Musikraum · Stück 1 von 5
Wie die Romantik entstand.
Eine Geschichte aus der Musikwelt, die selten erzählt wird. Die Romantik beginnt nicht mit einer Komposition, sondern mit einem Theologie-Studenten vor einem Bild und einem Richter, der seinen Vornamen ändert. Die Komponisten kommen erst später.
I. Auftakt
Was die Romantik nicht war.
Wer Musikgeschichte im Schulunterricht hatte, kennt die Komponisten der Romantik: Beethoven, Schubert, Schumann, Chopin, Liszt. Was selten erzählt wird, ist die Vorgeschichte — die Schriftsteller, die festgelegt haben, was »romantische Musik« eigentlich sein soll, bevor die berühmten Komponisten ihre bekanntesten Werke schrieben.
Die Pointe ist diese: Im frühen 19. Jahrhundert kam die Theorie vor der Praxis. Ein dreiundzwanzigjähriger Theologie-Student schrieb 1796 ein kleines Buch über die Andacht vor der Kunst. Ein preußischer Richter veröffentlichte 1810 eine Rezension von Beethovens Fünfter Sinfonie, die deren Ruhm erst begründete. Dazwischen entstand in einer kleinen thüringischen Universitätsstadt ein Programm: was Musik können soll, ja was sie sein soll, in einer Welt nach den Kriegen Napoleons.
Erst danach kamen Schubert, Schumann und ihre Generation. Sie waren die Antwort auf eine Bestellung, die schon formuliert war.
Die folgenden Abschnitte erzählen diese Vorgeschichte: nicht die Komponisten, sondern die Vorbereiter. Drei Männer, zwei Brüder und eine Welt, die gerade aus den Fugen geriet.
II. Der Theologe vor der Madonna
Wackenroder, der sehr früh starb.
Im Sommer 1796 reist ein junger Berliner nach Dresden. Wilhelm Heinrich Wackenroder ist dreiundzwanzig Jahre alt, Sohn eines preußischen Justiz-Beamten und studiert Jurisprudenz und Theologie. Nebenbei schreibt er Aufsätze über Kunst — Aufsätze, die er niemandem zeigt. In der Galerie Dresden bleibt er vor Raffaels Sixtinischer Madonna stehen. Er schreibt später, er sei überwältigt gewesen. Nicht wie ein Kunstkenner, der ein Bild bewertet. Wie ein Gläubiger vor einer Reliquie.
Aus diesem Erlebnis entsteht ein kleines Buch: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, anonym 1797 in Berlin erschienen, herausgegeben von Wackenroders Studienfreund Ludwig Tieck. Das Buch tut etwas, was im Kunstdiskurs der Aufklärung undenkbar war. Bis dahin sprach man über Kunst in nüchternen Begriffen: Regel, Kanon, gutes Handwerk, Idealschönheit, guter Geschmack. Wackenroder spricht von Andacht. Sein erfundener Klosterbruder betrachtet Bilder wie Heiliges. Er kniet innerlich. Die Kunst wird zum Ort des Heiligen.
Das war 1797 ein riskanter Gedanke. Die Aufklärung hatte gerade angefangen, Religion zu entgrenzen und in die Moral zu verlegen — bei Lessing in den Toleranz-Dialog (Nathan der Weise), bei Kant in die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Wackenroder verlegte sie zurück. Nicht in die Kirche, sondern in die Kunst. Was für die Musik entscheidend wurde: Er behauptete, Musik sei die einzige Kunst, in der das Innere des Menschen unmittelbar hörbar werde. Worte versagen, schrieb er, vor dem, was Musik sagt.
Im Februar 1798, ein knappes Jahr nach Erscheinen der Herzensergießungen, starb Wackenroder mit fünfundzwanzig Jahren an einer Nervenerkrankung. Tieck gab posthum die Phantasien über die Kunst heraus. Damit endete Wackenroders Werk — nach kaum mehr als einem Buch und einem halben.
Wackenroders Wirkung auf die deutsche Musik-Romantik war groß, sein Name geriet trotzdem in Vergessenheit. Schumann las ihn, Wagner las ihn, Hoffmann baute auf ihm auf. Wer heute über die Romantik spricht, kennt seinen Namen meist nicht. Die Vorbereiter werden seltener erinnert als die, die sie vorbereitet haben.
Was Wackenroder begonnen hatte, führten in den Jahren danach die Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel und ihre Freunde Novalis und Tieck weiter — in der kleinen thüringischen Universitätsstadt Jena. Ihre Zeitschrift, das Athenäum, erschien ab 1798 und machte aus Wackenroders Erlebnis ein Programm. Romantik war dort kein Stil, sondern eine Methode. Das Fragment wurde wichtiger als das vollständige System; das Unendliche wichtiger als das Begrenzte; die Ironie wichtiger als die direkte Aussage. Innerhalb von drei Jahren entstand in Jena das, was später die deutsche Romantik heißen wird.
III. Der Richter, der seinen Namen änderte
Hoffmann erfindet das Selbstverständnis der Musik.
Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wurde 1776 in Königsberg geboren, studierte Jura und wurde Richter im preußischen Verwaltungsapparat. Akten aus seiner Berliner Zeit zeigen einen genauen, ironischen, gelegentlich grimmigen Beamten. Er war auch Komponist, Maler und Erzähler — er schrieb Romane neben den Akten, malte zwischen den Verhandlungen.
In seinen Bamberger Jahren (1808 bis 1813) vollzog er eine Geste, die zunächst wie eine Petitesse aussieht: Er änderte seinen dritten Vornamen. Das Wilhelm verschwand. An seine Stelle trat Amadeus.
Das war kein Zufall. Mozart hatte sich bei seiner Firmung selbst diesen Namen gegeben. Hoffmann nahm ihn auf — ein Schaffender, der sich neu benennt, indem er sich einem toten anderen Schaffenden anschließt. Die Geste wird für die Romantik typisch: Schumann wird zwei Jahrzehnte später unter Pseudonymen schreiben (Florestan und Eusebius); Wagner wird sich seine eigene Festspielbühne in Bayreuth bauen lassen; Liszt wird sich als Abbé kleiden. Die Romantik ist auch das: die Erfindung des Künstler-Selbst. Hoffmann hatte das Muster vorgegeben — in einer juristischen Akte.
Im Juli 1810 erschien in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung eine lange Rezension von Beethovens Fünfter Sinfonie, verfasst von E.T.A. Hoffmann. Die Sinfonie war zwei Jahre alt und hatte bei den Wiener Aufführungen gemischte Reaktionen ausgelöst. Was Hoffmann jetzt über sie schrieb, veränderte die Wahrnehmung des Werks — und die Wahrnehmung der Musik überhaupt.
Sein Argument: Instrumentalmusik ohne Worte sei die romantischste aller Künste, weil sie das Unendliche berühren könne, ohne es zu benennen. Beethoven sei kein heiterer Komponist wie Haydn, kein Gefühlskünstler wie Mozart. Er sei ein Erforscher des Unaussprechlichen. Was bei der Fünften passiere, sei weder Rührung noch Heiterkeit. Es sei eine Form von Erkenntnis.
Die Wirkung war erheblich. Die Sinfonie, die Haydn und Mozart noch als hochstehende Unterhaltung verstanden hatten, wurde zur Erkenntnisform — ein Ort, an dem über das Letzte verhandelt wird, wie zuvor das Drama bei Schiller. Beethoven, damals fünfunddreißig Jahre alt, wurde aus dem Wiener Komponistenkreis herausgehoben und zum Heroen einer neuen Kunstauffassung. Die Beethoven-Verehrung des 19. Jahrhunderts beginnt nicht bei Beethoven, sondern bei seinem Rezensenten.
Hoffmann selbst hatte als Komponist Pech. Seine erste ernsthafte Oper Aurora wurde nie aufgeführt; das Manuskript verschwand. Seine spätere Undine wurde 1816 in Berlin uraufgeführt — und brannte ein Jahr später mitsamt der Theaterdekoration ab. Der Mann, der die Theorie der romantischen Musik schrieb, kam mit eigenen Kompositionen kaum über Anfänge hinaus. Er starb 1822 mit sechsundvierzig Jahren an einer Rückenmarkslähmung.
IV. Die Theorie wird Klang
Weber, Marschner und der lange Schatten.
Was Wackenroder gefordert und Hoffmann theoretisiert hatte, brauchte zwölf Jahre, bis es im Theater ankam. Am 18. Juni 1821 wurde im neuen Berliner Schauspielhaus Carl Maria von Webers Freischütz uraufgeführt. Das Publikum war hingerissen. Vor allem eine Szene blieb hängen: die Wolfsschluchtszene des zweiten Aktes, in der ein Mann namens Kaspar in einer Geisterklamm sieben magische Freikugeln gießt, während Hexen, Eulen, Räder und Geister durch die Szene treiben.
Das war musikalisch etwas Neues. Bis dahin hatte man das Unheimliche in der Oper beschrieben — mit Worten, mit erklärender Musik. Weber komponierte es: verminderte Septakkorde, die das Ohr nicht auflösen kann; Pauken-Tremoli, die wie Donnergrollen aus dem Boden kommen; Hörner aus der Distanz; der Chor in unheimlichen Lautmalereien. Wer in dieser Szene saaß, hörte die Geister, statt über sie zu lesen.
Damit gelang Weber, was die Theoretiker zwei Jahrzehnte gefordert hatten: eine genuin deutsche Oper. Deutscher Stoff, deutscher Wald, deutsche Volksmotive — verbunden mit kunstvoller Harmonik. Neben dem italienischen Singspiel, das die deutschen Bühnen bisher dominiert hatte, stand jetzt eine eigene Form. Fünf Jahre später starb Weber in London an Tuberkulose, neununddreißig Jahre alt.
Hier beginnt eine Geschichte, die heute kaum noch erzählt wird. Heinrich Marschner, Hofkapellmeister in Hannover, schrieb direkte Nachkommen des Freischütz: Der Vampyr (1828, Leipzig) und Hans Heiling (1833, Berlin). Wieder deutsche Stoffe. Wieder unheimliche Sujets — Geister, Halbwesen, Gestalten zwischen Welt und Unterwelt. Harmonisch ging er noch weiter als Weber. Marschner war damals berühmt. Heute steht er kaum noch auf Spielplänen.
Der Grund für das Vergessen liegt nicht in der Musik. Er liegt in einem einundzwanzigjährigen Kapellmeister, der 1834 in Würzburg Marschners Vampyr einstudierte und sogar eigenhändig eine zusätzliche Arie für seinen Bruder Albert dazu komponierte. Der Kapellmeister hieß Richard Wagner. Achtzehn Jahre später wird er den Fliegenden Holländer schreiben, dann den Tannhäuser, dann den Lohengrin — den verfluchten Mann, den Geist, der erlöst werden will, das Halbwesen zwischen Himmel und Erde. Alle drei Motive waren bei Marschner bereits angelegt. Wagner hat seine Schuld an Marschner Zeit seines Lebens nicht offen eingeräumt.
Vergessen-werden ist in der Musikgeschichte selten ein Urteil über die Qualität. Es ist meist ein Urteil über die Nachkommenschaft. Wer einen größeren Schüler hat, der ihn überragt, verschwindet hinter ihm. Marschners Schüler hieß Wagner. Also verschwand Marschner.
V. Bewegung wird sichtbar
Schumanns Doppelfigur und der Davidsbund.
Im April 1834 erschien in Leipzig die erste Nummer der Neuen Zeitschrift für Musik. Herausgegeben von vier jungen Musikern um Robert Schumann, damals vierundzwanzig Jahre alt und noch im Haus des Klavierpädagogen Friedrich Wieck wohnend (sechs Jahre später wird er dessen Tochter Clara heiraten). Das Programm der Zeitschrift war eine Kampfansage an die seichte Salon-Musik der Zeit, an die Virtuosen-Mode, an das, was Schumann das Philister-Wesen nannte: das Satte, das Wohlfeile, das Brave.
Schumann hatte den Schriftsteller Jean Paul gelesen. In dessen Roman Flegeljahre gibt es zwei Brüder, Walt und Vult, die wie zwei Hälften eines einzigen Charakters wirken: Walt schwärmerisch und sanft, Vult ironisch und feurig. Schumann übernahm beide Figuren und gab ihnen eigene Namen: aus Walt wurde Eusebius, der Sinnende; aus Vult wurde Florestan, der Ungestüme. Unter beiden Pseudonymen schrieb Schumann in der Neuen Zeitschrift — oft zur selben Komposition, mit gegensätzlichen Bewertungen.
Beide existierten als Kommentatoren einer fiktiven Gesellschaft, des Davidsbundes, der gegen die musikalischen Philister antrat. Manche Mitglieder waren reale Personen unter erfundenen Namen (Chopin, Paganini, Clara Wieck), manche waren ganz erfundene Figuren. Wer Mitglied war und wer nicht, entschied Schumann nach Sympathie.
Das war 1834 nicht nur ein literarischer Kniff. Schumann argumentierte: Ein Mensch ist nicht eine einzige eindeutige Stimme. Er hat verschiedene innere Stimmen, die manchmal widersprüchlich sind. Wer behauptet, nur eine zu haben, vereinfacht sich. Wer beide zulässt, ist genauer. Schumann machte daraus eine publizistische Methode: Er schrieb dieselbe Rezension gleichzeitig als Florestan und als Eusebius, weil beide Stimmen in ihm zur gleichen Sache etwas Verschiedenes zu sagen hatten.
Auch in seinen Kompositionen taucht dieses Doppel-Ich auf. Der Carnaval Op. 9 (1834/35) besteht aus einundzwanzig kurzen Klavierstücken, die wie Auftritte auf einem Maskenball funktionieren. Einige sind Florestan zugeordnet, andere Eusebius, andere porträtieren reale Mitglieder des Davidsbundes — Chopin, Paganini, Clara Wieck. Eine Sonate mit einem durchgehenden Argument ist das nicht. Es ist eine Galerie von Stimmen, in der das Klavier-Ich verschiedene Rollen ausprobiert. Je nach Maske eine andere musikalische Sprache.
Die Neue Zeitschrift für Musik existiert übrigens bis heute — Schumann gab sie zehn Jahre lang selbst heraus. In ihr hat er zwei Komponisten entdeckt, die später zu den bekanntesten des Jahrhunderts wurden: Frédéric Chopin mit dem berühmten Satz »Hut ab, ihr Herren, ein Genie« (1831), und Johannes Brahms mit dem Aufsatz Neue Bahnen (1853), der Brahms' Karriere eröffnete. In beiden Fällen war es ein Schriftsteller-Kritiker, der einen Komponisten in die Welt setzte. Nicht ein Komponist, der sich selbst durchsetzte.
VI. Ringsum
Politik, Malerei, Literatur — eine gemeinsame Bewegung.
Die Romantik ist nicht nur Musikgeschichte. Sie ist die Antwort dreier Künste — Musik, Malerei, Literatur — auf eine erschütterte politische Welt. Wer das nicht mitdenkt, versteht weder das Tempo noch die Heftigkeit.
Zwischen 1789 und 1815 erlebte Europa, was eine Generation zuvor noch unvorstellbar war: die Hinrichtung eines Königs in Paris, die Auflösung des tausendjährigen Heiligen Römischen Reiches, einen Krieg, der den Kontinent überzog, und einen aus dem Nichts kommenden Korsen, der sich zum Kaiser krönte und zwischen Lissabon und Moskau Heere bewegte.
Die Aufklärung hatte Vernunft, Recht, Toleranz versprochen. Die Generation der Romantiker hatte erlebt, was passieren kann, wenn die Vernunft zur Tugend-Diktatur wird (Robespierre) und der Befreiungskrieg zur Eroberung (Napoleon). Beides hat die Romantik gemacht: die Erfahrung der gewaltsamen Vereinheitlichung Europas unter Napoleon und die Erfahrung der gedämpften Restauration nach 1815.
In dieser Lage formulierten die Künste eine gemeinsame Antwort. Die Welt sei größer als das Messbare. Die Innenwelt eines einzelnen Menschen sei ein Kontinent. Die Natur sei nicht Rohstoff, sondern Spiegel der Seele. Die Vergangenheit — gerade die mittelalterliche, vergessene — sei lebendiger als die polierte Gegenwart. Und das Fragment sei ehrlicher als das System.
Wie sich das in der Malerei zeigte, lässt sich an wenigen Bildern verdichten. Caspar David Friedrich malte 1818 den Wanderer über dem Nebelmeer — eine Rückenfigur, die in einen unendlichen Nebelraum schaut, statt ihn zu beherrschen. William Turner in England löste die Konturen seiner Bilder auf, bis Sturm und Licht zu Hauptpersonen wurden. In Frankreich machte Théodore Géricault 1819 mit dem Floß der Medusa aus einem politischen Skandal (das Wrack einer französischen Fregatte, die Verlassenen auf einem Floß) ein erschreckendes Gemälde von über sieben Metern Breite. Eugène Delacroix verdichtete 1830 die Pariser Julirevolution in einem einzigen Moment: Die Freiheit führt das Volk. Diese Maler bildeten keine Schule. Sie teilten ein Misstrauen gegenüber dem klassisch Schönen.
Parallel dazu schrieb die Literatur die Theorie. In Deutschland Novalis, Tieck und die Brüder Schlegel, dann Hoffmann und Heine. In England Coleridge und Wordsworth. In Frankreich Chateaubriand und Hugo. Goethes Faust, dessen erster Teil 1808 erschien, wurde zur Referenz für das ganze Jahrhundert. Madame de Staëls Buch De l'Allemagne erschien 1810 in Paris — und wurde von Napoleon verboten und eingestampft. Der Grund: Es zeigte französischen Lesern, dass es jenseits des Rheins eine ganz andere Idee davon gab, was Kunst sei.
Wie dicht diese Bewegung war, lässt sich an einem einzigen Jahr zeigen. Wer im Herbst 1830 in Paris lebte, sah Delacroix' Freiheit führt das Volk im öffentlichen Salon, hörte Berlioz' eben uraufgeführte Symphonie fantastique und las den jungen Victor Hugo. Wer im selben Jahr in Leipzig lebte, ging ins Gewandhaus, las Heinrich Heine und sah im Kunstverein Reproduktionen von Friedrich. Drei Künste, eine Stimmung. Das gibt es nicht oft in der Geschichte.
VII. Schluss
Was bleibt.
Die Romantik endete nicht an einem bestimmten Datum, sie löste sich allmählich auf. 1848, als die europäischen Revolutionen scheiterten, war die politische Hoffnung der Generation vorbei. Schumann erlitt 1854 seinen Zusammenbruch. Wagner schrieb sich in seinen Ring des Nibelungen hinein und führte die Romantik in die Spätromantik — und gleichzeitig über sie hinaus. In Frankreich eröffnete der junge Gustave Courbet 1849 mit den Steinklopfern den Realismus in der Malerei. In der Literatur kam der bürgerliche Roman, Heines Reportage-Schreiben, später Flaubert. Die Romantik wurde, was sie historisch geworden ist: ein vergangener Stil, über den man im Imperfekt sprach.
Was sie hinterließ, war keine Stilform, sondern eine Idee. Genauer: drei Ideen, die uns heute selbstverständlich vorkommen, aber um 1790 neu waren:
- Die Innenwelt eines einzelnen Menschen ist ein eigener Ort, an dem etwas erkannt werden kann.
- Kunst illustriert keine Wahrheiten, die schon vorher feststanden. Kunst stellt Wahrheiten her, die ohne sie nicht da wären.
- Der Künstler ist nicht ein Handwerker im Auftrag eines Fürsten oder einer Kirche. Er ist ein Forscher im Eigenen.
Diese drei Sätze sind heute selbstverständlich. Um 1790 waren sie neu. Um 1850 galten sie als gesichert. Sie prägen unser Verständnis von Kunst bis heute — auch dort, wo wir uns von der Romantik weit entfernt glauben.
Wer einmal weiß, dass ein dreiundzwanzigjähriger Theologie-Student 1796 vor der Sixtinischen Madonna stand und davon ein Buch schrieb, das die deutsche Musik-Romantik vorbereitete, hört Beethoven, Schubert, Schumann etwas anders. Nicht abgekühlt — genauer. Es lohnt zu wissen, wer im Hintergrund mitschrieb, während die Komponisten komponierten. Es lohnt zu wissen, dass der Theologe vor dem Bild früher dran war als der Komponist am Klavier.
Im Anschluss an diesen Text liegt eine vierspurige Zeittafel: was zwischen 1770 und 1850 in der Musik, in der bildenden Kunst, in der Literatur und in der Welt geschehen ist. Sie ist nicht erschöpfend, sondern eine Strecke mit Knotenpunkten. Ein Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.
Zeittafel 1770 – 1850
Was geschah, während die Romantik entstand.
Vier Spuren parallel: Musik, bildende Kunst, Literatur, Welt. Jede Dekade ein eigener Abschnitt. Die Auswahl ist eine Strecke mit Knotenpunkten, keine Vollständigkeit.
1770 – 1780
Sturm und Drang1770 Beethoven in Bonn geboren
Ludwig van Beethoven wird im Dezember in Bonn getauft, Sohn eines Tenors am kurkölnischen Hof.
1772 Haydn, Sturm-und-Drang-Sinfonien
Joseph Haydn schreibt seine Moll-Sinfonien (Nr. 44 Trauer, Nr. 45 Abschied, Nr. 49 La Passione) — Vorboten einer ausdrucksstärkeren Tonsprache, die später Beethoven aufgreift.
1779 Gluck, Iphigénie en Tauride
Christoph Willibald Glucks späte Pariser Oper formuliert das Programm der Opernreform: das Drama steht über dem Wohlklang. Eine Vorlage, auf die Wagner sich später berufen wird.
1774 Tischbein in Rom
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein lässt sich in Rom nieder und wird Teil des deutschen Künstlerkreises um Goethe. Sein Porträt Goethe in der Campagna entsteht 1786/87.
1781 Füssli, Der Nachtmahr
Henry Fuseli stellt in London The Nightmare aus — ein Bild, das die Innenwelt zum Sujet macht und sofort zum europäischen Skandalerfolg wird. Vorbote des romantischen Interesses am Traum, am Unheimlichen, am Unbewussten.
1773 Goethe, Götz von Berlichingen
Goethes Drama um den Reichsritter Götz schlägt mit seiner ungeglätteten Sprache, der Mittelalter-Setzung und der Heldenfigur den Ton des Sturm und Drang an.
1774 Goethe, Die Leiden des jungen Werthers
Der Briefroman wird zum europäischen Erfolg. Werthers Selbstmord am Schluss löst eine Welle von Nachahmungstaten aus. Erstmals wird Subjektivität zur literarischen Hauptperson.
1776 Klinger, Sturm und Drang
Friedrich Maximilian Klingers Drama gibt der Bewegung ihren Namen. Die Generation der jungen Dichter um Lenz, Wagner, Klinger, Goethe versteht sich als Aufruhr gegen die geregelte Form.
1779 Lessing, Nathan der Weise
Lessings Toleranz-Drama steht am Ausgang der Aufklärung — eine letzte große Setzung der vernunftbasierten Religionsdebatte, gegen die die Romantik antreten wird.
1773 Bostoner Tea Party
Bürger werfen im Hafen von Boston Teekisten der East India Company ins Wasser. Auftakt der amerikanischen Unabhängigkeit.
1776 Adam Smith, Wealth of Nations
Smiths Werk begründet die klassische Ökonomie und die Idee des selbstregulierenden Marktes — einer der Texte, gegen die die Romantik später ihr Ideal des nicht-instrumentellen Lebens setzt.
1779 Spinning Mule
Samuel Crompton kombiniert Spinning Jenny und Water Frame zur Spinnmaschine. Die englische Industrialisierung beschleunigt sich, die handwerkliche Textilarbeit verschwindet.
1780 – 1790
Wiener Klassik · Vorabend der Revolution1781 Haydn, Streichquartette op. 33
Haydns sechs Quartette »auf eine ganz neue, besondere Art« gelten als Beginn des reifen klassischen Quartettstils. Mozart wird sie zum Vorbild für seine eigene Quartettserie nehmen.
1787 Mozart, Don Giovanni
Premiere in Prag. Mozarts dritte da-Ponte-Oper macht das Dämonische, das Verführerische und die Höllenfahrt zu Sujet einer ernsten Oper — ein Stoff, den die Romantiker als Gründungsmythos nehmen werden.
1788 Mozart, Sinfonien Nr. 39, 40, 41
Mozart schreibt in einem einzigen Sommer drei Sinfonien, die nie zu seinen Lebzeiten zusammen aufgeführt werden. Die Jupiter-Sinfonie Nr. 41 wird in Hoffmanns Beethoven-Rezension von 1810 als eine der wenigen Vorgängerinnen der romantischen Sinfonik genannt.
1789 Beethoven Klavierstücke
In Bonn beginnt der achtzehnjährige Beethoven, eigene Klavierwerke und Lieder zu schreiben. Sein Lehrer Christian Gottlob Neefe nennt ihn 1783 in einer Zeitschrift einen »zweiten Mozart«.
1784 David, Schwur der Horatier
Jacques-Louis Davids Bild wird zum Manifest des klassizistischen Stils und gleichzeitig zum politischen Gemälde — die Bürgertugend der römischen Republik als Vorbild für das vorrevolutionäre Frankreich.
1789 Goya wird Hofmaler
Francisco de Goya wird in Madrid pintor de cámara Karls IV. Seine späteren Caprichos (1799) und die Schwarzen Bilder sind dann die Brücke zur europäischen Romantik in Spanien.
1781 Schiller, Die Räuber
Uraufführung in Mannheim. Karl Moor und sein Räuberhaufen werden zum Sturm-und-Drang-Stoff schlechthin. Schiller flieht aus Württemberg nach Mannheim.
1781 Kant, Kritik der reinen Vernunft
Kants Hauptwerk setzt der spekulativen Metaphysik Grenzen. Die deutsche Romantik wird in seiner Nachfolge die Frage nach dem Unendlichen vom Verstand auf das Gefühl, die Kunst und die Religion verlagern.
1786–88 Goethes Italienreise
Goethe reist incognito nach Italien. Die Reise wird zum Wendepunkt seines Schaffens und gibt der späteren deutschen Italien-Sehnsucht ihre Form — eine Bewegung, die bis Mendelssohn und Wagner reicht.
1785 Watt-Dampfmaschine
James Watts verbesserte Dampfmaschine wird in englischen Manufakturen serienmäßig eingesetzt. Die industrielle Revolution erreicht ihre erste Beschleunigungsphase.
1787 US-Verfassung
In Philadelphia wird die Verfassung der Vereinigten Staaten verabschiedet. Erste schriftliche Verfassung eines modernen Flächenstaates.
1789 Französische Revolution
Sturm auf die Bastille am 14. Juli. Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August. Europa erlebt einen politischen Bruch, dessen Wellen die folgenden vierzig Jahre prägen.
1790 – 1800
Jenaer Frühromantik1791 Mozart †
Wolfgang Amadeus Mozart stirbt am 5. Dezember in Wien, fünfunddreißig Jahre alt, an einer ungeklärten Erkrankung. Das Requiem bleibt unvollendet.
1792 Beethoven nach Wien
Beethoven verlässt Bonn und siedelt nach Wien über. Geplant ist Unterricht bei Haydn; daraus wird eine spannungsreiche Lehrer-Schüler-Beziehung. Beethoven nimmt zusätzlich heimlich Stunden bei Schenk und Albrechtsberger.
1798 Beethoven, Klaviersonate op. 13 Pathétique
Beethovens c-Moll-Sonate erscheint im Druck. Der erste Satz mit seiner langsamen, fast theatralischen Einleitung führt eine Form ein, die sich später bei Schubert, Schumann und Brahms wiederfindet.
1793 David, Der Tod des Marat
Jacques-Louis David malt den ermordeten Revolutionär in der Badewanne. Politische Märtyrer-Ikonografie ersetzt religiöse Bildtradition. Eine der bestimmenden Bildfindungen des Zeitalters.
1796 Wackenroder vor der Sixtinischen Madonna
Wilhelm Heinrich Wackenroder besucht die Galerie Dresden und steht vor Raffaels Sixtinischer Madonna. Aus dieser Begegnung entstehen die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, die er ein Jahr später anonym veröffentlicht. Gründungstext der deutschen Kunst-Romantik.
1799 Goya, Los Caprichos
Goyas zweiundachtzig Radierungen erscheinen als Mappenwerk. Das Blatt El sueño de la razón produce monstruos — Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer — wird zur Chiffre der Romantik.
1797 Wackenroder/Tieck, Herzensergießungen
Anonym in Berlin erschienen, herausgegeben von Ludwig Tieck. Wackenroders Buch verlegt die Andacht von der Religion in die Kunst und etabliert die Idee der Musik als der unmittelbarsten aller Künste.
1798 Athenäum-Zeitschrift
Die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel gründen in Berlin die Zeitschrift Athenäum. Drei Jahre lang versammelt sie die Frühromantiker um Novalis, Schleiermacher, Tieck. Hier erscheinen die berühmten Athenäums-Fragmente.
1798 Wackenroder †
Wilhelm Heinrich Wackenroder stirbt im Februar in Berlin, fünfundzwanzig Jahre alt, an einer Nervenerkrankung.
1799 Schiller, Wallenstein
Schillers Trilogie wird in Weimar uraufgeführt. Mit Goethes Wilhelm Meister (1796) und Hölderlins Hyperion (1797–99) gehört sie zum Kanon der Weimarer Klassik — gegen die in Jena soeben die Romantik gegründet wird.
1793 Hinrichtung Ludwigs XVI.
Am 21. Januar wird der französische König guillotiniert. Im Oktober folgt Marie Antoinette. Die Schreckensherrschaft beginnt.
1794 Robespierre †
Maximilien de Robespierre wird im Juli selbst guillotiniert. Ende der Schreckensherrschaft, Beginn des Direktoriums.
1799 18. Brumaire
Napoleon Bonaparte putscht sich am 9. November zum Ersten Konsul. Beginn der napoleonischen Periode, die bis 1815 reicht.
1800 – 1810
Beethovens mittlere Jahre · Napoleonische Zeit1800 Beethoven, 1. Sinfonie
Uraufführung im Wiener Burgtheater. Beethoven setzt seine Sinfonik gegen Haydn und Mozart ab und beansprucht das Genre für sich.
1803 Beethoven, Eroica
Beethoven schreibt die 3. Sinfonie mit Widmung an Napoleon. Als Napoleon sich 1804 zum Kaiser krönt, reißt Beethoven die Titelseite ab. Die Sinfonie heißt fortan Sinfonia eroica, »dem Andenken eines großen Mannes«.
1808 Beethoven, 5. und 6. Sinfonie
Am 22. Dezember finden im Theater an der Wien die Uraufführungen der 5. und 6. Sinfonie statt — in einem einzigen vierstündigen Konzert. Das Publikum friert; Beethoven ist erschöpft. Beide Sinfonien werden später zu Eckpfeilern der romantischen Rezeption.
1810 Hoffmanns Beethoven-Rezension
In der Allgemeinen Musikalischen Zeitung erscheint am 4. und 11. Juli die Rezension der 5. Sinfonie. E.T.A. Hoffmann erklärt Instrumentalmusik zur romantischsten der Künste und Beethoven zum Erforscher des Unaussprechlichen. Gründungstext der musikalischen Romantik-Ästhetik.
1808 Friedrich, Tetschener Altar
Caspar David Friedrichs Kreuz im Gebirge — ein Landschaftsbild als Altarbild — löst eine Kontroverse aus. Erstmals wird die Natur selbst zum religiösen Sujet.
1809 Friedrich, Mönch am Meer
Friedrich beginnt das Bild, das Heinrich von Kleist später in den Berliner Abendblättern berühmt machen wird: ein einzelner Mensch vor leerem Horizont. Das Erhabene wird sichtbar.
1800 Novalis, Hymnen an die Nacht
Im Athenäum erscheinen die Hymnen. Novalis (Friedrich von Hardenberg) verlegt die Wahrheit von Tag und Vernunft in die Nacht und das Sehnen.
1801 Novalis †
Friedrich von Hardenberg stirbt im März in Weißenfels, achtundzwanzig Jahre alt, an Tuberkulose. Sein Roman Heinrich von Ofterdingen bleibt unvollendet und erscheint posthum 1802.
1808 Goethe, Faust I
Der erste Teil des Faust erscheint nach jahrzehntelanger Arbeit. Sein Stoff — der Pakt mit den Mächten der Tiefe — wird zum zentralen Material der Romantik. Berlioz, Schumann, Liszt, Gounod werden ihn vertonen.
1810 Madame de Staël, De l'Allemagne
Anne Louise Germaine de Staël schließt ihr Buch über Deutschland ab. Napoleon lässt die ganze Erstauflage einstampfen; die zweite Auflage erscheint 1813 in London. Das Buch macht den Franzosen die deutsche Romantik bekannt — und wird in beide Richtungen wirken.
1804 Napoleon Kaiser
Am 2. Dezember setzt sich Napoleon in Notre-Dame in Paris die Krone selbst auf. Pius VII. ist zwar anwesend, krönt aber nicht.
1806 Heiliges Römisches Reich aufgelöst
Franz II. legt die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nieder. Eine politische Form, die seit 962 bestand, ist beendet.
1807 Preußische Reformen
Stein und Hardenberg setzen nach der Niederlage von Jena und Auerstedt eine Reihe von Reformen durch — Bauernbefreiung, Städteordnung, Heeresreform. Modernisierung von oben.
1810 – 1820
Befreiungskriege · Restauration1813 Wagner und Verdi geboren
Im selben Jahr werden Richard Wagner (22. Mai, Leipzig) und Giuseppe Verdi (10. Oktober, Le Roncole bei Busseto) geboren. Die beiden bestimmenden Operngestalten der Spätromantik.
1814 Schubert, Gretchen am Spinnrade
Der siebzehnjährige Franz Schubert vertont Goethes Lied. Mit der unaufhörlichen Achtelbewegung der rechten Hand — das Spinnrad — gelingt ein neues Genre: das Kunstlied im romantischen Sinn.
1815 Schubert, Erlkönig
Schubert vertont Goethes Ballade. Die Gattung des dramatischen Liedes ist erfunden — eine Theaterszene auf zwei Notenseiten.
1816 Hoffmann, Oper Undine
Uraufführung am 3. August in Berlin. Friedrich Schinkel entwirft die Bühnenbilder. Im Sommer 1817 brennt die Theaterdekoration ab; die Oper verschwindet aus dem Repertoire.
1819 Beethoven, Hammerklavier-Sonate
Sonate B-Dur op. 106. Mit dem riesigen Adagio sostenuto und der abschließenden Fuge sprengt Beethoven die klassische Klaviersonate. Das Werk gilt zeitgenössischen Pianisten als unspielbar.
1814 Goya, Der 3. Mai 1808
Goya malt die Erschießung der spanischen Aufständischen durch französische Soldaten. Das Bild wird Vorbild aller späteren politischen Bilder — Manet, Picasso werden sich darauf beziehen.
1818 Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer
Caspar David Friedrich malt das Bild, das im 20. Jahrhundert zur Ikone der Romantik werden wird. Eine einzelne Figur, der Rücken zum Betrachter, vor einer Landschaft im Nebel.
1819 Géricault, Floß der Medusa
Théodore Géricaults Riesenbild der Schiffbrüchigen wird im Pariser Salon gezeigt. Politisches Sujet, monumentales Format. Delacroix hat dafür Modell gestanden.
1812 Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
Der erste Band erscheint in Berlin. Die Sammlung ist Teil eines romantischen Programms: das vergessene Volksgut zu retten und damit das Eigentliche der Nation gegen die napoleonische Vereinheitlichung zu setzen.
1814 Hoffmann, Der goldne Topf
Hoffmanns Märchen aus den Fantasiestücken. In Dresden trifft der Student Anselmus den Archivarius Lindhorst — und mit ihm tritt das Wunderbare in den Alltag. Modell aller späteren phantastischen Erzählungen.
1816 Hoffmann, Nußknacker und Mausekönig
In den Kinder-Mährchen erscheint die Erzählung, die Tschaikowski 1892 zur Grundlage seines Balletts machen wird.
1819 Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung
Schopenhauers Hauptwerk erscheint in Leipzig. Erst Jahrzehnte später wird es seine Wirkung entfalten — bei Wagner, Nietzsche, Mahler. Schopenhauer erklärt die Musik zur höchsten Kunst, weil sie nicht den Willen abbilde, sondern selbst Wille sei.
1812 Russlandfeldzug
Napoleons Grande Armée marschiert mit über sechshunderttausend Soldaten in Russland ein. Im Winter zieht ein Bruchteil zurück.
1813 Völkerschlacht bei Leipzig
Im Oktober treffen die Heere Russlands, Preußens, Österreichs und Schwedens auf Napoleon. Die Schlacht entscheidet die Befreiungskriege.
1815 Wiener Kongress
Metternich, Talleyrand, Castlereagh und Hardenberg ordnen Europa neu. Beginn der Restauration: ein Versuch, die politischen Karten von 1789 wiederherzustellen.
1819 Karlsbader Beschlüsse
Die Karlsbader Konferenz unter Metternich beschließt Pressezensur, Universitätsüberwachung und die Verfolgung der Burschenschaften. Beginn der Demagogenverfolgung.
1820 – 1830
Hochromantik1821 Weber, Der Freischütz
Uraufführung am 18. Juni im Berliner Schauspielhaus. Carl Maria von Webers Oper begründet die deutsche romantische Oper. Die Wolfsschluchtszene wird zum Inbegriff des Unheimlichen in Tönen.
1822 Schubert, Unvollendete
Schubert beginnt die h-Moll-Sinfonie und bricht nach zwei Sätzen ab. Das Werk wird erst 1865 in Wien uraufgeführt — siebenunddreißig Jahre nach Schuberts Tod.
1827 Beethoven †
Beethoven stirbt am 26. März in Wien, sechsundfünfzig Jahre alt. Bei seinem Begräbnis am 29. März tragen Schubert und Grillparzer Fackeln, zwanzigtausend Menschen säumen den Weg.
1828 Schubert †
Schubert stirbt am 19. November in Wien, einunddreißig Jahre alt, an Typhus. Die letzte Klaviersonate B-Dur D 960 ist drei Wochen alt.
1828 Marschner, Der Vampyr
Heinrich Marschners Oper hat im März in Leipzig Premiere. Polidoris Vampir-Erzählung wird zur deutschen Oper. Wagner studiert das Werk sechs Jahre später als Kapellmeister in Würzburg ein.
1830 Berlioz, Symphonie fantastique
Hector Berlioz schreibt mit sechsundzwanzig die Symphonie fantastique — eine Sinfonie als Roman, mit fünf Sätzen, einer durchgehenden Idee fixe (Berlioz' verzweifelte Liebe zur Schauspielerin Harriet Smithson), einem Sabbat im Finale. Programmmusik in ihrer ersten konsequenten Form.
1822 Friedrich, Mondaufgang am Meer
Caspar David Friedrich malt eine seiner ruhigsten Szenen: drei Figuren auf einem Felsen, ein Schiff, der aufgehende Mond. Andacht ohne Religion.
1824 Constable, Der Heuwagen
John Constables englische Landschaft wird im Pariser Salon ausgestellt und löst eine kleine Revolution aus. Die jungen französischen Maler — Delacroix darunter — sehen, wie Licht und Atmosphäre selbst zum Sujet werden können.
1830 Delacroix, Die Freiheit führt das Volk
Eugène Delacroix malt die Pariser Julirevolution. Eine halb antike, halb zeitgenössische Frauengestalt führt die Aufständischen. Bild und Bewegung gehen ineinander über.
1821 Hoffmann, Lebens-Ansichten des Katers Murr
Hoffmanns letzter großer Roman erscheint zweibändig. Die Lebensgeschichte des Komponisten Kreisler ist hier in die Erinnerungen eines selbstbewussten Katers eingeflochten. Romantische Doppelstruktur in Vollendung.
1822 Hoffmann †
E.T.A. Hoffmann stirbt am 25. Juni in Berlin, sechsundvierzig Jahre alt, an einer Rückenmarkslähmung.
1827 Heine, Buch der Lieder
Heinrich Heines Gedichtsammlung erscheint in Hamburg. Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Liszt — sie alle werden Heine vertonen. Kein zweiter deutscher Lyriker hat die romantische Liedkunst so geprägt.
1821 Griechischer Aufstand
Beginn der griechischen Unabhängigkeitsrevolution gegen die Osmanen. Lord Byron stirbt 1824 in Mesolongi. Der Philhellenismus wird zum europäischen Massenphänomen.
1825 Dekabristenaufstand
Im Dezember erheben sich russische Offiziere in St. Petersburg gegen Nikolaus I. Der Aufstand wird niedergeschlagen, fünf Anführer hingerichtet, Hunderte nach Sibirien verbannt.
1830 Pariser Julirevolution
Drei Tage Aufstand stürzen Karl X. Louis-Philippe wird Bürgerkönig. In Brüssel, Warschau, Modena entstehen Folge-Aufstände. Die Restauration wankt.
1830 – 1840
Romantik wird Bewegung · Vormärz1831 Bellini, Norma
Vincenzo Bellinis Oper hat in Mailand Premiere. Die italienische Belcanto-Romantik findet ihre Form. Wagner wird Bellini später als Lehrer der Melodieführung anerkennen.
1832 Chopin nach Paris
Frédéric Chopin lässt sich nach dem polnischen Aufstand in Paris nieder. Er wird die Stadt bis zu seinem Tod 1849 nicht mehr verlassen. Aus dem Pariser Salon entsteht eine ganz eigene Klavierwelt.
1833 Marschner, Hans Heiling
Heinrich Marschners zweite große Oper hat in Berlin Premiere. Der Stoff — ein Bergkönig, der eine Sterbliche liebt — ist Vorlage für Wagners Holländer in vielfacher Hinsicht.
1834 Schumann gründet die Neue Zeitschrift für Musik
Im April erscheint in Leipzig die erste Nummer. Robert Schumann schreibt unter den Pseudonymen Florestan und Eusebius. Der fiktive Davidsbund wird zur Plattform der jungen Romantik gegen das musikalische Philistertum.
1835 Mendelssohn am Gewandhaus
Felix Mendelssohn Bartholdy wird Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Er gründet 1843 das erste deutsche Konservatorium. Bach und das Oratorium bekommen einen neuen Ort.
1836 Schumann, Carnaval op. 9
Einundzwanzig Klavierminiaturen, manche Eusebius, manche Florestan, manche Porträts der Davidsbundler. Die romantische Charakter-Suite findet ihre Form.
1838 Liszt, Études d'exécution transcendante
Franz Liszt veröffentlicht eine erste Fassung der zwölf Etüden, die das Klavier auf ein bis dahin unbekanntes virtuoses Niveau heben. Der Pianist als romantischer Heros.
1830 Friedrich, Lebensstufen
Caspar David Friedrichs spätes Bild — fünf Personen am Strand, fünf Schiffe in verschiedenen Stadien der Reise — wird zur Allegorie auf das eigene Leben. Friedrich stirbt 1840 in Dresden.
1839 Daguerreotypie
Louis Daguerre stellt sein Verfahren der ersten praktischen Fotografie vor. Die bildende Kunst wird sich von nun an mit einem neuen Medium auseinandersetzen müssen, das vorgibt, die Wirklichkeit selbst abzubilden.
1830 Stendhal, Le Rouge et le Noir
Stendhals Roman erscheint in Paris. Julien Sorel zwischen Karriere, Liebe und Hinrichtung. Eine Brücke zwischen Romantik und Realismus.
1831 Heine im Pariser Exil
Heinrich Heine geht nach Paris — aus politischen Gründen, aus persönlichen, aus Lust. Er wird die Stadt bis zu seinem Tod 1856 nicht mehr verlassen. Aus seinen Pariser Jahren entstehen die Französischen Zustände und Lutezia.
1832 Goethe †
Goethe stirbt am 22. März in Weimar, zweiundachtzig Jahre alt. Sein letztes Wort soll »mehr Licht« gewesen sein. Mit ihm endet eine literarische Epoche, die Klassik und Romantik gleichzeitig umschloss.
1835 Büchner, Dantons Tod
Georg Büchner schreibt das Drama im hessischen Exil — und damit das schärfste politische Stück der deutschen Literatur seines Jahrhunderts. Er stirbt 1837 in Zürich, dreiundzwanzig Jahre alt, an Typhus.
1832 Hambacher Fest
Im Mai versammeln sich rund dreißigtausend Menschen auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz und fordern Demokratie, deutsche Einheit, Pressefreiheit. Das schwarz-rot-goldene Banner bekommt seinen politischen Sinn.
1834 Deutscher Zollverein
Achtzehn deutsche Staaten schließen den Zollverein. Wirtschaftliche Einigung vor politischer — ein Modell, das die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts prägen wird.
1835 Erste deutsche Eisenbahn
Am 7. Dezember fährt die Ludwigsbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Beginn der deutschen Eisenbahngeschichte. Die Romantik der Distanz wird durch die Logik des Fahrplans ersetzt.
1837 Königin Victoria
Im Juni besteigt die achtzehnjährige Victoria den britischen Thron. Sie wird bis 1901 regieren — das viktorianische Zeitalter beginnt.
1840 – 1850
Späte Romantik · Revolutionen1840 Schumanns Liederjahr
Im Jahr seiner Heirat mit Clara Wieck schreibt Schumann rund hundertfünfzig Lieder — Dichterliebe nach Heine, Frauenliebe und -leben nach Chamisso, die Eichendorff-Lieder. Das deutsche Lied erreicht eine Spitze.
1842 Wagner, Rienzi
Wagners Jugendoper hat in Dresden Premiere. Sie ist sein erster großer Erfolg und bringt ihm 1843 die Stelle des Hofkapellmeisters in Dresden ein.
1843 Wagner, Der fliegende Holländer
Premiere in Dresden. Mit dem Holländer setzt Wagner einen Stoff aus Marschners Tradition fort — der verfluchte Mann, die erlösende Frau — und beginnt seine eigene Sprache zu entwickeln.
1845 Wagner, Tannhäuser
Premiere in Dresden. Der Sängerwettstreit auf der Wartburg, der Venusberg, die Pilgerszene. Wagner findet seine mythologische Form.
1849 Chopin †
Frédéric Chopin stirbt am 17. Oktober in Paris, neununddreißig Jahre alt, an Tuberkulose. Sein Herz wird nach Warschau überführt, der Körper bleibt auf dem Père Lachaise.
1850 Wagner, Lohengrin
Liszt dirigiert die Uraufführung in Weimar — Wagner selbst lebt im Schweizer Exil, weil er an den Dresdener Aufständen 1849 beteiligt war. Mit dem Lohengrin ist Wagners Übergang zur Spätromantik vollzogen.
1844 Turner, Regen, Dampf und Geschwindigkeit
William Turners Bild zeigt eine Eisenbahn auf dem Maidenhead-Viadukt. Konturen lösen sich auf in Licht und Bewegung. Vorgriff auf den Impressionismus, den Turner nicht mehr miterleben wird (er stirbt 1851).
1849 Courbet, Die Steinklopfer
Gustave Courbet malt zwei Tagelöhner bei der Arbeit. Mit diesem Bild beginnt der Realismus. Die Romantik der Innenwelt weicht dem Interesse an der sozialen Wirklichkeit.
1843 Kierkegaard, Entweder — Oder
Søren Kierkegaard veröffentlicht in Kopenhagen sein erstes großes Werk. Die existentielle Wendung der Romantik — die Frage nach der eigenen Lebensführung — wird hier philosophisch gefasst.
1844 Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen
Heines Versepos über eine Reise von Paris durch Deutschland zurück nach Hamburg ist die schärfste politische Satire eines deutschen Romantikers im Vormärz.
1848 Marx und Engels, Manifest der Kommunistischen Partei
Im Februar erscheint in London das Manifest. Es liest sich wie ein politischer Anti-Romantik-Text und ist zugleich romantisch in der Form — ein Aufruf, ein Bekenntnis, eine Geschichtsphilosophie auf wenigen Seiten.
1844 Schlesischer Weberaufstand
Im Juni erheben sich Heimweber im schlesischen Peterswaldau gegen Hungerlöhne. Der Aufstand wird durch preußisches Militär niedergeschlagen. Heine schreibt darauf das Gedicht Die schlesischen Weber.
1848 Revolutionen in Europa
Im Februar Paris, im März Wien, Berlin, Mailand, Budapest. In der Frankfurter Paulskirche tritt die deutsche Nationalversammlung zusammen. Bis zum Sommer 1849 sind alle Aufstände niedergeschlagen.
1849 Goldrausch in Kalifornien
Hunderttausende ziehen nach Kalifornien. Der amerikanische Westen wird Teil der globalen Gegenwart. Die romantische Distanz schließt sich.
Quellen & Belege
Die literatur- und musikgeschichtlichen Angaben folgen der gängigen Standardliteratur und den einschlägigen Nachschlagewerken. Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773–1798) veröffentlichte gemeinsam mit Ludwig Tieck anonym die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (erschienen Ende 1796, Druckjahr 1797, Berlin); es war das einzige zu seinen Lebzeiten erschienene Werk, er starb im Februar 1798. Das Athenäum der Brüder Schlegel erschien ab 1798. Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (geb. 1776 in Königsberg) ersetzte seinen dritten Vornamen aus Verehrung für Mozart durch Amadeus; seine Rezension von Beethovens Fünfter Sinfonie erschien 1810. Datums- und Altersangaben sind nach dem gängigen Forschungsstand gerundet; einzelne Szenen sind erzählerisch ausgestaltet, ohne den belegten Kern zu verlassen.
Die Reihe
Fünf Stücke aus der Musikwelt.
Dies ist das erste Stück. Es folgen Spätromantik bis Moderne, Jazz, Chanson und Cantautori.
Stück 2 · Moderne Stück 3 · Jazz Stück 4 · Chanson Stück 5 · Cantautori