Was die acht Techniken zusammen erzählen
Material in Form bringen oder Material in Würde lassen.
Die westliche Tradition hat den Stoff über Jahrhunderte als
Material gedacht, das in eine Form gebracht werden muss. Spinnen,
Weben, Stricken, Schneidern — alle vier westlichen Techniken
sind Verfahren der Transformation: aus der Faser wird Faden, aus dem
Faden Stoff, aus dem Stoff Kleidung. Jeder Schritt ist eine
Veränderung des Materials, jeder Schritt verlangt Schnitt, Bruch,
Neuformung. Das Ergebnis ist ein Kleidungsstück, das eng am
Körper sitzt, weil seine Form aus der Form des Körpers
abgeleitet ist.
Die östliche Tradition hat den Stoff anders gedacht. Aizome ist
eine Behandlung, die ihn nicht zerschneidet, sondern färbt.
Sashiko verstärkt den Stoff, ohne ihn neu zu konstruieren. Boro
flickt ihn, ohne das Ursprüngliche zu ersetzen. Der Kimono nutzt
den Stoff, ohne ihn aufzulösen. In allen vier Techniken bleibt
der Stoff im Wesentlichen, was er ist: eine Bahn, eine Fläche,
ein Stück Material mit eigener Würde.
Diese Differenz hat eine ökologische und ökonomische
Pointe, die in unserer Zeit besonders sichtbar wird. Die westliche
Tradition produziert Kleidung, die irgendwann unbrauchbar wird
— Schnittmuster sind nicht reversibel, eine zerschnittene Bahn
lässt sich nicht wieder zur Bahn machen. Die östliche
Tradition produziert Kleidung, die theoretisch unendlich umgewandelt
werden kann: ein abgenutzter Kimono wird zu einer Bettdecke, eine
Bettdecke zu einem Kissenbezug, ein Kissenbezug zu Sashiko-Stoffresten.
Boro ist die radikale Form dieser Logik.
In den letzten zwanzig Jahren hat die westliche Mode begonnen, sich
für diese Tradition zu interessieren. Boro ist zur ästhetischen
Zitatkategorie geworden; japanische Designer wie Issey Miyake oder
Yohji Yamamoto arbeiten mit Konzepten, die der westlichen Schneiderei
fremd sind. Was im Westen lange als Mangel galt — der
ungefütterte Stoff, der nicht maßgenau anliegt, der
reparierte Riss — gilt jetzt als Eleganz. Die Tradition, die
nie aufgegeben wurde, kommt zurück.