Musikraum · Stück 3 von 5
Vertiefung Jazz.
Wie er entstand, wie er sich entwickelte, wie er sich gegen ein Land behauptete, das ihn brauchte und gleichzeitig seinen Schöpfern das Spielen verbot. Eine Geschichte aus einer anderen Welt — die parallel zu der Klassik aus den ersten beiden Stücken lief und meist nicht mit ihr sprach.
I. Auftakt
Was Jazz nicht ist.
Über den Jazz gibt es eine Erzählung, die seit den 1950er Jahren weit verbreitet ist: Er sei Naturmusik. Etwas, das einer Gemeinschaft in den Knochen liegt und spätestens dann hervorkommt, wenn jemand die Klappe aufmacht. Eine besondere Begabung, die man hat oder nicht hat. Diese Erzählung hat Verteidiger und Bewunderer. Sie ist auch falsch.
Jazz ist von Anfang an ein gemachtes Idiom — mit dokumentierten Quellen, Lehrern, Werkzeugen, Traditionen. Wer Buddy Bolden hören wollte um 1900 in New Orleans, hörte einen Cornet-Spieler, der eine ganze Reihe von Musiken kannte und kombinierte:
- französische Operetten (New Orleans war früher französische Kolonie),
- kubanische Habanera-Rhythmen aus dem Karibik-Hafen,
- die Brass-Band-Tradition der Heilsarmee,
- den Blues aus dem Mississippi-Delta,
- die Spirituals der Kirchengemeinden,
- die Tanzformen Quadrille und Polka.
Wenn Bolden etwas spielte, das niemand zuvor gespielt hatte, dann kombinierte er bewusst, nicht reflexhaft. Sein Zeitgenosse Bunk Johnson hat das in den 1930er Jahren ausführlich bezeugt.
Die Naturmusik-Erzählung kam aus zwei Quellen. Aus dem weißen Musikmarkt der 1920er Jahre, der eine Begründung brauchte, warum die wirklichen Schöpfer der Musik nicht die Höchstgagen verdienten, sondern die weißen Bandleader, die ihre Stoffe spielten. Und aus einer wohlmeinenden Bewunderung in den 1950er Jahren, die das Spontane über das Studierte stellte. Beides hat dazu geführt, dass die pianistische Disziplin von Mary Lou Williams, die kompositorische Architektur von Duke Ellington und die theoretische Schärfe von Thelonious Monk im allgemeinen Bewusstsein hinter dem Bild des spontanen Spielers verschwanden.
Die folgende Geschichte erzählt den Jazz als das, was er war: eine Tradition mit Lehrern und konkreten Überlegungen. Sie erzählt auch die politische Lage, in der diese Tradition entstanden ist — weil ohne diese Lage die Form nicht verständlich ist. Aber sie erzählt das Politische als Bedingung, nicht als Anklage. Wer den Jazz versteht, versteht, dass aus brutaler Geschichte etwas anderes als Brutalität entstehen konnte. Das ist die Pointe.
II. Eine Hafenstadt mit fünf Sprachen
New Orleans und der erste Jazzmusiker.
New Orleans war im 19. Jahrhundert die ungewöhnlichste Stadt der USA. Bis 1803 französische Kolonie, dann spanisch, dann kurz wieder französisch, dann amerikanisch durch den Louisiana Purchase. Die Bevölkerung sprach Französisch, Spanisch, Englisch, Kreolisch — und in den Hafenvierteln Dutzende anderer Sprachen.
Drei Eigenheiten machten die Stadt zum Boden, auf dem der Jazz wuchs:
- Die katholische Kultur erlaubte öffentlichen Tanz, Karneval und Theater — anders als der protestantische Rest der USA.
- Die freien Schwarzen, die gens de couleur libres, bildeten eine eigene Bürgerklasse mit französischer Bildung, Schulen, Berufen, Vermögen — in einem Land, das schwarze Bürgerlichkeit sonst nicht zuließ.
- Der Hafen brachte Habanera-Rhythmen aus Kuba, Brass-Band- Musik aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Spirituals der Plantagen-Schwarzen, Mississippi-Blues und französische Salonmusik gleichzeitig in dieselbe Stadt.
Was wir Jazz nennen, ist die Synthese dieser Materialien. In keiner anderen amerikanischen Stadt waren sie so gleichzeitig vorhanden.
Die erste Person, die nach Aussage aller Augenzeugen das ganze Idiom zusammenbrachte, hieß Charles »Buddy« Bolden. Geboren 1877, Cornet-Spieler, um 1900 mit der berühmtesten Tanzkapelle der schwarzen Viertel der Stadt. Er hatte einen ungewöhnlich lauten und durchschneidenden Ton; man konnte ihn angeblich von einem Park ins andere hören. Er verband den Blues mit der Rag-Time-Tanzform und legte die Improvisation in eine Cornet-Stimme, die bis dahin festgelegt war. Was er zwischen 1900 und 1907 spielte, ist die frühe Form dessen, was wir heute Jazz nennen.
Eine Aufnahme von Bolden gibt es nicht. 1906 verlor er während einer Parade auf der Straße den Verstand. Er wurde 1907 in die East Louisiana State Insane Asylum eingewiesen, eine Anstalt für Schwarze, und blieb dort vierundzwanzig Jahre. 1931 starb er dort, vierundfünfzig Jahre alt, ohne jemals wieder gespielt zu haben. Was wir über sein Spiel wissen, sind die Erinnerungen von Sidney Bechet, Jelly Roll Morton, Bunk Johnson und Louis Armstrong — die ihn als Kinder oder Jugendliche gehört hatten und später darüber sprachen.
Der erste Jazzmusiker hinterließ keine Tonquelle. Die Geschichte beginnt mit einem Toten ohne Stimme. Die ersten Schellack-Aufnahmen, die wir Jazz nennen, sind von 1917 — Bolden war da seit zehn Jahren in der Anstalt. Der erste Akt dieser Musik ist nur durch mündliche Erzählung überliefert.
Diese ersten Aufnahmen kamen, paradoxerweise, von einer weißen Band. Im Februar 1917 nahmen die Original Dixieland Jazz Band aus New Orleans — fünf weiße Musiker — in New York die Platte Livery Stable Blues auf. Sie verkaufte über eine Million Exemplare. Die schwarzen Erfinder des Idioms hatten zu diesem Zeitpunkt keinen Plattenvertrag.
Im selben Jahr, im November 1917, schloss das US-Marine-Department Storyville — den 1897 in New Orleans eingerichteten legalen Bordell-Bezirk, in dem viele Jazzmusiker ihre erste regelmäßige Anstellung gefunden hatten. Hintergrund: Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, und das Marine-Department wollte seine Soldaten von den Etablissements fernhalten. Mit der Schließung Storyvilles verloren die schwarzen Musiker einen ihrer wichtigsten Arbeitsorte. Viele wanderten nach Norden. Damit beginnt der zweite Akt der Jazzgeschichte.
III. Die Migration nach Norden
Chicago, Harlem, und die Cotton Club-Logik.
Zwischen 1910 und 1930 wanderten rund anderthalb Millionen Afroamerikaner aus dem Süden der USA in die nördlichen Industriestädte. Diese Great Migration ist eine der größten Binnenwanderungen der amerikanischen Geschichte — eine Reaktion auf Lynchjustiz, Jim-Crow-Gesetze und die landwirtschaftliche Krise des Mississippi-Deltas. Mit ihren Bewohnern wanderte auch der Jazz: aus New Orleans nach Chicago, Detroit und New York.
In Chicago spielte zwischen 1922 und 1924 Joseph »King« Oliver mit seiner Creole Jazz Band. Sein Schützling, ein einundzwanzigjähriger Trompeter aus New Orleans, hieß Louis Armstrong — gerade in die Stadt gekommen. Olivers Pianistin Lillian Hardin verliebte sich in Armstrong; 1924 heirateten sie.
Lil Armstrong machte in den nächsten fünf Jahren das, was man heute Karriereberatung nennt. Sie überzeugte Louis, Oliver zu verlassen, eigene Aufnahmen zu machen, vom zweiten Cornetisten zum Solisten zu werden. Sie prägte das Studioformat Hot Five, das seinen Namen tragen sollte — sie war Pianistin und Mit-Komponistin in dieser Gruppe.
Was bei den Hot Fives zwischen 1925 und 1928 passierte, ist die Geburtsstunde des modernen Jazz-Solos. Armstrong erweitert die Improvisationslinie zu einer melodischen Rede, die nicht mehr an die Komposition gebunden ist. Was vorher kollektive Polyphonie war (alle improvisieren gleichzeitig übereinander), wird zur Führung mit Begleitung — ein Solist vorne, die anderen stützen. Die Aufnahme West End Blues von 1928, mit ihrem berühmten Eingangs-Solo, wurde zur Schule für alle Jazzmusiker der nächsten dreißig Jahre.
In New York entwickelte sich gleichzeitig eine andere Linie. Im Cotton Club in Harlem — einem Lokal, dessen Publikum ausschließlich weiß war und dessen Musiker ausschließlich schwarz — spielte ab 1927 die Band von Edward Kennedy »Duke« Ellington. Ellington war Komponist, Bandleader und Klavierspieler in einer Person. Sein Zugriff auf den Jazz war von Anfang an anders als der Hot Five-Ansatz: orchestral. Er schrieb seine Stücke für seine konkreten Musiker — den Trompeter Bubber Miley, den Saxophonisten Johnny Hodges, den Bassisten Jimmy Blanton. Er arbeitete mit Klangfarben so, wie ein Sinfonie-Komponist mit Holzbläsern arbeitet.
Parallel dazu entstand in Harlem eine Literatur- und Kunstbewegung — die Harlem Renaissance. Mit dabei: Langston Hughes, Zora Neale Hurston, Countee Cullen, der junge James Baldwin sowie die Maler Aaron Douglas und Romare Bearden. Was die Bewegung verband: der Anspruch, dass afroamerikanische Kultur nicht eine Folklore unter anderen ist, sondern eine zentrale Tradition der amerikanischen Moderne.
Eine Episode am Rand: James Reese Europe war 1913 der erste schwarze Bandleader auf einem amerikanischen Major-Label (Victor). Er diente als Leutnant in der 369. Infanterie der US-Army — den Harlem Hellfighters, die im Ersten Weltkrieg in Frankreich kämpften und dort den Jazz erstmals nach Europa brachten. Im Mai 1919, kurz nach seiner Heimkehr, wurde er backstage von seinem eigenen Drummer Herbert Wright nach einer Auseinandersetzung niedergestochen und starb am selben Abend, neununddreißig Jahre alt. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte er in einer Zeitung angekündigt, an einer Negro Symphony zu arbeiten — einer Sinfonie, die alle Elemente der schwarzen Musik vereinen sollte. Sie wurde nie geschrieben.
IV. Die Pianistinnen, die niemand sah
Lil Hardin Armstrong und Mary Lou Williams.
Im Standardbild der Jazz-Geschichte sind die Pianistinnen unsichtbar. Auf den Plattenhüllen stehen Saxophonisten, Trompeter, Schlagzeuger. Im Bühnenaufbau sitzt die Pianistin seitlich, oft schräg, und wird vom Mikrofon vergessen. Trotzdem haben zwei Pianistinnen die Geschichte des Jazz strukturell mitbestimmt — mehr als die meisten ihrer sichtbareren Kollegen.
Lil Hardin Armstrong, 1898 in Memphis geboren, hatte am Fisk Conservatory studiert und war ab 1918 Pianistin und Arrangeurin in Chicago. Sie spielte in King Olivers Band, als Louis Armstrong als zweiter Cornetist dazustieß. 1924 heirateten die beiden. In den nächsten fünf Jahren bewog Lil ihren Mann, Oliver zu verlassen und eigene Aufnahmen zu machen. Sie schrieb — unter seinem Namen und unter eigenem — einen großen Teil der Hot Five- Stücke, die heute als Beginn des modernen Jazz-Solos gelten. 1938 trennten sich die beiden. Lil führte danach eigene Bands, machte eigene Aufnahmen, schrieb für das Label Decca.
Sie starb 1971 in Chicago auf der Bühne. Während eines Konzerts zur Erinnerung an Louis — der sechs Wochen zuvor gestorben war — erlitt sie am Klavier einen Herzinfarkt und starb auf dem Weg ins Krankenhaus.
Mary Lou Williams, 1910 in Atlanta geboren, aufgewachsen in Pittsburgh, war eine der wichtigsten Pianistinnen des Bebop — und seine informelle Lehrerin. Ab 1944, als die meisten Bebop-Akteure noch unbekannt waren, kamen Thelonious Monk, Bud Powell, Tadd Dameron und Dizzy Gillespie in ihre Wohnung am Sugar Hill in Harlem. Sie hatte als Einzige ein Klavier, an dem ungestört gearbeitet werden konnte — und sie hatte das Gehör und das harmonische Wissen. Monks 'Round Midnight, eines der berühmtesten Bebop-Stücke überhaupt, hat sie nach eigener Aussage mit ihm zusammen entwickelt; offiziell ist es Monks Komposition.
Williams schrieb auch eigene Werke. Ihre Zodiac Suite (1945) ist eine Folge von zwölf Klavierstücken, jedes einem Tierkreiszeichen gewidmet. In den 1950er Jahren konvertierte sie zum Katholizismus. Aus diesem Schritt entstand Mary Lou's Mass (1969–1971), eine Jazzmesse, die Papst Paul VI. für den Vatikan in Auftrag gab. 1975 wurde sie in der St. Patrick's Cathedral in New York aufgeführt, choreographiert von Alvin Ailey.
Williams starb 1981 in North Carolina, einundsiebzig Jahre alt. Ihre Lehrwirkung wurde nach ihrem Tod immer sichtbarer; die Mary Lou Williams Foundation trägt heute eine ganze Generation von Jazzpianistinnen.
Was die beiden Geschichten gemeinsam haben: Ihre Wirkung war strukturell, nicht oberflächlich. Wer die Geschichte des Jazz an der Sichtbarkeit der Bandleader erzählt, übersieht sie. Wer sie an der Frage erzählt, wer wem etwas beigebracht hat und an welchem Klavier komponiert wurde, kommt an ihnen nicht vorbei.
V. Die 1940er und das Polizei-Theater
Bebop, Cabaret Cards und das Verbot zu spielen.
In den 1940er Jahren bricht eine neue Generation in der Jazz-Szene durch: Charlie »Bird« Parker, Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Bud Powell, Max Roach, Kenny Clarke. Sie spielen schneller, harmonisch komplexer, weniger zum Tanzen. Die Form wird später Bebop heißen. Ihr Treffpunkt war zuerst Minton's Playhouse in Harlem. Dort fanden nach den regulären Sets der Hausband jam sessions statt, in denen die jungen Musiker aufeinander trafen und ihre eigene Sprache entwickelten.
Diese Generation trifft auch ein bürokratisches System, das es nur in New York gab. Die Stadt verlangte seit 1940 von jedem Künstler, der in einem Lokal mit Schankerlaubnis (also fast jedem Jazzclub) auftreten wollte, eine sogenannte Cabaret Card. Sie wurde von der New Yorker Polizei (NYPD) ausgestellt — und konnte entzogen werden. Wer eine Polizei-Akte hatte, vor allem wegen Drogendelikten, verlor seine Karte. Und damit seine Arbeitserlaubnis in den New Yorker Clubs.
Das System hat eine Reihe von Karrieren beendet oder zerschnitten:
- Billie Holiday verlor ihre Karte 1947 nach einer Drogenverurteilung und durfte bis 1959 nicht mehr in New Yorker Clubs singen. Auftritte gab es nur noch in Konzertsalen wie der Carnegie Hall, wo die Regel nicht galt. Sie starb 1959 in einem Krankenhaus — ans Bett gefesselt, weil zwei Polizisten wegen einer neuen Drogenanklage anwesend waren. Sie war vierundvierzig Jahre alt.
- Charlie Parker verlor seine Karte mehrfach in den frühen 1950er Jahren. Er starb 1955 im Apartment der Mäzenin Pannonica »Nica« de Koenigswarter in der Fifth Avenue an einer Mischung aus Lungenentzündung, Magengeschwüren und Herzversagen. Der Arzt schätzte sein Alter auf zwischen fünfzig und sechzig; tatsächlich war er vierunddreißig.
- Thelonious Monk verlor seine Karte 1951, weil ein Freund, mit dem er im Auto fuhr, Marihuana bei sich hatte. Monk durfte sechs Jahre lang nicht in New York spielen. 1957 kehrte er mit der Studio-Aufnahme Brilliant Corners zurück — im Studio, weil die Clubs ihn nicht engagieren durften.
- Bud Powell verlor die Karte ebenfalls. Er starb 1966 mit einundvierzig Jahren in New York, geprägt von Klinikaufenthalten und Elektroschock-Behandlungen.
Das Cabaret-Card-System wurde 1967 abgeschafft. Frank Sinatra hatte sich geweigert, die Karte zu beantragen; eine Anwaltskanzlei um den NYU-Juristen Alan Dershowitz setzte die juristische Auflösung durch. Offiziell wurde nie eingestanden, dass das System sich asymmetrisch gegen schwarze Musiker richtete. Aber wer die Liste der Betroffenen ansieht, erkennt das Muster. Der Historiker Robin D. G. Kelley hat es 2009 in seiner Monk-Biographie systematisch dokumentiert.
Was diese Geschichte über Jazz erkennen lässt: Er ist nicht trotz, sondern teils wegen der Schikanierung in der Form entstanden, in der wir ihn kennen. Monks rhythmische Sperrigkeit; die Verbreitung der elektrischen Verstärkung im Jazz (weil laut die einzige Form war, sich gegen ungewollt kleine, schlecht ausgestattete Clubs zu behaupten); die Wendung zum Konzertsaal-Jazz der 1960er Jahre — alle haben mit der Lage zu tun, in der die Musiker arbeiteten. Das ist nicht romantisch und nicht tragisch, sondern eine historische Form von Widerstandsfähigkeit.
VI. Die Drehscheibe
Miles Davis und fünf Erfindungen.
Wer die Geschichte des Jazz von 1949 bis 1975 an einer einzigen Figur erzählen will, nimmt Miles Davis. Er war nicht der größte Trompeter seiner Zeit — Dizzy Gillespie spielte virtuoser, Clifford Brown schöner. Aber Davis hat den Jazz fünfmal neu erfunden, indem er die richtigen Mitspieler in die richtige Form brachte.
Erste Erfindung — Birth of the Cool, 1949. Mit dem Arrangeur Gil Evans und dem Saxophonisten Gerry Mulligan stellte Davis eine kleine Big Band zusammen, mit Tuba und Waldhorn als Klangfarben. Tempi geringer, weniger Drive, mehr Atmosphäre. Daraus wurde der Cool Jazz, der vor allem an der Westküste der USA Wirkung hatte (Chet Baker, Stan Getz).
Zweite Erfindung — Kind of Blue, 1959. Mit Bill Evans, John Coltrane und Cannonball Adderley nahm Davis ein Album auf, das die modale Improvisation einführte: Statt über wechselnde Akkordfolgen wird über einzelne Tonleitern (Modi) gespielt — weniger Harmoniewechsel, mehr melodischer Raum. Heute ist es das meistverkaufte Jazz-Album aller Zeiten und der Beginn des modalen Jazz.
Dritte Erfindung — das zweite Quintett, 1959–1965. Mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und dem damals siebzehnjährigen Tony Williams am Schlagzeug entstand eine kammermusikalische Form: Die Rhythmusgruppe wird so eigenständig wie die Solisten, sie reagiert nicht mehr nur, sie spielt mit.
Vierte und fünfte Erfindung — In a Silent Way (1969) und Bitches Brew (1970). Davis brachte den Jazz mit elektrischen Instrumenten zusammen: Joe Zawinul am Fender Rhodes, John McLaughlin an der elektrischen Gitarre. Auf Bitches Brew kommen Rock-Rhythmik, lange Studio-Improvisationen und elektrisch verstärkte Trompete dazu. Aus dieser Aufnahme gehen Weather Report, Mahavishnu Orchestra, Return to Forever und Herbie Hancocks Headhunters hervor — die gesamte Fusion-Welle der 1970er Jahre.
Daneben läuft, was nicht zu Davis gehört. John Coltrane treibt sein modales Spiel ab 1961 in die freie Improvisation hinein; A Love Supreme (1965) ist sein bekanntestes Werk. Er stirbt 1967 mit vierzig Jahren an Leberkrebs. Charles Mingus schreibt wuchtige Suiten, die Big Band und Avantgarde mischen. Sun Ra — geboren als Herman Blount in Birmingham, Alabama — erfindet sich als kosmischer Bote vom Saturn und führt sein Arkestra bis zu seinem Tod 1993. Die Free-Jazz-Bewegung um Ornette Coleman, Cecil Taylor und Albert Ayler löst die letzten Bindungen an Akkord und Form vollständig. Ayler, der vielleicht radikalste dieser Saxophonisten, wird im November 1970 im East River in New York tot aufgefunden, vierunddreißig Jahre alt — die Todesumstände wurden nie geklärt.
In den 1980er Jahren setzt eine Gegenbewegung ein. Wynton Marsalis, Trompeter aus New Orleans (sein Vater Ellis ist Pianist), wird zum Sprecher einer konservativen Jazz-Renaissance. 1987 gründet er das Programm Jazz at Lincoln Center in New York — eine Institution, die den Jazz als amerikanische Hochkultur in fester Tradition pflegt. Ellington, Armstrong und Monk werden zur Norm; die Avantgarde wird abgewertet. Diese Position hat dem Jazz den Status einer Hochkultur verschafft, ihn aber auch zu einem Kanon gemacht — eine ungewöhnliche Wendung für ein Idiom, das sich davor immer wieder selbst neu erfunden hatte.
Heute ist der Jazz weltweit verteilt. Die wichtigste lebende Generation kommt aus Skandinavien, aus Israel, aus Japan, aus Südafrika genauso wie aus den USA. Die Frage, was überhaupt noch Jazz ist, ist kaum noch zu beantworten. Vielleicht heißt das: Das Idiom hat seine erfindende Phase verlassen und ist zu einer Tradition geworden, die weiterführt, ohne sich selbst neu zu erschaffen.
VII. Schluss
Was bleibt.
Der Jazz ist die einzige bedeutende Hochkultur-Musik, die im 20. Jahrhundert vollständig neu entstanden ist. Er ist das Werk einer Bevölkerungsgruppe, die zu Konservatorien, Verlegern, Konzertsälen und gleichberechtigten Verträgen nicht ohne Hindernisse zugang hatte — manchmal nicht einmal zur eigenen Arbeitserlaubnis. Trotzdem hat sie ein Idiom geschaffen, das die gesamte populäre Musik des Jahrhunderts geprägt hat: Rock, Soul, Funk, Hip-Hop, R&B, Pop — sie alle haben Bausteine aus dem Jazz.
Der Rassismus hat den Jazz mitgeprägt, ohne sein Ergebnis zu sein. Er hat bestimmte Wege blockiert (Konservatorien, Verlegerverträge, Aufführungsorte) und andere geöffnet (Migration, kollektive Arbeitsformen, eine eigene Sprache, die nicht gängig war). Was die Musiker daraus gemacht haben, ist nicht eine Antwort auf den Rassismus — das wäre die moralisierende Lesart. Es ist eine Eigenleistung, die sich neben dem Rassismus durchsetzte. Das ist ein anderer Befund.
Wer im Haus am Klavier sitzt und ein Jazz Real Book aufschlägt — Autumn Leaves, 'Round Midnight, Days of Wine and Roses — spielt etwas, das eine ganze Geschichte hinter sich hat. Die Akkordsymbole auf den Notenseiten sind die Schrift einer Tradition, die mit Buddy Boldens Cornet in den Tanzparks von New Orleans und Mary Lou Williams' Klavier am Sugar Hill in Harlem begonnen hat. Das ist eine schöne Sache zu wissen, bevor die Hände auf die Tasten kommen.
Im Anschluss eine Zeittafel mit vier Spuren: Jazz, andere Musik, bildende Kunst und Literatur, Welt. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.
Zeittafel 1890 – 2000
Was geschah, während der Jazz entstand.
Vier Spuren: Jazz, andere Musik, bildende Kunst und Literatur, Welt. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.
1890 – 1920
New Orleans · erste AufnahmenUm 1900Buddy Bolden in New Orleans
Charles »Buddy« Bolden, Cornet-Spieler, hat um 1900 die berühmteste Tanzkapelle der schwarzen Viertel von New Orleans. Augenzeugen schreiben später, er habe als erster die Improvisations-Linie des späteren Jazz konsequent gespielt.
1907Bolden in die Anstalt
Bolden wird in die East Louisiana State Insane Asylum eingewiesen. Er bleibt dort bis zu seinem Tod 1931, ohne je wieder gespielt zu haben. Keine Aufnahme von ihm.
1917Erste Jazz-Aufnahme
Im Februar nimmt die Original Dixieland Jazz Band — fünf weiße Musiker aus New Orleans — in New York Livery Stable Blues auf. Über eine Million verkaufte Exemplare. Die schwarzen Erfinder des Idioms haben keinen Plattenvertrag.
1917Storyville geschlossen
Im November schließt das US-Marine-Department den Bordell-Bezirk Storyville in New Orleans, in dem viele Jazzmusiker ihre erste Profession geübt hatten. Beginn der Migration nach Norden.
1919James Reese Europe †
Im Mai wird der erste schwarze Bandleader auf einem Major-Label backstage in Boston von seinem eigenen Drummer Herbert Wright erstochen, neununddreißig Jahre alt. Wenige Wochen vorher hatte er von einer geplanten Negro Symphony gesprochen.
1899Joplin, Maple Leaf Rag
Scott Joplin veröffentlicht den Maple Leaf Rag. Ragtime wird zur ersten populären amerikanischen Musikform mit afroamerikanischem Ursprung, die landesweit verbreitet wird.
1903W. C. Handy hört den Blues
In Tutwiler, Mississippi, hört der schwarze Komponist W. C. Handy einen unbekannten Gitarristen Blues spielen. Er beginnt, das Idiom zu notieren und veröffentlicht 1912 den Memphis Blues.
1913Strawinsky, Sacre du printemps
Skandal-Premiere in Paris. Polyrhythmik, Dissonanz. Eines der einflussreichsten Stücke des Jahrhunderts — aber in einer ganz anderen Welt als der Jazz, der gerade entsteht.
1903Du Bois, The Souls of Black Folk
W. E. B. Du Bois veröffentlicht das Buch, das die double consciousness der schwarzen Amerikaner formuliert. Erstes klassisches Werk des modernen afroamerikanischen Denkens.
1913Armory Show in New York
Erste große Ausstellung der europäischen Avantgarde in den USA. Picasso, Duchamp, Matisse werden in New York gesehen. Der amerikanische Modernismus beginnt.
1914Gilbert/Sullivan und Tin Pan Alley
Tin Pan Alley, der Verlagsbezirk im Manhattan, wird zum Zentrum der amerikanischen Popsong-Industrie. Berlin, Gershwin, Kern, Porter werden hier ihre Karriere machen.
1896Plessy v. Ferguson
Der US-Supreme-Court erklärt die Doktrin separate but equal für verfassungsgemäß. Rassentrennung in Schulen, Verkehrsmitteln, öffentlichen Einrichtungen ist landesweit zulässig. Bleibt bis 1954 gültig.
1910Beginn der Great Migration
Etwa anderthalb Millionen Afroamerikaner wandern zwischen 1910 und 1930 aus dem Süden in die nördlichen Industriestädte. Eine der größten Binnenwanderungen der amerikanischen Geschichte.
1914-18Erster Weltkrieg
Die Harlem Hellfighters, die 369. Infanterie der US-Army, kämpfen in Frankreich. Sie bringen den Jazz erstmals nach Europa.
1919Red Summer
In etwa drei Dutzend US-Städten kommt es im Sommer 1919 zu rassistischen Pogromen, vor allem gegen heimkehrende schwarze Soldaten. Mehrere Hundert Tote.
1920 – 1950
Hot Jazz · Swing · Bebop1922Armstrong zu King Oliver nach Chicago
Der einundzwanzigjährige Louis Armstrong verlässt New Orleans und schließt sich der Creole Jazz Band seines Lehrers King Oliver in Chicago an. Lil Hardin ist die Pianistin der Band.
1925-28Hot Five-Aufnahmen
Louis Armstrong und seine Hot Five nehmen für OKeh Records auf. Mit der West End Blues-Aufnahme 1928 wird das moderne Jazz-Solo geboren. Lil Armstrong ist Pianistin und Mit-Komponistin.
1927Ellington im Cotton Club
Im Dezember beginnt Duke Ellington seine Engagements im Cotton Club in Harlem. Weißes Publikum, schwarze Musiker. Sein orchestraler Stil wird in den nächsten fünf Jahren entwickelt.
1935Goodman, Beginn der Swing-Ära
Im August 1935 spielt Benny Goodmans Band im Palomar Ballroom in Los Angeles. Der Überraschungserfolg gilt als Beginn der Swing-Ära. Goodmans Arrangeur ist Fletcher Henderson, ein schwarzer Komponist, der seine Stoffe an Goodman verkauft hat.
1939Holiday, Strange Fruit
Billie Holiday singt im New Yorker Café Society das Lied, das Abel Meeropol zu einem Lynchmord geschrieben hatte. Es wird zu einem der wirkmächtigsten politischen Lieder des 20. Jahrhunderts.
1944-45Bebop in Minton's Playhouse
Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Bud Powell, Max Roach treffen sich in Minton's Playhouse in Harlem. Die schnelle, harmonisch komplexe Form des Bebop entsteht. Mary Lou Williams ist die informelle Lehrerin.
1947Holiday verliert ihre Cabaret Card
Nach einer Drogen-Verurteilung verliert Billie Holiday die NYPD-Erlaubnis, in New Yorker Clubs aufzutreten. Sie kann zwölf Jahre lang nur in Konzertsälen wie der Carnegie Hall spielen.
1924Gershwin, Rhapsody in Blue
Im Februar 1924 wird die Rhapsody in Blue in Paul Whitemans Konzert in New York uraufgeführt. Gershwin verbindet symphonische Form mit Jazz-Material — und macht damit den Jazz konzertsalonfähig für das weiße Publikum.
1937Gershwin †
George Gershwin stirbt am 11. Juli in Hollywood, achtunddreißig Jahre alt, an einem Hirntumor.
1944Copland, Appalachian Spring
Aaron Copland, Schüler von Boulanger, schreibt das Ballett Appalachian Spring. Klang des amerikanischen Westens, der ohne den Jazz nicht denkbar war.
1948LP wird eingeführt
Columbia stellt die Long-Playing Schallplatte vor. Eine Seite fährt 23 Minuten statt drei. Damit wird der erweiterte Jazz-Track möglich, später das Konzeptalbum.
1925Locke, The New Negro
Alain Locke gibt die Anthologie The New Negro heraus. Programmtext der Harlem Renaissance. Hughes, Hurston, Cullen, Toomer, Schuyler vereint.
1929Hughes, Not Without Laughter
Langston Hughes' erster Roman erscheint. Mit Hughes ist die afroamerikanische Lyrik im Mainstream amerikanischer Literatur angekommen.
1937Hurston, Their Eyes Were Watching God
Zora Neale Hurstons Roman erscheint. Erst in den 1970er Jahren von Alice Walker wiederentdeckt, wird er zum Gründungstext der schwarzen Frauen-Literatur in den USA.
1947Pollock beginnt drip painting
Jackson Pollock entwickelt seine Drip-Painting-Technik. Anfang des Abstrakten Expressionismus. New York wird zur Welthauptstadt der Kunst.
1929Börsenkrach
Schwarzer Donnerstag in New York. Beginn der Weltwirtschaftskrise. Für die schwarze Bevölkerung der Migration noch härter als für die weiße.
1933New Deal
Roosevelts Programm beginnt. Die Federal Music Project-Programme fördern auch Jazz, Volksmusik, Spirituals.
1940Cabaret-Card-System NYC
New York City führt die Cabaret Card ein. Wer in einem Etablissement mit Schankerlaubnis spielen will, braucht NYPD-Erlaubnis. Wer eine Polizei-Akte hat, verliert sie.
1948Truman desegregiert die US-Armee
Präsident Truman erlässt die Executive Order 9981. Erste US-Bundesinstitution wird offiziell desegregiert.
1950 – 1975
Cool, Hard Bop, Free, Fusion1949Davis, Birth of the Cool-Sessions
Miles Davis nimmt mit Gil Evans und Gerry Mulligan die Sessions auf, die später als Birth of the Cool veröffentlicht werden. Cool Jazz beginnt.
1955Charlie Parker †
Im März stirbt Bird in der 5th Avenue-Wohnung der Mecenas Pannonica de Koenigswarter. Der Arzt schätzt sein Alter auf zwischen 50 und 60. Er war vierunddreißig.
1957Monk, Brilliant Corners
Nach sechs Jahren Cabaret-Card-Verbot kehrt Thelonious Monk mit dem Riverside-Album zurück. Er wird für die nächsten zehn Jahre zur Stilfigur des Jazz.
1959Davis, Kind of Blue
Mit John Coltrane, Bill Evans, Cannonball Adderley nimmt Miles Davis das modale Album auf, das später zum meistverkauften Jazz-Album aller Zeiten wird.
1959Holiday †
Im Juli stirbt Billie Holiday in einem New Yorker Krankenhaus, an ihr Bett gefesselt durch Polizisten, die wegen einer neuen Drogen-Anklage anwesend sind. Vierunddreißig Jahre alt.
1965Coltrane, A Love Supreme
John Coltrane nimmt das spirituelle Konzeptalbum auf. Modaler Jazz auf seinem Höhepunkt. Coltrane stirbt 1967, vierzig Jahre alt, an Leberkrebs.
1967Cabaret-Card-System abgeschafft
Nach 27 Jahren wird das System aufgehoben. Frank Sinatra hatte sich geweigert, sich registrieren zu lassen, und juristisch dagegen vorgegangen.
1970Davis, Bitches Brew
Fusion mit Rock-Rhythmik, Trompete elektrisch verstärkt. Aus dieser Aufnahme gehen Weather Report, Mahavishnu Orchestra, Headhunters hervor.
1970Albert Ayler †
Im November wird der Free-Jazz-Saxophonist Albert Ayler im East River in New York gefunden. Vierunddreißig Jahre alt. Todesumstände nie aufgeklärt.
1952Cage, 4'33"
John Cage lässt in Woodstock vier Minuten dreiunddreißig Sekunden Stille spielen. Ein Bruch in der Vorstellung dessen, was Musik sei.
1955Berry, Maybellene
Chuck Berry nimmt die Single auf, die als Anfang des modernen Rock gilt. Direkt aus Blues, Country und Boogie-Woogie hervorgegangen.
1959Motown gegründet
Berry Gordy gründet in Detroit das Plattenlabel, das mit Stevie Wonder, Marvin Gaye, den Supremes, den Temptations das R&B-Pop-Idiom landesweit etabliert.
1969Woodstock
Im August spielen rund 30 Bands vor 400.000 Menschen auf einer Farm in Bethel, NY. Symbol des Counterculture-Festivals der 1960er.
1952Ellison, Invisible Man
Ralph Ellisons Roman erscheint und gewinnt 1953 den National Book Award. Die afroamerikanische Erfahrung in literarischer Hochform.
1956Ginsberg, Howl
Allen Ginsbergs Versgedicht wird in San Francisco gelesen, dann veröffentlicht, dann wegen Obszönität angeklagt. Beat-Generation auf dem Höhepunkt.
1963Baldwin, The Fire Next Time
James Baldwins Essay-Sammlung erscheint im Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. Eines der prägenden politischen Texte der amerikanischen 1960er.
1962Warhol, Campbell's Soup Cans
Andy Warhols 32 Suppendosen werden in Los Angeles ausgestellt. Pop Art als amerikanische Antwort auf den Abstrakten Expressionismus.
1954Brown v. Board of Education
Der US-Supreme-Court erklärt die Rassentrennung in öffentlichen Schulen für verfassungswidrig. Ende der Separate but Equal-Doktrin.
1955Montgomery Bus Boycott
Rosa Parks weigert sich am 1. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama, ihren Sitzplatz im Bus an einen weißen Fahrgast abzugeben. Der von Martin Luther King geführte Boykott folgt.
1964Civil Rights Act
Präsident Lyndon Johnson unterzeichnet das Gesetz, das Rassendiskriminierung in den USA verbietet. 1965 folgt der Voting Rights Act.
1968Ermordung Martin Luther Kings
Am 4. April wird King in Memphis erschossen. In über hundert amerikanischen Städten brennen in den folgenden Tagen die schwarzen Viertel.
1975 – 2000
Konsolidierung · Hip-Hop · weltweiter Jazz1981Mary Lou Williams †
Im Mai stirbt Mary Lou Williams in Durham, North Carolina, einundsiebzig Jahre alt. Die Pianistin, die Bebop mitgeschrieben hat, hinterlässt ein Werk in vielen Stilen.
1987Jazz at Lincoln Center
Wynton Marsalis gründet das Programm, das Jazz als amerikanische Hochkultur etabliert. Konsolidierung des Idioms in einer fixen Tradition. Avantgarde wird abgewertet.
1991Miles Davis †
Im September stirbt Miles Davis in Santa Monica, fünfundsechzig Jahre alt. Sein letztes Konzert, eine Zusammenarbeit mit Quincy Jones in Montreux, hatte zwei Monate vorher stattgefunden.
1993Sun Ra †
Im Mai stirbt Herman Blount, der sich Sun Ra nannte und behauptete, vom Saturn zu kommen, in Birmingham, Alabama, neunundsiebzig Jahre alt. Sein Arkestra wird unter Marshall Allens Leitung weitergeführt.
1979Sugarhill Gang, Rapper's Delight
Der erste kommerziell erfolgreiche Hip-Hop-Track erscheint. Aus den Straßenpartys der South Bronx wird ein neues Idiom, das die populäre Musik der nächsten dreissig Jahre prägen wird.
1982Jackson, Thriller
Michael Jacksons Album wird zum meistverkauften Album aller Zeiten. Quincy Jones produziert — ein Boulanger-Schüler im Pop. Damit ist die Verbindung von Jazz-Disziplin und Pop-Form vollendet.
1990erNu Jazz und Sampling
DJ-Kultur und Sampling führen Jazz-Material in den Hip-Hop ein. Tribe Called Quest, Guru's Jazzmatazz, Buena Vista Social Club. Jazz wird zum Bestandteil eines globalen populären Idioms.
1987Morrison, Beloved
Toni Morrisons Roman erscheint und gewinnt 1988 den Pulitzer-Preis. 1993 erhält Morrison als erste afroamerikanische Schriftstellerin den Nobelpreis.
1988Basquiat †
Jean-Michel Basquiat stirbt im August in New York, siebenundzwanzig Jahre alt, an einer Heroin-Überdosis. Hatte den afroamerikanischen Modernismus der 1980er geprägt.
1989Mauerfall
Am 9. November fällt die Berliner Mauer. 1990 deutsche Wiedervereinigung. 1991 Auflösung der Sowjetunion.
1994Mandela Präsident
Nelson Mandela wird nach 27 Jahren Haft Präsident Südafrikas. Ende der Apartheid.
1991World Wide Web
Tim Berners-Lee veröffentlicht das WWW-Konzept. Beginn der digitalen Öffentlichkeit, in der die Musik der nächsten Generation entstehen wird.
Die Reihe
Fünf Stücke aus der Musikwelt.
Dies ist das dritte Stück. Es folgen Chanson und Cantautori; vorausgegangen sind Romantik und Spätromantik bis Moderne.
Stück 1 · Romantik Stück 2 · Moderne Stück 4 · Chanson Stück 5 · Cantautori