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Musikraum · Stück 2 von 5

Spätromantik bis Moderne.

Was nach der Romantik kam — in Russland, in Paris, in Wien, in Tokio. Eine Frau in Paris erfindet das amerikanische Komponieren. Fünf Russen ohne Konservatorium-Ausbildung bauen eine eigene Musik. Japan beginnt 1887 mit westlicher Musik und niemand im Westen merkt es.

I.  Auftakt

Was die Romantik hinterließ.

Im Februar 1854 sprang Robert Schumann von der Düsseldorfer Rheinbrücke in den Fluss. Er wurde gerettet, in eine Privatklinik nach Endenich gebracht und starb dort zwei Jahre später, ohne dass seine Frau ihn besuchen durfte. Schumanns Zusammenbruch beendet die deutsche Hochromantik nicht schlagartig, aber etwas sortiert sich neu.

In den 1850er Jahren spalten sich die Komponisten in zwei Lager. Auf der einen Seite die neudeutsche Schule — Liszt in Weimar, Wagner im Schweizer Exil, später Berlioz in Paris. Sie schreiben Programmmusik: Sinfonische Dichtungen, die eine Geschichte erzählen; Musikdramen, die das Schauspiel in die Musik übersetzen.

Auf der anderen Seite die Konservativen um Johannes Brahms und das Leipziger Gewandhaus. Für sie soll Musik nichts »darstellen«. Sie soll als reine Form bestehen — als Sonate, Sinfonie, Variation. Eduard Hanslick in Wien wird ihr Theoretiker. Sein 1854 erschienenes Buch Vom Musikalisch-Schönen richtet sich gegen die programmatische Idee, dass Musik Gefühle darstelle. Musik sei tönend bewegte Form, schreibt er — sonst nichts.

Dieser Streit zwischen Brahms-Lager und Wagner-Lager hat das deutsche Konzertleben des 19. Jahrhunderts geprägt. Aber er ist nur die eine Seite der Geschichte. Die andere ist größer und läuft parallel: Die Musik beginnt, sich vom deutschsprachigen Raum zu lösen.

In Russland erfindet eine Gruppe von Autodidakten eine eigene Sprache. In Paris bauen Komponisten eine andere Klangwelt. Smétana wird zum nationalen Komponisten Tschechiens, Grieg zum Norwegens, Sibelius zum Finnlands, Falla zum Spaniens. Bisher hatte »deutsche Musik« als Universalsprache gegolten. Jetzt wird sie zu einer regionalen Kategorie unter mehreren.

Was zwischen 1850 und 1950 passiert, ist die schrittweise Auflösung der zentraleuropäischen Selbstverständlichkeit. Drei Schauplätze erzählen das besonders schärfer als die anderen — und sie werden in den Standard-Lehrbüchern selten zusammen erzählt: das Mächtige Häuflein in St. Petersburg, die Lehrerin Nadia Boulanger in Paris, und Japan, das ab 1887 westliche Musik übernimmt, ohne dass es im Westen jemand bemerkt.

II.  Fünf Autodidakten in St. Petersburg

Das Mächtige Häuflein.

Fünf junge Männer in dunklen Anzügen, einer in Marineuniform, um einen Samowar versammelt.
Das Mächtige Häuflein um einen Samowar — Balakirew, Borodin, Mussorgski, Rimski-Korsakow und Cui. Vier von fünf kamen ohne Konservatoriums-Ausbildung aus.

In den 1860er Jahren versammeln sich in St. Petersburg fünf junge Männer um den Klavierpädagogen und Komponisten Mily Balakirew. Der Musikkritiker Wladimir Stasow nennt sie 1867 in einem Zeitungsartikel das »mächtige Häuflein« — auf Russisch moguschtschaja kutschka. Der Name bleibt hängen.

Was an dieser Gruppe ungewöhnlich war: Vier der fünf hatten nie ein Musikkonservatorium besucht. Sie hatten ihren Brotberuf woanders.

  • Alexander Borodin war Chemie-Professor an der Medizinisch-Chirurgischen Akademie. Er blieb es bis zu seinem Tod — und komponierte abends.
  • Modest Mussorgski war Garde-Offizier, später unterer Beamter im Forstministerium.
  • Nikolai Rimski-Korsakow war Marinekadett und schrieb seine erste Sinfonie an Bord eines Schiffes auf Weltreise.
  • César Cui war Festungs-Ingenieur und Professor an der Militärakademie.

Nur Balakirew selbst war Vollzeit-Musiker — und auch er hatte keine akademische Ausbildung. Sie sind keine Salon-Amateure. Sie sind ernsthafte Komponisten, die ihre Profession nicht im Konservatorium gelernt haben.

Was sie verbindet, ist eine klare Position: Die russische Musik soll nicht in der deutschen Tradition stehen. Sie soll aus eigenen Quellen kommen — aus russischen Volksmelodien, aus den Kirchenmodi der orthodoxen Liturgie, aus der Klangprosodie des Russischen, aus asiatischen und kaukasischen Tonwelten an den Rändern des Reiches. Anton Rubinstein, der das Petersburger Konservatorium 1862 gegründet hatte, galt ihnen als der falsche Lehrer. Wer in Russland Komponist werden will, sollte russisch hören — nicht in Leipzig oder Wien lernen.

Älterer Mann mit Vollbart am Klavier, umgeben von Aquarell-Skizzen verschiedener Architekturen.
Mussorgski mit Hartmanns Bildern. Sein Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung (1874) entstand nach den Aquarellen seines verstorbenen Freundes, des Architekten und Malers Viktor Hartmann.

Der radikalste der fünf wird Mussorgski. Seine Oper Boris Godunow (1869, überarbeitet 1872) bricht mit allen Konventionen der italienischen und deutschen Operntradition: Die Volksszene wird zur Hauptperson; die Harmonik folgt nicht mehr den klassischen Funktionen, sondern dem reinen Klang. Sein Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung (1874) entstand nach den Aquarellen seines verstorbenen Freundes Viktor Hartmann. Das Stück wurde später durch Maurice Ravels Orchester-Bearbeitung weltberühmt — zu Mussorgskis Lebzeiten blieb es ein Insider-Werk.

Mussorgski stirbt 1881 mit zweiundvierzig Jahren am Alkohol. Rimski-Korsakow nimmt sich nach seinem Tod fast aller Werke des Freundes an und korrigiert sie: Er glättet die schroffen Harmonien, normiert die Form, macht die Stücke aufführungsreif für das Theater seiner Zeit. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hört das Publikum Mussorgski in Rimski-Korsakows Korrektur-Fassungen. Erst 1928 erscheint eine Urtext-Ausgabe von Boris Godunow.

Was die Fünf in zwanzig Jahren geschafft haben: Sie haben eine Musik geschrieben, die in deutschen Begriffen nicht denkbar ist. Aus dieser Sprache wird Strawinski hervorgehen — über Rimski-Korsakows Komponierklasse am Konservatorium, in der er 1905 bis 1908 sitzt. Auch Schostakowitsch und Prokofjew werden in dieser Linie stehen. Die russische Musik des 20. Jahrhunderts ist nicht gegen das Mächtige Häuflein entstanden, sondern aus ihm.

III.  Eine Lehrerin in Paris

Boulanger, die das amerikanische Komponieren erfand.

Frau am Klavier mit Notenblättern, im Hintergrund ein junger Mann als Schüler.
Nadia Boulanger an einem ihrer Klaviere — ein Schüler steht mit. Für die Generation Copland, Carter, Glass, Bernstein war diese Pose Pflicht-Erfahrung.

Im Sommer 1921 setzt sich im französischen Fontainebleau ein einundzwanzigjähriger Amerikaner in eine Klavierstunde. Aaron Copland heißt er, später wird er einer der bekanntesten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Pädagogin auf der anderen Seite des Klaviers ist vierunddreißig, heißt Nadia Boulanger und unterrichtet an der neu gegründeten American Conservatory in Fontainebleau. Was Copland an diesem Tag betritt, wird die amerikanische Musik des Jahrhunderts verändern.

Von 1921 bis zu ihrem Tod 1979 unterrichtet Boulanger amerikanische und internationale Schüler. Die Liste der Namen, die durch ihr Atelier gegangen sind, ist ohne Vergleich:

  • Aaron Copland, Walter Piston, Roy Harris, Virgil Thomson, Elliott Carter, Roger Sessions — die Generation, die das ernste amerikanische Komponieren etablierte;
  • Philip Glass — aus dem die amerikanische Minimal Music hervorging;
  • Leonard Bernstein (in Sommerstunden), Quincy Jones, Burt Bacharach, Astor Piazzolla, Michel Legrand — Komponisten, die das Konzert mit Film, Pop und Tango querlegten;
  • Daniel Barenboim — einer der wichtigsten Pianisten und Dirigenten der zweiten Jahrhunderthälfte.

Was wir heute als »amerikanischen Klang« bezeichnen — die offenen Quart-Quint-Klangräume Coplands, die metrische Komplexität Carters, die rhythmische Energie Bernsteins — trägt die Handschrift einer Pariser Lehrerin.

Hinter dieser Erfolgsgeschichte liegt eine andere. Nadia hatte eine jüngere Schwester, Lili Boulanger. Lili gewann 1913 mit neunzehn Jahren als erste Frau den Prix de Rome, den wichtigsten französischen Kompositionspreis, der bis dahin ausschließlich an Männer ging. Sie schrieb Vokal- und Orchesterwerke, harmonisch eigenwillig, hochbegabt. Im März 1918 starb sie mit vierundzwanzig Jahren an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung — rückblickend meist als Morbus Crohn diagnostiziert.

Nadia war damals einunddreißig und selbst Komponistin. Nach Lilis Tod hörte sie auf, eigene Werke zu schreiben. Stattdessen unterrichtete sie sechzig Jahre lang.

In Boulanger-Biographien wird daraus oft eine Heldenerzählung: die Schwester, die das eigene Werk zurückstellt, um das Werk der anderen möglich zu machen. Wahrscheinlich war es komplizierter. Wer ihre Briefe länger liest, sieht eine Frau, die Lilis musikalische Überlegenheit anerkannte und ihr eigenes Leben entlang dieser Einsicht ausrichtete. Was sie an ihre Schüler weitergab, war nicht ein Stil. Es war eine Disziplin: kontrapunktisches Denken, klare Stimmführung, das Gehör zwingen zu lernen statt zu vermuten. Diese Disziplin hat das amerikanische Komponieren auf ein Niveau gebracht, das es ohne sie nicht gehabt hätte.

In Paris, in der Rue Ballu, hatte sie eine Wohnung im vierten Stock — ohne Aufzug. Von 1909 bis zu ihrem Tod 1979 hat sie dort gewohnt. Wer sich in den 1960er Jahren als Schüler bei ihr meldete, kletterte hoch und hörte beim Klingeln hinter der Wohnungstür ein Klavier — stundenlang — bis sie öffnete.

IV.  Wien, der Bruch

Schönberg und die Auflösung der Tonalität.

Mann in dunklem Mantel mit Federkiel über Notenblättern, ernster Blick zur Seite.
Schönberg mit Federkiel über Notenblättern. 1908 verzichtet er erstmals auf die Tonart-Vorzeichnung; 1923 entwickelt er die Zwölftontechnik.

Um die Romantik abzulösen, gab es im frühen 20. Jahrhundert mehrere Wege. Ein Weg ging über Wien.

Im August 1908 schrieb Arnold Schönberg in seinem Wiener Atelier den dritten Satz seines zweiten Streichquartetts. Im vierten Satz fügte er einen Sopran hinzu, der ein Gedicht Stefan Georges sang. Die ersten Worte: Ich fühle Luft von anderem Planeten. Mit diesem Satz verschwand die Tonart-Vorzeichnung. Schönberg hatte zum ersten Mal ohne tonales Zentrum komponiert. Er war damals dreiunddreißig Jahre alt und weitgehend Autodidakt.

Bevor man versteht, was er tat, lohnt eine kurze Erklärung. Seit Bach trug die europäische Musik ein System: Tonalität — die Ordnung in Dur und Moll, in der jedes Stück eine Heimat-Tonart hat (etwa C-Dur), von der es sich entfernt und zu der es zurückkehrt. Die Heimat-Tonart wirkt wie Schwerkraft: Was nicht zu ihr passt, klingt fremd; was zu ihr zurückkehrt, löst Spannung auf. Mit dieser Schwerkraft hatten zweihundert Jahre westliche Musik gerechnet.

Was Schönberg 1908 tat, war keine Erweiterung dieses Systems. Es war ein Bruch. Er verließ die Schwerkraft. Anfangs gab es kein System für das, was an ihre Stelle treten sollte; Schönberg nannte es freie Atonalität. Die Stücke jener Jahre — die Drei Klavierstücke op. 11, die Erwartung, das Pierrot lunaire — sind Erkundungen ohne Karte.

Um 1923 hatte Schönberg dann eine Karte. Er entwickelte die Zwölftontechnik: Man wählt eine Reihe aus den zwölf Halbtönen, in der jeder Ton genau einmal vorkommt. Diese Reihe ist das Material für das ganze Stück — sie kann transponiert, umgekehrt, rückläufig gespielt werden, aber kein Ton bekommt mehr Gewicht als ein anderer. Was nach Mathematik klingt, war für Schönberg ein Ersatz für die verlorene Schwerkraft — ein Garant der musikalischen Logik, wie er selbst sagte.

Drei Männer im Wiener Salon mit Klavier und Notenblättern, in Gespräch vertieft.
Schönberg, Berg, Webern — die Zweite Wiener Schule im Salon. Drei Generationen einer Idee: Tonalität aufgeben, aber Form bewahren.

Schönberg arbeitete nicht allein. Mit ihm gingen zwei Schüler diesen Weg: Alban Berg und Anton Webern. Die drei werden als Zweite Wiener Schule bekannt — in Anlehnung an die Erste, also Haydn, Mozart, Beethoven. Berg schrieb 1925 die Oper Wozzeck, ein Werk, das die atonale Sprache mit klassischen Formen wie Sonatensatz und Suite verband. Sie wurde in Berlin uraufgeführt und war ein Erfolg. Webern war der Stille der drei: Er schrieb kurze, hochkonzentrierte Stücke, in denen eine Sinfonie auf zehn Minuten verdichtet wird.

1933 mussten alle drei vor dem Nationalsozialismus fliehen. Schönberg ging über Paris in die USA und wurde Komponierprofessor in Los Angeles. In seiner späteren Klasse saßen John Cage und Lou Harrison — zwei der wichtigsten Komponisten der amerikanischen Avantgarde. Berg starb 1935 in Wien an einer Blutvergiftung nach einem Insektenstich. Webern wurde im September 1945 in Mittersill, wenige Monate nach Kriegsende, von einem amerikanischen Soldaten versehentlich erschossen — er hatte auf der Veranda eine Zigarette angezündet, der Lichtschein wurde als Bedrohung missverstanden.

Was die Zweite Wiener Schule hinterließ, ist umstritten geblieben. Für die Avantgarde der 1950er Jahre — Pierre Boulez in Paris, Karlheinz Stockhausen in Köln — war sie die einzige seriöse Vorgabe. Für andere — auch für viele Hörer im Konzertsaal — war sie der Punkt, an dem die westliche Musik aufhörte, ein Kommunikationsmedium für alle zu sein. Sie wurde Spezialwissen für wenige.

V.  Eine andere Geschichte, gleichzeitig

Japan beginnt 1887 und niemand merkt es.

Frau im Kimono am Schreibtisch mit Notenblättern, Geige und Koto in der Szene.
Eine japanische Komponistin schreibt westliche Noten, neben sich Geige und Koto. Kôda Nobu studiert ab 1889 in Wien und Berlin und schreibt 1895 die erste japanische Komposition in westlicher Tradition.

Während in Wien die Tonalität aufgelöst wird, passiert in Tokio das Gegenteil: Sie wird gerade erst aufgebaut.

Seit den 1870er Jahren betreibt die japanische Meiji-Regierung eine systematische Westernisierung der Musik. Westliche Musiklehrer werden ins Land eingeladen. An staatlichen Schulen wird Solfeggio nach europäischer Methode unterrichtet. Die Marine-Musikkapelle wird nach britischem Vorbild aufgestellt. 1887 gründet Yamaha Torakusu in Hamamatsu eine Werkstatt für Reed-Orgeln — aus ihr wird später das Yamaha-Imperium. Eine ganze Generation japanischer Kinder lernt Klavier, während ihre Großeltern noch Koto-Spieler kannten.

1895 schreibt eine junge Japanerin namens Kôda Nobu in Berlin ihre erste Violinsonate. Sie hatte am Tokioter Konservatorium studiert, ein Stipendium nach Wien und Berlin erhalten und unter anderem bei Joseph Joachim Geige gelernt. Ihre Violinsonate Nr. 1 in es-Moll ist die erste japanische Komposition in westlicher Tradition. Sie kehrt nach Tokio zurück, wird Professorin am Konservatorium und unterrichtet eine ganze Generation. Im Westen ist sie bis heute praktisch unbekannt.

In den 1910er und 1920er Jahren pendelt der Komponist Yamada Kôsaku zwischen Berlin, Tokio und Paris. Er gründet 1914 das erste japanische Sinfonieorchester und schreibt Lieder, Sinfonien, Opern in einem Stil, der spätromantische Harmonik mit japanischen Skalen kombiniert. Sein Lied Akatonbo (Rote Libelle, 1927) ist heute eines der bekanntesten Lieder Japans.

Auch in den Nachbarländern beginnt diese Bewegung. In Korea — ab 1910 japanische Kolonie — schreibt Hong Nan-pa 1919 das Lied Bongseonhwa, ein Volkslied im westlichen Stil, das während der Kolonialzeit zum stillen Protestlied wird. In China studiert Xian Xinghai in den 1930er Jahren in Paris bei Vincent d'Indy und kehrt zurück, um 1939 die Yellow-River-Kantate zu schreiben — später eines der meistgespielten Werke des 20. Jahrhunderts in China.

Im Westen bemerkt man von all dem fast nichts. Claude Debussy schreibt 1903 das Klavierstück Pagodes, das wie eine Asien-Imagination klingt — aber Debussys Bezug war kein japanischer und kein chinesischer; es war ein javanisches Gamelan-Ensemble, das er auf der Pariser Weltausstellung 1889 gehört hatte. Westliche »Asiatisierung« und asiatische Westernisierung sind zwei Bewegungen, die parallel laufen, ohne einander zu hören. Erst in den Spätjahrzehnten des 20. Jahrhunderts — mit Tôru Takemitsu in Japan, Isang Yun in Korea, Tan Dun in China — beginnt ein echter Austausch.

Was uns das über Musikgeschichte sagt: Die Erzählung »Musik = europäische Musik«, die uns in den Lehrbüchern bis 1990 eingebleut wurde, war faktisch falsch. Es läuft im 20. Jahrhundert eine zweite, dritte, vierte Geschichte parallel ab, die wir erst seit kurzer Zeit aufzunehmen lernen.

VI.  Die Pianisten und das Jahrhundert

Wer am Klavier saß, während Europa zerfiel.

Der reisende Konzertpianist als Star ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Franz Liszt hatte das Modell vorgemacht; Anton Rubinstein und sein Bruder Nikolai professionalisierten es. Zwischen 1880 und 1940 füllen Namen wie Ignacy Paderewski, Sergei Rachmaninow, Alfred Cortot, Wilhelm Kempff, Vladimir Horowitz und Arthur Rubinstein die Konzertsäle einer transatlantischen Bürgerlichkeit.

Was diese Generation besonders macht: Sie spielten Werke, deren Komponisten sie noch persönlich kannten. Cortot hatte bei Fauré studiert. Horowitz war als junger Mann bei Skrjabin zum Tee gewesen, bevor Skrjabin 1915 starb. Die Distanz zwischen Komponist und Interpret, die uns heute selbstverständlich vorkommt, war damals klein.

Dann kam das politische 20. Jahrhundert — und das Klavier wurde auch zu einer politischen Position.

Sergei Rachmaninow verließ 1917 Russland und kehrte nie zurück. Er lebte in den USA und der Schweiz und schrieb dort seine späten Klavierkonzerte. Wilhelm Furtwängler und Wilhelm Backhaus blieben im nationalsozialistischen Deutschland. Alfred Cortot kollaborierte im besetzten Frankreich. Arthur Rubinstein, dessen jüdische Familie in der Schoa ermordet wurde, verweigerte zeitlebens jeden Auftritt in Deutschland. Welche Position ein Pianist einnahm, war nach 1945 oft wichtiger als seine Spielweise.

Im Osten verlief diese Geschichte anders. Dmitri Schostakowitsch — selbst Pianist und einer der wichtigsten Komponisten des Jahrhunderts — wurde 1936 in der sowjetischen Prawda angegriffen (»Chaos statt Musik«), nachdem Stalin seine Oper Lady Macbeth von Mzensk gesehen und für unangemessen befunden hatte. Schostakowitsch rechnete jeden Tag mit der Verhaftung. Er packte einen Koffer mit dem Nötigsten und schlief auf dem Treppenabsatz vor der Wohnung — damit die Familie nicht mitgeweckt würde, wenn der Geheimdienst käme.

Ein Jahr später schrieb er die Fünfte Sinfonie, mit dem Untertitel Antwort eines sowjetischen Künstlers auf gerechte Kritik. Die Sinfonie wurde ein Erfolg. Schostakowitsch überlebte. Ob er die Sinfonie tatsächlich konformistisch meinte oder ob er sie als verschlüsselte Verzweiflung schrieb, darüber wird bis heute gestritten.

Im August 1942 wurde in der belagerten Stadt Leningrad seine Siebte Sinfonie uraufgeführt. Das Orchester der Leningrader Philharmonie war halbiert; die meisten Musiker waren verhungert oder gefallen. Drei Schlagzeuger wurden eigens von der Front zurückbeordert, um die Triangel zu spielen. Die Aufführung wurde per Lautsprecher in die ganze Stadt übertragen — während deutsche Truppen die Stadt belagerten und mithören mussten. Es ist eines der bekanntesten Konzerte des 20. Jahrhunderts.

Was diese Generation von Pianisten hinterließ, ist auch eine Aufnahmegeschichte. Mit Schellack und später LP wurde ihr Spiel konservierbar. Wer heute Cortot Chopin spielen hört, hört einen Stil, der vor 1950 als selbstverständlich galt: viel rubato (freies Tempo), weicher Anschlag, gelegentliche Fehler. Die Tonträger-Industrie hat danach den perfekt spielenden Pianisten hervorgebracht, indem sie ihn vergleichbar machte. Cortot konnte sich Fehler leisten. Maurizio Pollini dreißig Jahre später konnte das nicht mehr.

VII.  Schluss

Was bleibt, was kommt.

Um 1950 stehen wir an einer Schwelle. Schönberg stirbt 1951 in Los Angeles, mit fünfundsiebzig. Strawinski lebt ebenfalls in Kalifornien und schreibt seine letzten neoklassischen Werke — um wenige Jahre später überraschend selbst auf die Zwölftontechnik umzusteigen, die sein lebenslanger Antipode Schönberg vorgegeben hatte.

In Deutschland versammelt sich seit 1946 jeden Sommer in Darmstadt die Internationale Ferienkurs-Reihe für Neue Musik — hier festigen Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono ihre Avantgarde-Position. In Russland setzt Schostakowitsch sein tägliches Balancieren zwischen offizieller Linie und persönlicher Wahrhaftigkeit fort; er stirbt 1975. In den USA stellt John Cage 1952 mit 4'33" — vier Minuten, dreiunddreißig Sekunden Stille auf der Bühne — die Frage, was Musik überhaupt sei.

Was nach 1950 kommt, ist nicht mehr eine Geschichte, sondern viele. Die Avantgarde wechselt von der Zwölfton- zur seriellen Musik, dann zur elektronischen Musik, dann zur Minimal Music (Steve Reich und Philip Glass, beide Boulanger-Schüler), zur Spektralmusik, zur Postmoderne. Die Tonalität kehrt zurück, in anderer Form. Die populäre Musik übernimmt das, was die Klassik im 19. Jahrhundert war: die Musik der Jugend, der großen Säle, der Identifikation. Und der Jazz steigt aus den Subkulturen in den Rang einer eigenen Hochkultur (siehe Stück 3 dieser Reihe).

Was bleibt von hundert Jahren zwischen 1850 und 1950, ist eine Geschichte von Aufbrüchen und Auflösungen. Vor 1850 hatte die deutsch-österreichische Musik als Weltmusik gegolten. Nach 1950 ist das nicht mehr selbstverständlich. An ihre Stelle treten mehrere musikalische Welten parallel:

  • Eine russische, geschaffen vom Mächtigen Häuflein in St. Petersburg, weitergeführt über Strawinski, Schostakowitsch und Prokofjew.
  • Eine amerikanische, ausgebildet in Boulangers Pariser Atelier, vorgeführt von Copland bis Bernstein bis Glass.
  • Eine japanische (und später koreanische und chinesische), die ab 1887 zwischen Berlin und Tokio entsteht und im Westen lange unbemerkt bleibt.

Wenn die Musikwelt 1850 einen Mittelpunkt hatte — war es Wien, Leipzig, Berlin —, dann hatte sie 1950 viele.

Im Anschluss eine Zeittafel mit vier Spuren: Musik, bildende Kunst, Literatur, Welt. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.

Zeittafel 1850 – 1950

Was geschah, während die Musikwelt sich aufteilte.

Vier Spuren: Musik, bildende Kunst, Literatur, Welt. Asien-Einträge sind heller eingefärbt mit dem Zusatz »· Asien«. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.

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1850 – 1870

Spätromantik · Russland erwacht
Musik
1854Schumann springt in den Rhein

Im Februar stürzt sich Robert Schumann von der Düsseldorfer Brücke. Er wird in eine Privatklinik nach Endenich gebracht; Clara Schumann darf ihn bis zu seinem Tod 1856 nicht besuchen.

1854Hanslick, Vom Musikalisch-Schönen

Eduard Hanslicks ästhetisches Hauptwerk erscheint in Wien. Musik sei tönend bewegte Form — eine Position, die der programmatischen Musik Liszts und Wagners entgegensteht.

1859Wagner, Tristan und Isolde

Wagner vollendet die Partitur in Luzern. Der Tristan-Akkord am Anfang — eine harmonische Mehrdeutigkeit, die nicht aufgelöst wird — gilt als Schwelle zur späteren Auflösung der Tonalität. Uraufführung erst 1865 in München.

1862Petersburger Konservatorium

Anton Rubinstein gründet das erste russische Musikkonservatorium. Das Mächtige Häuflein um Balakirew sieht es als die falsche Antwort auf die russische Musikfrage.

1867Stasow nennt das Mächtige Häuflein

Wladimir Stasow prägt in einem Zeitungsartikel den Begriff moguschtschaja kutschka — das mächtige Häuflein. Gemeint sind Balakirew, Borodin, Mussorgski, Rimski-Korsakow und Cui.

1868Brahms, Deutsches Requiem

Bremer Uraufführung. Brahms schreibt ein Requiem auf deutschen Bibeltexten, nicht auf der lateinischen Messe; Trost statt Gerücht. Wird zum Schlüsselwerk der konservativen spätromantischen Position.

Bildende Kunst
1863Manet, Déjeuner sur l'herbe

Édouard Manets Bild wird im Salon des Refusés ausgestellt. Skandal: eine nackte Frau zwischen zwei angezogenen Männern. Anfang des Bruchs mit der akademischen Malerei.

1865Manet, Olympia

Erneuter Skandal: Manet zeigt eine Pariser Kurtisane in der Bildkomposition Tizians, blickt direkt auf den Betrachter. Vorgriff auf den Impressionismus.

1867Tod von Ingres und Baudelaire

Innerhalb weniger Monate sterben der Klassizist Ingres und der Dichter Baudelaire. Ein klassizistisches Jahrhundert geht zu Ende.

Literatur
1857Flaubert, Madame Bovary

Flauberts Roman erscheint in Paris. Der Realismus erhält sein Hauptwerk. Flaubert wird wegen Sittenwidrigkeit angeklagt, freigesprochen.

1857Baudelaire, Les Fleurs du mal

Baudelaires Gedichtsammlung erscheint und wird teilweise verboten. Die Stadt als Sujet, der spleen als Stimmung. Symbolismus in Vorbereitung.

1866Dostojewski, Schuld und Sühne

Fjodor Dostojewskis Roman erscheint in St. Petersburg in Fortsetzungen. Raskolnikow, der Mord, das Gewissen. Beginn der großen russischen Romanliteratur.

1869Tolstoi, Krieg und Frieden

Lew Tolstois Riesenroman ist abgeschlossen. Hundert Personen, zwei Familien, der napoleonische Russlandfeldzug. Der historische Roman erreicht eine Spitze.

Welt
1853Perry-Expedition in Japan

Der amerikanische Commodore Matthew Perry erzwingt mit Kanonenbooten die Öffnung Japans. 1854 Vertrag von Kanagawa. Beginn der Meiji-Ära in Vorbereitung.

1861US-Bürgerkrieg

Beginn des Sezessionskriegs. 620.000 Tote bis 1865. Die USA werden zur kontinentalen Industriemacht.

1861Bauernbefreiung in Russland

Zar Alexander II. erlässt das Manifest zur Bauernbefreiung. Etwa 23 Millionen Leibeigene werden formell befreit; die Reform bleibt ökonomisch zwiespältig.

1868Meiji-Restauration in Japan

Mit der Restauration der Kaiserwürde beginnt die systematische Westernisierung Japans. Industrialisierung, Heeresreform, Bildungssystem werden in zwanzig Jahren modernisiert.

1870 – 1890

Wagner-Bayreuth · Impressionismus
Musik
1874Mussorgski, Bilder einer Ausstellung

Klavierzyklus, geschrieben nach den Bildern des verstorbenen Freundes Hartmann. Erst 1922 in Maurice Ravels Orchesterbearbeitung weltberühmt.

1876Erste Bayreuther Festspiele

Im August die Uraufführung des kompletten Ring des Nibelungen. Wagner hat sein eigenes Festspielhaus auf dem Grünen Hügel errichten lassen, finanziert von Ludwig II. von Bayern.

1881Mussorgski †

Modest Mussorgski stirbt am 28. März in St. Petersburg, zweiundvierzig Jahre alt, an Alkoholmissbrauch. Rimski-Korsakow beginnt, seine Werke posthum zu »korrigieren«.

1883Wagner †

Richard Wagner stirbt am 13. Februar in Venedig, neunundsechzig Jahre alt. Sein Schwiegersohn Hans von Bülow übernimmt mit anderen die Bayreuther Festspiele.

1887Yamaha gegründet

Yamaha Torakusu eröffnet in Hamamatsu eine Werkstatt für Reed-Orgeln. 1900 wird das erste Klavier gebaut. Beginn des japanischen Klavierimperiums.

1889Pariser Weltausstellung

Auf der Weltausstellung hört der junge Claude Debussy ein javanisches Gamelan-Ensemble. Aus dieser Begegnung wird sein späteres Interesse an asiatischer Klangwelt.

Bildende Kunst
1874Erste Impressionisten-Ausstellung

In Paris stellen Monet, Renoir, Pissarro, Degas, Sisley, Cézanne erstmals gemeinsam aus. Aus Monets Bild Impression, soleil levant wird der spottend gemeinte Begriff Impressionisten geprägt — und bleibt.

1886Letzter Impressionisten-Salon

Nach acht Ausstellungen löst sich die Gruppe auf. Seurat zeigt seinen Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte — Pointillismus, der erste Schritt über den Impressionismus hinaus.

1889Eiffelturm

Für die Pariser Weltausstellung errichtet. 300 Meter hoch, ein Skandal für die Pariser Bourgeoisie, die ihn zurückbauen lassen wollte.

Literatur
1880Dostojewski, Die Brüder Karamasow

Dostojewskis letzter Roman. Im Februar 1881 stirbt er in St. Petersburg.

1885Zola, Germinal

Émile Zolas Roman über den Bergarbeiterstreik im Norden Frankreichs. Höhepunkt des französischen Naturalismus.

1885Mallarmé, L'après-midi d'un faune

Stéphane Mallarmés Gedicht. Programmtext des französischen Symbolismus. Debussy wird es 1894 zur Vorlage seines Prélude.

Welt
1870-71Deutsch-Französischer Krieg

Niederlage Frankreichs bei Sedan, Pariser Kommune, Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871. Beginn der dritten Republik in Frankreich, des Kaiserreichs in Deutschland.

1876Bell-Telefon

Alexander Graham Bell erhält das Patent für das Telefon. Die unmittelbare Stimme über Distanz wird Realität.

1885Kongo-Konferenz Berlin

Bismarck lädt die europäischen Mächte ein, Afrika untereinander aufzuteilen. Die koloniale Expansion erreicht ihre formale Phase.

1889Japanische Verfassung

Japan bekommt eine westlich orientierte Verfassung nach preußischem Vorbild. Die Meiji-Modernisierung findet ihren Abschluss.

1890 – 1910

Mahler · Debussy · Asien beginnt
Musik
1895Kôda Nobu, Violinsonate

In Berlin schreibt die japanische Komponistin Kôda Nobu (1870-1946), Schülerin von Joseph Joachim, ihre Violinsonate Nr. 1. Erste japanische Komposition in westlicher Tradition.

1894Debussy, Prélude à l'après-midi d'un faune

Uraufführung in Paris. Pierre Boulez nennt es später den Anfang der modernen Musik. Die Tonalität wird gerückt, das Orchester atmet anders.

1899Schoenberg, Verklärte Nacht

Sextett des fünfundzwanzigjährigen Wiener Komponisten. Spätromantik in extremster Ausprägung; das Tor zur freien Atonalität steht offen.

1901Mahler, 5. Sinfonie

Gustav Mahler beginnt die 5. Sinfonie mit dem Adagietto, das durch Viscontis Film Tod in Venedig 1971 weltberühmt wird.

1903Debussy, Estampes

Klavierzyklus mit dem Eingangsstück Pagodes. Debussy erfindet eine Asien-Imagination ohne tatsächliche Asien-Kenntnis.

1908Schönberg, 2. Streichquartett

Sommer 1908: im 4. Satz lässt Schönberg die Tonart-Vorzeichnung weg. Erste atonale Komposition. Stefan Georges Entrückung: »Ich fühle Luft von anderem Planeten«.

1909Diaghilev, Ballets russes in Paris

Sergei Diaghilev bringt eine russische Ballett-Truppe nach Paris. Aus dieser Truppe werden Strawinsky, Nijinsky, Pawlowa, Bakst — eine ganze Avantgarde.

Bildende Kunst
1893Munch, Der Schrei

Edvard Munchs Bild — in mehreren Versionen — wird zur Ikone des Expressionismus. Die Innenwelt schreit nach außen.

1905Fauves, Pariser Salon d'Automne

Matisse, Derain, Vlaminck stellen aus. Ein Kritiker spricht von fauves — wilden Tieren. Der Name bleibt. Erste Avantgarde des 20. Jahrhunderts.

1907Picasso, Demoiselles d'Avignon

Pablo Picasso malt die Demoiselles in Paris. Inspiriert teils von afrikanischen Masken, teils von Cézanne. Anfang des Kubismus.

1909Marinetti, Futuristisches Manifest

In Le Figaro: Filippo Marinetti ruft die Zukunft, die Geschwindigkeit, den Krieg aus. Erste Avantgarde-Bewegung mit politischem Programm.

Literatur
1900Freud, Die Traumdeutung

Sigmund Freud veröffentlicht das Buch, das die Innenwelt zur wissenschaftlichen Disziplin macht. Erscheint mit Datum 1900, war Ende 1899 fertig.

1901Mann, Buddenbrooks

Thomas Mann, sechsundzwanzig, veröffentlicht den Roman einer Lübecker Patrizier-Familie über vier Generationen. Später Nobelpreis-Begründung.

1908Rilke, Neue Gedichte

Rainer Maria Rilkes Dinggedichte — Panther, Karussell, Statuen — prägen die deutsche Lyrik für ein halbes Jahrhundert.

Welt
1894-95Erster Sino-Japanischer Krieg

Japan besiegt das Qing-China. Taiwan wird japanische Kolonie. Der Aufstieg Japans zur Regional-Macht ist sichtbar.

1898Spanisch-Amerikanischer Krieg

Die USA übernehmen Kuba, Puerto Rico, die Philippinen. Beginn der amerikanischen Imperialphase.

1904-05Russisch-Japanischer Krieg

Japan besiegt Russland. Erstmals seit Jahrhunderten unterliegt eine europäische Großmacht einer asiatischen. Die Kolonialordnung bekommt einen Schock.

1905Erste russische Revolution

Blutiger Sonntag in St. Petersburg. Die Revolution wird niedergeschlagen, aber Nikolaus II. muss eine Verfassung erlassen.

1910 – 1930

Erster Weltkrieg · Avantgarde
Musik
1913Strawinsky, Le sacre du printemps

29. Mai 1913, Pariser Théâtre des Champs-Élysées. Skandal-Premiere. Polyrhythmik, Dissonanz, das Ritualistische. Eines der einflussreichsten Stücke des Jahrhunderts.

1913Lili Boulanger, Prix de Rome

Mit neunzehn Jahren erste Frau, die den Kompositions-Prix de Rome gewinnt. Stirbt 1918 mit vierundzwanzig an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Ihre Schwester Nadia hört nach ihrem Tod auf zu komponieren.

1914Yamada gründet japanisches Sinfonieorchester

Yamada Kôsaku gründet in Tokio das erste japanische Sinfonieorchester. Pendelt zwischen Berlin, Paris und Tokio.

1921Boulanger lehrt in Fontainebleau

Aaron Copland kommt zu Nadia Boulanger ins American Conservatory in Fontainebleau. Beginn einer fast 60-jährigen Lehr-Geschichte: Copland, Carter, Glass, Bernstein, Quincy Jones u.v.a.

1923Schönberg, Zwölftontechnik

Schönberg formuliert seine Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen. System für das post-tonale Komponieren.

1925Berg, Wozzeck

Premiere in Berlin. Alban Berg verbindet die atonale Sprache mit Form-Strukturen aus der Klassik. Überraschungs-Erfolg.

1927Schostakowitsch, 1. Sinfonie

Mit zwanzig Jahren legt Dmitri Schostakowitsch sein Diplom-Werk vor. Bruno Walter führt es 1928 in Berlin auf, Toscanini in den USA. Ein Komponist mit Welt-Karriere ist da.

Bildende Kunst
1910Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst

Wassili Kandinsky theoretisiert die abstrakte Malerei. Im selben Jahr entstehen seine ersten gegenstandslosen Aquarelle.

1916Dada in Zürich

Im Cabaret Voltaire in Zürich gründet eine Gruppe um Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp und Emmy Hennings die Dada-Bewegung. Anti-Kunst als Reaktion auf den Weltkrieg.

1919Bauhaus Weimar

Walter Gropius gründet das Staatliche Bauhaus in Weimar. Verbindung von Handwerk, bildender Kunst und Architektur. 1925 nach Dessau, 1933 von den Nazis geschlossen.

1924Surrealistisches Manifest

André Breton schreibt in Paris das erste Manifest des Surrealismus. Trauminhalte, Automatismus, das Unbewusste als künstlerisches Material.

Literatur
1913Proust, Du côté de chez Swann

Erster Band der Recherche du temps perdu. Marcel Proust beginnt das größte Romanwerk des Jahrhunderts.

1922Joyce, Ulysses

James Joyces Roman erscheint in Paris. Bewusstseinsstrom, Mythen-Überlagerung, Sprachexperiment. Im englisch-sprachigen Raum jahrelang verboten.

1922Eliot, The Waste Land

T.S. Eliots Versgedicht wird in London veröffentlicht. Modernismus in der englischen Lyrik.

1924Mann, Der Zauberberg

Thomas Manns Davoser Roman. Eine Schweizer Lungenheilanstalt als Mikrokosmos der Vorkriegswelt.

Welt
1914-18Erster Weltkrieg

17 Millionen Tote. Vier Imperien (deutsch, österreichisch-ungarisch, russisch, osmanisch) zerfallen.

1917Russische Revolution

Februar-Revolution, dann Oktober-Revolution. Lenin übernimmt die Macht. Beginn der Sowjetunion.

1929Börsenkrach

Schwarzer Donnerstag in New York. Beginn der Weltwirtschaftskrise. Politische Polarisation in Europa beschleunigt sich.

1930 – 1950

Diktaturen · Krieg · Exil
Musik
1933Schönberg flieht

Schönberg verliert seinen Posten an der Berliner Akademie und flieht über Paris in die USA. Wird später Professor in Los Angeles, unterrichtet John Cage.

1935Berg †

Alban Berg stirbt am 24. Dezember in Wien an einer Blutvergiftung nach einem Insektenstich, fünfzig Jahre alt. Seine Oper Lulu bleibt unvollendet.

1936Schostakowitsch in der Prawda

Stalin geht in die Oper Lady Macbeth von Mzensk. Tags darauf in der Prawda der Artikel Chaos statt Musik. Schostakowitsch erwartet die Verhaftung; sie kommt nicht.

1937Schostakowitsch, 5. Sinfonie

Untertitel: Antwort eines sowjetischen Künstlers auf gerechte Kritik. Erfolg, Schostakowitsch ist gerettet. Wie konformistisch oder subversiv die Sinfonie ist, bleibt umstritten.

1939Xian Xinghai, Yellow River Cantata

In der KP-Basis Yan'an schreibt Xian Xinghai die Yellow River Cantata. Ein Komponist mit Pariser Studium (D'Indy, Dukas) verbindet westliche und chinesische Tradition. Wird später eines der meistgespielten Werke Chinas.

1942Schostakowitsch, 7. Sinfonie in Leningrad

Im August Uraufführung in der belagerten Stadt. Die Musiker werden teilweise von der Front zurückgeholt. Über Lautsprecher in die Stadt übertragen.

1945Webern †

Anton Webern wird im September in Mittersill von einem amerikanischen Soldaten erschossen, als er auf der Veranda seines Schwiegersohns eine Zigarette anzündete. Ende des Kriegs in Europa, in einer Zigarettenpause.

Bildende Kunst
1937Picasso, Guernica

Für die Pariser Weltausstellung gemalt, in Reaktion auf die deutsche Bombardierung der baskischen Stadt. Wird zur Anti-Kriegs-Ikone des Jahrhunderts.

1937Ausstellung »Entartete Kunst«

NS-Wanderausstellung beginnt in München. Beschlagnahmte Werke aus deutschen Museen werden öffentlich diffamiert. Beckmann, Dix, Klee, Kandinsky, Beckmann unter den Diffamierten.

1947Pollock beginnt drip painting

Jackson Pollock entwickelt seine Drip-Painting-Technik in seinem Atelier in Long Island. Anfang des Abstrakten Expressionismus. New York wird zur Welthauptstadt der Kunst.

Literatur
1933Bücherverbrennungen

10. Mai 1933 in Berlin und anderen deutschen Städten. Werke von Thomas und Heinrich Mann, Brecht, Tucholsky, Kafka, Freud, Marx und vielen anderen werden öffentlich verbrannt.

1942Camus, L'Étranger

Albert Camus' Roman erscheint in Paris. Existentialismus in der Praxis. Die französische Nachkriegsphilosophie ist in Vorbereitung.

1947Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung

Im US-Exil entstanden, in Amsterdam veröffentlicht. Der zentrale philosophische Text der Frankfurter Schule.

1949Orwell, 1984

George Orwells Roman erscheint in London. Ein Jahr später ist er tot.

Welt
1933Hitler an der Macht

30. Januar: Hitler wird zum Reichskanzler ernannt. Innerhalb von Monaten errichten die Nationalsozialisten eine Diktatur.

1939-45Zweiter Weltkrieg

60 Millionen Tote, davon 6 Millionen Juden im Holocaust. Wende der Welt-Geschichte.

1945Hiroshima und Nagasaki

6. und 9. August: erstmals Einsatz von Atombomben. Japan kapituliert. Ein neues Zeitalter beginnt.

1947Indien unabhängig

15. August: Indien wird unabhängig, gleichzeitig die Teilung mit Pakistan. Beginn der großen Dekolonisierungswelle.

1949Volksrepublik China

1. Oktober: Mao ruft die Volksrepublik aus. Endpunkt eines dreißigjährigen Bürgerkriegs.

Die Reihe

Fünf Stücke aus der Musikwelt.

Dies ist das zweite Stück. Es folgen Jazz, Chanson und Cantautori; vorausgegangen ist Wie die Romantik entstand.

Stück 1 · Romantik Stück 3 · Jazz Stück 4 · Chanson Stück 5 · Cantautori

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