauf, mit Gruppen von Gefangenen fotografiert zu werden — sie lächelte, sie umarmte sie, ein Fotograf war mitgebracht. Die deutsche Wehrmacht erlaubte das, weil die Konzerte eine Geste der Normalität darstellten.

Was Piaf tatsächlich tat: Die Fotos wurden anschließend in Paris vergrößert, die Gesichter der Gefangenen ausgeschnitten und auf gefälschte französische Identitätspapiere geklebt. Bei einer zweiten Reise wenige Monate später brachte Piaf diese Papiere ins Lager zurück. Die Gefangenen, die wussten, was lief, versteckten sie. Wer dann eine Gelegenheit zur Flucht bekam — bei einer Krankenhaus-Verlegung, bei einem Außenkommando, bei einem Bombenangriff —, hatte ein Papier, mit dem er als unbeteiligter Franzose durch Deutschland zurück nach Frankreich kommen konnte.

Piaf hat das bis zu ihrem Tod 1963 nie öffentlich thematisiert. Eine genaue Zählung gibt es nicht. Die damals beteiligten Musiker — Andrée Bigard, Louis Levé, Marcel Blistene — sprachen später von mehreren Hundert, manchmal über tausend Befreiten.

Was an Anerkennung existiert, ist ein Diplôme, das ihr 2013 posthum vom Staat Israel verliehen wurde — in einem Verfahren analog zu den Gerechten unter den Völkern, allerdings in einer eigenen Kategorie. Piafs Hilfe galt nicht jüdischen Verfolgten, sondern französischen Soldaten. Beim Yad Vashem ist sie heute erinnert.

Bei den Stalag-Reisen war Yves Montand — damals dreißigjähriger italienischer Einwanderer aus Marseille — noch nicht dabei. Er kam erst 1944 in Piafs Kreis. Die beiden hatten anschließend acht Monate eine Liebesbeziehung. Er lernte von ihr, sie war seine Mentorin. Später machte sie auch den jungen Charles Aznavour groß, Pianist und Sohn armenischer Eltern. Zwei der größten männlichen Stimmen des französischen Chansons kamen aus Piafs Nähe.

IV.  Das literarische Chanson

Brassens, Brel, Ferré.

In den 1950er Jahren entstand eine Generation von Chanson-Autoren, die das Genre literarisierten. Die drei wichtigsten waren Georges Brassens, Jacques Brel und Léo Ferré. Sie hatten unterschiedliche Stile, aber drei Gemeinsamkeiten:

  • Sie schrieben ihre Texte selbst.
  • Sie waren musikalisch hochrangig — nicht Sänger mit Begleitband, sondern Komponisten mit Stimme.
  • Sie waren alle anarchistisch oder anti-autoritär — aber in einer Form, die sich keiner Partei zuordnen ließ.
Mann mit Gitarre an einem schlichten Holztisch, schreibt mit einem Stift, im Dachzimmer mit schrägen Balken.
Brassens im Dachzimmer. Zehn Jahre lang lebte er bei Jeanne Le Bonniec im 14. Arrondissement, ohne Wasser. Sie und ihr Mann waren seine Adoptivfamilie; Chanson pour l'Auvergnat war für sie geschrieben.

Georges Brassens, geboren 1921 in Sète am Mittelmeer, kam 1944 nach Paris und wohnte zehn Jahre lang in einem Dachzimmer ohne Wasser bei einer alten Frau namens Jeanne Le Bonniec im 14. Arrondissement. Sie und ihr Mann Marcel waren seine Adoptivfamilie. Er schrieb eines seiner berühmtesten Lieder, Chanson pour l'Auvergnat, über sie — ein Dankeslied an die Menschen, die ihm Brot und Holz gaben, als er es brauchte. Brassens war Anarchist in der französischen Tradition, las Bakunin, ging im Mai 1968 nicht auf die Straße mit den Worten: »Ich weiß nicht, was die wollen, aber weiß nicht, was sie nicht wollen.« Er starb 1981.

Mann am Mikrofon, Schweiß auf der Stirn, ausdrucksvolle Geste, Schlagzeug-Becken im Vordergrund.
Brel auf der Bühne. Seine Konzerte waren körperlich, schweiß- und tränentreibend. 1973, mit vierundvierzig, beendete er die Bühnenkarriere und segelte zu den Marquesas-Inseln.

Jacques Brel, geboren 1929 in Brüssel, war Belgier, der nicht Belgier sein wollte. Er kam 1953 nach Paris, schrieb Lieder, die im Vergleich zu Brassens dramatisch waren — Ne me quitte pas, Amsterdam, Le plat pays. Brel war ein Bühnenmensch wie kein anderer seiner Generation; seine Konzerte waren körperlich, schweiß- und tränentreibend. 1973, mit vierundvierzig Jahren, gab er die Bühne auf, kaufte ein Schiff, segelte zu den Marquesas-Inseln in Polynesien. Dort lebte er vier Jahre, flog Inselbewohner als Piloten zum Krankenhaus, schrieb 1977 ein letztes Album. Er starb 1978 in Paris an Lungenkrebs, achtund­ vierzigjährig.

Léo Ferré, geboren 1916 in Monaco, war der literarisch ambitionierteste der drei. Er vertonte Verlaine, Rimbaud, Apollinaire, Baudelaire, Aragon — Hochliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein Avec le temps (1971) ist eines der berühmtesten französischen Lieder. Ferré war Anarchist, lebte mit zahlreichen Tieren auf einer Insel an der Cote d'Azur, hatte einen Schimpansen namens Pépée, dessen Tod 1968 ihn aus Frankreich vertrieb — er ging nach Italien und blieb. Er starb 1993.

Was diese drei verbindet, ist nicht Stil. Brassens war ländlich-unaufgeregt, Brel war urban-explosiv, Ferré war literarisch-erhaben. Was sie verbindet, ist die Weigerung, sich politisch einbinden zu lassen, während sie alle drei politisch waren. Diese Position — politisch, aber nicht Partei — ist das französische Chanson. Es ist anders als das amerikanische Folk-Revival der 60er, das mit Pete Seeger und Bob Dylan oft direkt aktivistisch wurde.

V.  Boris Vian und der 7. Mai 1954

Der Deserteur und das Kino.

Mann am Schreibtisch, schreibt mit Stift, daneben eine Trompete, im Hintergrund eine Geige und Bibliothek.
Vian schreibt — Trompete daneben, Geige im Hintergrund. Trompeter, Ingenieur, Erzähler, Übersetzer, Chanson-Autor. Mehrere Berufe gleichzeitig, alle ernst ausgeübt.

Boris Vian war einer der vielseitigsten Künstler des 20. Jahrhunderts. In den 1940er und 1950er Jahren betrieb er sechs Berufe gleichzeitig — alle ernsthaft:

  • Trompeter in einem Pariser Jazzkeller,
  • Ingenieur mit Diplom der École Centrale,
  • Erfinder mit Patenten für eine Saxophon-Mechanik,
  • Schriftsteller unter eigenem Namen und unter Pseudonym — als Vernon Sullivan schrieb er hardboiled Krimis im amerikanischen Stil,
  • Jazz-Kritiker und Dramatiker,
  • Chanson-Autor.

1954 schrieb Vian seinen berühmtesten Text: Le Déserteur, den Brief eines Soldaten an den französischen Präsidenten, in dem der Soldat seinen Dienst verweigert. Vian sang das Lied am 7. Mai 1954 im Pariser Olympia — an demselben Tag, an dem in Indochina die französische Festung Diên Biên Phu fiel und der erste Indochinakrieg endgültig verloren ging. Der Saal pfiff. Das Lied wurde aus dem französischen Radio verbannt; das Verbot dauerte bis 1962. Es wurde zum berühmtesten französischen Anti-Kriegs-Lied des Jahrhunderts. Pete Seeger nahm es 1965 ins Englische auf.

Vian war zu diesem Zeitpunkt schwer herzkrank. Fünf Jahre später, im Juni 1959, saß er in einem Pariser Kino in einer Vorpremiere des Films J'irai cracher sur vos tombes — der Verfilmung seines eigenen Vernon-Sullivan-Romans. Vian war mit der Verfilmung nicht einverstanden und hatte versucht, sie zu verhindern. Wenige Minuten nach Filmbeginn brach er auf seinem Sitz zusammen. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus, neununddreißig Jahre alt. Le Déserteur hatte ihn überlebt.

Im selben Jahr wie Le Déserteur entstand auch Vians einzige Oper, Le Snob; sie wurde erst 1989 postum uraufgeführt. Was Vian als Komponist konnte, ist heute weitgehend im Schatten seiner literarischen Arbeit. Er war vielleicht der erste, der Jazz und Chanson gleichberechtigt nebeneinander stellte.

VI.  Wendepunkt

Gainsbourg und die Marseillaise.

In den 1960er und 1970er Jahren veränderte sich das Chanson noch einmal. Pop, Reggae, Funk und Synthesizer kamen ins Spiel. Der wichtigste Erneuerer dieser Phase war Serge Gainsbourg.

Gainsbourg wurde 1928 als Lucien Ginsburg in Paris geboren, Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, die während der deutschen Besatzung untertauchen mussten. Als Kind hatte er den gelben Stern getragen. Er lernte Pianist zu werden und schrieb in den 1960er Jahren eine Reihe berühmter Pop-Stücke, die das Chanson aus seinen literarischen Engen herausholten:

  • Les Sucettes (1965, mit der siebzehnjährigen France Gall) — ein Lied mit zweideutigem Text, den Gall damals nicht durchschaute;
  • Bonnie and Clyde mit Brigitte Bardot (1968);
  • Je t'aime, moi non plus mit Jane Birkin (1969) — vom Vatikan verboten.

1979 erschien Gainsbourgs Reggae-Album Aux armes et caetera. Das Titelstück war eine Reggae-Version der französischen Nationalhymne, der Marseillaise.

Im Januar 1980 versammelten sich vor einem Gainsbourg-Konzert in Straßburg französische Veteranen-Verbände, um ihn zu »korrigieren«. Gainsbourg trat allein auf die Bühne — ohne Band — und sang die Marseillaise a cappella in der originalen Fassung. Der Saal sang mit. Die Veteranen erkannten an, dass es seine Hymne genauso war wie ihre. Es war einer der besonderen Momente der französischen Nachkriegskultur: Gainsbourg, das Kind, das den gelben Stern getragen hatte, sang den Veteranen ihre eigene Hymne vor.

Gainsbourg starb 1991 in Paris an einem Herzinfarkt, dreiundsechzig Jahre alt. Bei seiner Beerdigung trug die französische Republik den Sarg. Präsident Mitterrand, ein Verehrer, sagte: »Er war unser Baudelaire, unser Apollinaire.«

Was nach Gainsbourg kommt — Renaud, Souchon, Bashung, Cabrel, später Manu Chao, Camille, Cléa Vincent, Stromae — baut auf der Durchlässigkeit auf, die er etabliert hatte. Was er gemacht hatte: Er machte das Chanson offen für alle popmusikalischen Idiome. Es hörte nicht auf, Chanson zu sein — weil es anders klang.

VII.  Schluss

Was bleibt.

Das französische Chanson ist nicht die Postkarte, die in Deutschland verkauft wird. Es ist eine literarische Tradition mit anarchistischen Wurzeln. Wer Brassens versteht, hört einen Kommunarden lesen. Wer Brel hört, hört einen Theatermenschen mit philosophischem Anspruch. Wer Ferré hört, hört einen Anarchisten, der Apollinaire singt. Wer Vian hört, hört einen Trompeter, der den Krieg nicht akzeptiert.

Was das Chanson ins 21. Jahrhundert hinterlässt, ist eine Tradition, in die junge Singer-Songwriter in Frankreich noch immer eintreten — auch wenn der kommerzielle Markt sich verkleinert hat. Die nouvelle chanson der 2000er Jahre mit Camille, Vincent Delerm, Bashung und anderen hat das Idiom ins digitale Zeitalter mitgenommen.

Im Anschluss eine Zeittafel mit vier Spuren: Chanson, andere Musik, bildende Kunst und Literatur, Welt. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.

Zeittafel 1880 – 2000

Was geschah, während das Chanson entstand und wuchs.

Vier Spuren: Chanson, andere Musik, bildende Kunst und Literatur, Welt. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.

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1880 – 1920

Cabaret-Ära
Chanson
1881Chat Noir gegründet

Rodolphe Salis eröffnet im Boulevard de Rochechouart das erste literarische Cabaret. Begegnungspunkt von Künstlern und Pariser Bohem.

1885Bruant übernimmt Le Mirliton

Aristide Bruant eröffnet das Cabaret, in dem er das Pariser Bürgertum beschimpft — und dieses zahlt dafür. Erste systematische Kommerzialisierung der Cabaret-Form.

1892Toulouse-Lautrec malt Bruant

Die ersten Bruant-Plakate von Toulouse-Lautrec entstehen. Image-Marketing in Reinkultur, lange vor dem Pop-Star.

1915Edith Piaf geboren

Edith Giovanna Gassion wird am 19. Dezember in Paris geboren, Tochter eines Straßenartisten und einer Sängerin. Wird auf der Straße groß.

Andere Musik
1894Debussy, Faune

Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune — Beginn der modernen französischen Klassik. (Ausführlicher in Stück 2.)

1913Strawinsky, Sacre in Paris

Skandal-Premiere im Pariser Théâtre des Champs-Élysées. Polyrhythmik trifft Pariser Avantgarde.

Bildende Kunst & Literatur
1885Zola, Germinal

Zolas Roman über den Bergarbeiterstreik im Norden Frankreichs. Höhepunkt des französischen Naturalismus.

1900Pariser Weltausstellung

Die Stadt zeigt sich als Hauptstadt der Welt; Métro eröffnet, Eiffelturm wird besichtigt.

1913Apollinaire, Alcools

Guillaume Apollinaires Gedichtsammlung. Le Pont Mirabeau, La chanson du mal-aimé. Wird später Vorlage für unzählige Vertonungen.

Welt
1894-1906Dreyfus-Affäre

Antisemitisch motivierter Justizskandal um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Spaltet Frankreich. Zola schreibt 1898 J'accuse.

1905Trennung von Staat und Kirche

Frankreich verabschiedet die Loi de 1905. Beginn der französischen laïcité.

1914-18Erster Weltkrieg

1,4 Millionen französische Tote. Die Generation der Cabaret-Sterne wird stark dezimiert.

1920 – 1945

Music Halls · Krieg · Resistance
Chanson
1925Bruant †

Aristide Bruant stirbt am 11. Februar in Paris, einundsiebzigjährig. Das Cabaret-Modell, das er erfunden hatte, hat ihn überlebt.

1936Trenet, Y'a d'la joie

Charles Trenet, der fou chantant, schreibt das Lied, das die Volksfront-Stimmung zusammenfasst. La Mer folgt 1946.

1943Piaf in den Stalags

Edith Piaf reist mit zwei Begleitern in deutsche Kriegsgefangenenlager, gibt Konzerte und lässt sich mit Gefangenen fotografieren. Die Fotos werden für gefälschte Identitätspapiere verwendet.

1943Chant des Partisans

Anna Marly schreibt in London die Melodie. Der französische Text von Joseph Kessel und Maurice Druon wird die Hymne der Resistance. Die gepfiffene Melodie wird als BBC-Erkennungssignal verwendet.

Andere Musik
1928Ravel, Boléro

Maurice Ravels Orchesterwerk wird im Pariser Opéra uraufgeführt. Wird zum kommerziellsten klassischen Stück Frankreichs.

1934Reinhardt und Grappelli, Quintette du Hot Club

Django Reinhardt und Stéphane Grappelli gründen in Paris das berühmte Quintett. Erster französischer Beitrag zum internationalen Jazz, mit Sinti-Wurzeln.

Bildende Kunst & Literatur
1924Surrealistisches Manifest

André Breton veröffentlicht das Programm der surrealistischen Bewegung. Trauminhalte und das Unbewusste werden zum Material.

1937Picasso, Guernica

Für die Pariser Weltausstellung gemalt. Anti-Kriegs-Ikone des Jahrhunderts.

1942Camus, L'Étranger

Albert Camus' Roman erscheint während der deutschen Besatzung in Paris.

Welt
1936Volksfront

Linksbündnis aus Sozialisten, Kommunisten und Radikalen gewinnt die Wahl. Bezahlter Urlaub, Vierzig-Stunden-Woche werden eingeführt.

1940Frankreich kapituliert

Im Juni besetzt Deutschland Paris. Pétain in Vichy, de Gaulle in London, Resistance baut sich auf.

1942Vel d'Hiv-Razzia

Im Juli werden auf Anweisung der Vichy-Regierung 13.152 Pariser Juden im Velodrom internat. 7.000 sterben in Auschwitz. Erst 1995 spricht Präsident Chirac die offizielle Anerkennung der französischen Mitverantwortung aus.

1944Befreiung von Paris

25. August: De Gaulle marschiert die Champs-Elysées hinunter. Die Vierte Republik beginnt sich vorzubereiten.

1945 – 1968

Goldenes Zeitalter
Chanson
1946Piaf entdeckt Montand

Edith Piaf nimmt den achtundzwanzigjährigen italienischen Einwanderer Yves Montand unter ihre Fittiche. Acht Monate Liebesgeschichte, lebenslange Karriere.

1952Brassens debuetiert

Brassens schreibt seine ersten Chansons. Le Gorille, Brave Margot, Les copains d'abord folgen. Wird Sterne-Sänger des unaufgeregten Anarchismus.

1954Vian, Le Déserteur

Boris Vian schreibt das Lied. Uraufführung am 7. Mai im Pariser Olympia, am Tag des Falls von Dien Bien Phu. Aus dem französischen Radio verbannt bis 1962.

1959Brel, Ne me quitte pas

Jacques Brel veröffentlicht das Lied, das später in über dreissig Sprachen übersetzt wird.

1959Boris Vian †

Am 23. Juni stirbt Vian in einem Pariser Kino bei der Vorpremiere der Verfilmung seines Romans J'irai cracher sur vos tombes. Neununddreißig Jahre alt.

1963Edith Piaf †

Im Oktober stirbt Piaf an einem Leberkarzinom in Plascassier, siebenundvierzigjährig. Ihr Begräbnis im Père Lachaise zieht 100.000 Menschen an.

1964Barbara, Göttingen

Barbara, jüdischer Abstammung, schreibt nach einem Konzert in der deutschen Stadt das Versöhnungs-Lied. Wird später im Mitterrand-Kohl-Symbolakt zitiert.

1965Gainsbourg, Les Sucettes

Schreibt für die siebzehnjährige France Gall ein Lied mit doppeldeutigem Text, das sie nicht verstand. Beginn von Gainsbourgs Skandal-Karriere.

Andere Musik
1948Boulez gründet die Avantgarde

Pierre Boulez führt seine zweite Sonate auf. Die französische musikalische Avantgarde formiert sich.

1955Cohen-Solal, Le Hot Club

Jazz-Clubs in Paris werden zu Pflichtstationen amerikanischer Musiker. Bird, Bud Powell, Chet Baker leben zeitweise in Paris.

Bildende Kunst & Literatur
1949Beauvoir, Le Deuxième Sexe

Simone de Beauvoirs Hauptwerk erscheint. Gründungstext der modernen feministischen Theorie.

1952Beckett, En attendant Godot

Samuel Beckett schreibt im Pariser Exil sein wichtigstes Theaterstück. Absurdes Theater hat seinen Ort.

1959Truffaut, Les 400 coups

Erste Werke der Nouvelle Vague erscheinen. Godard, Truffaut, Chabrol, Rivette ändern den französischen Film.

Welt
1954-62Algerienkrieg

Acht Jahre Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens. Eine Million Tote. Bringt 1958 das Ende der Vierten und 1962 die Fünfte Republik.

1958Fünfte Republik

De Gaulle wird Präsident. Neue Verfassung mit starker Präsidialfunktion.

1968Mai 1968

Studentenrevolte in Paris, dann Generalstreik mit zehn Millionen Streikenden. De Gaulle überlebt politisch knapp.

1968 – 2000

Pop-Ära · nouvelle chanson
Chanson
1971Ferré, Avec le temps

Léo Ferré schreibt eines der bekanntesten französischen Lieder, das später in mehrere Sprachen übersetzt wird.

1973Brel verlässt die Bühne

Brel beendet seine Bühnenkarriere mit vierundvierzig. Kauft ein Schiff und segelt zu den Marquesas in Polynesien. Lebt dort vier Jahre.

1978Brel †

Im Oktober stirbt Brel in Paris an Lungenkrebs, achtundvierzig Jahre alt.

1979Gainsbourg, Aux armes etcaetera

Reggae-Album mit Reggae-Marseillaise. Skandal in Frankreich. Fallschirmjäger drohen Gainsbourg in Straßburg; er beruhigt sie, indem er die Originalversion a cappella singt.

1981Brassens †

Im Oktober stirbt Brassens in Sète, sechzig Jahre alt, an einem Darmkrebs.

1991Gainsbourg †

Im März stirbt Gainsbourg an Herzinfarkt, zweiundsechzig. Die Republik trägt seinen Sarg. Mitterrand: »Er war unser Baudelaire«.

Andere Musik
1976Rai-Aufstieg

Aus Algerien wird die Rai-Musik in Frankreich populär — Khaled, Raïna Rai. Erste afrikanische Welle in der französischen Popmusik.

1986Boulez gründet das IRCAM

Pierre Boulez baut in Paris ein Forschungsinstitut für elektronische Musik. Wird zum Welt-Zentrum der Avantgarde.

Bildende Kunst & Literatur
1977Centre Pompidou eröffnet

Das Gebäude von Renzo Piano und Richard Rogers wird Paris' wichtigstes Museum für moderne Kunst.

1989Glaspyramide am Louvre

Pei's Pyramide wird eröffnet. Symbol einer modernen französischen Kultur, anfangs umstritten.

Welt
1981Mitterrand Präsident

Erster sozialistischer Präsident der Fünften Republik. Abschaffung der Todesstrafe, Förderung der Kultur (Grands Travaux).

1995Chirac und der Vel d'Hiv

Im Juli erkennt Präsident Chirac als erster französischer Präsident die französische Mitverantwortung an der Vel d'Hiv-Razzia 1942 an.

Quellen & Belege

Die biografischen und historischen Angaben folgen der gängigen Standardliteratur und den einschlägigen Nachschlagewerken. Aristide Bruant (1851–1925) eröffnete 1885 das Mirliton in Montmartre; die berühmten Plakate schuf Henri de Toulouse-Lautrec ab 1892. Edith Piaf (1915–1963) besuchte 1943 deutsche Kriegsgefangenenlager (u. a. Stalag XII-D, Trier); ihre Rolle bei Fluchthilfen ist biografisch belegt. Georges Brassens (geb. 1921, Sète), Jacques Brel (geb. 1929, Brüssel; 1973 Rückzug, Marquesas-Inseln) und Léo Ferré (geb. 1916, Monaco) sind nach Standardbiografien dargestellt. Boris Vian schrieb 1954 Le Déserteur (in der Zeit der Niederlage von Dien Bien Phu, 7. Mai 1954) und verstarb am 23. Juni 1959 während einer Vorführung der von ihm abgelehnten Verfilmung seines Romans J’irai cracher sur vos tombes. Datums- und Altersangaben sind nach dem gängigen Forschungsstand gerundet; einzelne Detailszenen sind erzählerisch zugespitzt, ohne den belegten Kern zu verlassen.

Die Reihe

Fünf Stücke aus der Musikwelt.

Dies ist das vierte Stück. Stück 5 folgt mit den italienischen Cantautori — Fabrizio De André, Luigi Tenco, Lucio Battisti und der franko-italienischen Verbindung über Brassens.

Stück 1 · Romantik Stück 2 · Moderne Stück 3 · Jazz Stück 5 · Cantautori

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