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Eine Arbeit aus dem Haus · Essay

Nicht selbstverständlich.

Die handwerkliche Ausbildung in sieben Regionen. Wie gibt man Können weiter — und warum die Antwort, die in Deutschland selbstverständlich ist, in den USA verloren ging, in Japan zehn Jahre dauert und in Westafrika nur durch Geburt zugänglich ist.

Eingang

Die gemeinsame Frage.

Wie gibt man Können weiter? Diese Frage ist so alt wie das Handwerk selbst, und sie hat in jeder Kultur eine eigene Antwort gefunden. Manche Antworten sind aus Gemeinschaften entstanden, die das Können über Jahrtausende bewahrt haben. Andere wurden in wenigen Jahrzehnten staatlich kodifiziert. Wieder andere sind aus dem Zusammenstoß zweier Traditionen entstanden, die sich nicht ineinander auflösen ließen.

Was die Geschichten dieses Handbuchs verbindet, ist nicht eine gemeinsame Form. Es ist die gemeinsame Frage. Und die unterschiedlichen Antworten zeigen, wie viele Wege es gibt, eine Sache richtig zu tun.

I.  Europa

Die Zunft als Familie.

Die europäische Tradition der handwerklichen Ausbildung hat ihren Ursprung in den Städten des Hochmittelalters. Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in Flandern, im Rheinland, in Norditalien die ersten Zünfte. Eine Zunft war mehr als ein Wirtschaftsverband. Sie war eine soziale, religiöse und ethische Gemeinschaft.

In dieser Gemeinschaft entstand das System aus Lehrling, Geselle und Meister. Ein Junge kam mit zwölf oder dreizehn Jahren als Lehrling in den Haushalt eines Meisters. Er lebte dort, aß mit der Familie, schlief in der Werkstatt. Der Meister verpflichtete sich, ihm das Handwerk beizubringen. Die Lehrzeit dauerte sieben Jahre. Nach der Lehrzeit wurde der Lehrling Geselle, ging auf die Walz, wanderte durch fremde Städte. Wer am Ende einen Meisterbrief erwerben wollte, musste ein Meisterstück anfertigen.

Die Zünfte schlossen Frauen aus, schlossen Juden aus, schlossen die Söhne nichtansässiger Familien aus. Aber sie schufen ein System, in dem das handwerkliche Können in einer kontrollierten und ehrlichen Form weitergegeben wurde — und sie bauten Städte, deren Bauten und Möbel bis heute stehen.

Mit der Französischen Revolution und der industriellen Revolution gerieten die Zünfte unter Druck. In Frankreich wurden sie 1791 abgeschafft, in Preußen 1810. In Deutschland geschah etwas, was in den meisten anderen Ländern Europas nicht geschah. Die Handwerkstradition wurde nicht aufgegeben, sondern in eine neue institutionelle Form überführt. 1969 folgte das Berufsbildungsgesetz, das die heutige Form der dualen Ausbildung kodifizierte. Etwa zwei Drittel jedes deutschen Jahrgangs durchläuft heute eine solche Ausbildung. Deutschland ist heute das einzige große Industrieland, in dem das mittelalterliche Lehrwesen in moderner Form noch lebendig ist.

II.  Vereinigte Staaten

Aufstieg und Untergang einer importierten Tradition.

Die handwerkliche Ausbildung in Nordamerika ist eine importierte Tradition, die in einem fremden Boden andere Früchte trug als in Europa. Mit den ersten englischen, niederländischen und deutschen Siedlern kamen ab 1607 die Lehrverträge und Zunftregeln Europas in die nordamerikanischen Kolonien. Aber die Strenge des europäischen Systems lockerte sich.

Das berühmteste Beispiel ist Benjamin Franklin. 1718 trat er als Zwölfjähriger eine Lehre bei seinem älteren Bruder James an, der in Boston eine Druckerei betrieb. Der Bruder schlug ihn mehrfach. Benjamin floh 1723 nach Philadelphia, ohne den Lehrvertrag zu erfüllen — was nach europäischem Recht ihn zum Verbrecher gemacht hätte. In den Kolonien aber gab es niemanden, der ihn verfolgen konnte. Mit zweiundzwanzig Jahren eröffnete er eine eigene Druckerei.

Mit der industriellen Revolution kollabierte das System schneller als in Europa. Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 war die Lehre als zentrale Ausbildungsform in den USA praktisch verschwunden. Was an ihre Stelle trat, war kein vergleichbares System, sondern zwei getrennte Wege: die Universität für die Wissensberufe und die ungelernte Fabrikarbeit für alle anderen. Die Lücke dazwischen blieb bis heute weitgehend ungefüllt. Programme wie Apprenticeship USA, das 2014 aufgelegt wurde, versuchen, das deutsche Modell der dualen Ausbildung zu adaptieren. Bislang sind sie Randerscheinungen geblieben.

III.  Lateinamerika

Die importierte Zunft und die indigene Werkstatt.

Die handwerkliche Ausbildung in Lateinamerika ist die Geschichte einer Überschichtung. Auf eine indigene Tradition, die in Mexiko und Peru tausende Jahre alt war, legte sich nach 1521 das spanische Zunftwesen. Vor der spanischen Eroberung gab es in den großen Reichen Lateinamerikas hochentwickelte Handwerkstraditionen. Die Azteken hatten Stadtviertel, in denen Goldschmiede, Federarbeiter, Steinmetze und Töpfer lebten. Die Inkas hatten in Cusco vergleichbare Werkstätten.

Mit der Eroberung kamen die spanischen Zünfte als institutioneller Apparat in die kolonialen Hauptstädte. Aber etwas Entscheidendes änderte sich. In den kolonialen Hauptstädten hatten die spanischen Eroberer eine Mehrheit indigener und gemischtrassiger Bevölkerung um sich. Die kolonialen Zünfte versuchten, durch Rassengesetze die Hierarchie zu sichern. Indigene oder afrikanischstämmige Lehrlinge konnten als Lehrlinge oder Gesellen aufgenommen werden, aber nicht als Meister. Was in Sevilla oder Madrid Mobilität versprach, schloss in Lima oder Mexiko-Stadt die Mehrheit aus.

Gleichzeitig blieb die indigene Tradition lebendig — außerhalb der Zünfte, in den Dörfern, in den Familien. Die Steinmetze von Cusco bauten Kirchen für die spanischen Eroberer mit Techniken der Inka-Steinmetzkunst. Die Weberinnen der Anden produzierten weiter die Textilien, die heute Museumsstücke sind.

Was als Tradition überlebt hat, ist nicht das, was die Kolonialherren importierten. Es ist das, was sie nie ausrotten konnten.

IV.  Asien · Japan

Die shokunin-Tradition.

In keiner anderen Region der Welt ist die handwerkliche Ausbildung so dokumentiert, so kodifiziert und so lebendig wie in Japan. Die Tradition reicht bis ins 6. Jahrhundert zurück. Eine dieser Familien, Kongō Gumi, gegründet 578, baute den Tempel Shitennō-ji in Osaka — und blieb anschließend für eintausendvierhundertachtundzwanzig Jahre als Tempelbauer aktiv, bis 2006. Das ist die längste durchgehende Geschäftstätigkeit eines Unternehmens in der Weltgeschichte.

Im Edo-Zeitalter (1603–1868) entwickelte sich aus der Tempelschreiner-Tradition eine breite Handwerks-Klasse, die shokunin. Ein shokunin ist nicht nur jemand, der ein Handwerk ausübt; er ist jemand, der einen Beruf zum Lebensinhalt macht. Die Lehre dauerte traditionell zehn Jahre. Ein Junge wurde im Alter von etwa zehn Jahren in den Haushalt eines Meisters gegeben. Die ersten drei Jahre durfte er kaum etwas anfassen. Er fegte die Werkstatt, holte Wasser, beobachtete. Erst nach drei Jahren bekam er das erste Werkzeug in die Hand. Im zehnten Jahr durfte er, wenn der Meister es zuließ, ein eigenes Werkstück anfertigen.

Diese lange Wartezeit war nicht sadistisch. Sie hatte einen methodischen Zweck. Der Lehrling sollte zunächst die Atmosphäre der Werkstatt aufnehmen, die Bewegungen des Meisters beobachten, die Ehrfurcht vor dem Material entwickeln, bevor er selbst eingreifen durfte. Was der westliche Beobachter als Verschwendung von Zeit erscheint, war in der japanischen Tradition die eigentliche Lehre — eine Lehre durch Anwesenheit und Beobachtung, lange vor der Lehre durch Tun.

1955 schuf der japanische Staat den Titel Ningen Kokuhō — Lebender Nationalschatz. Heute leben in Japan etwa hundertdreißig solche Lebenden Nationalschätze. Das japanische System ist das am vollständigsten ausgebaute der Welt — und das einzige, das seine traditionelle Ausbildungslogik in moderner Form bewahrt hat, ohne sie an die Industrie verraten zu haben.

V.  Afrika

Die Schmiede als heiliger Beruf.

Die handwerkliche Tradition Afrikas südlich der Sahara ist älter als die meisten europäischen Traditionen. In Westafrika beginnt die Geschichte des Eisenhandwerks vor etwa dreieinhalbtausend Jahren. Bei der Nok-Kultur im heutigen Nigeria finden sich die ältesten Eisenwerkzeuge südlich der Sahara.

Bei den Mande-Völkern Westafrikas — den Bambara, Malinké, Soninke — bilden die Schmiede eine eigene gesellschaftliche Klasse, die nyamakalaw. Schmied wird man nicht durch Lehre, sondern durch Geburt. Nur wer in eine Schmiedefamilie hineingeboren ist, hat das Recht, das Handwerk zu erlernen. Der junge Schmied lernt nicht nur die Technik des Schmiedens — er lernt auch die daliluw, das geheime Wissen über die Natur des nyama, der spirituellen Energie, die im Eisen wohnt.

Diese Verbindung von technischem Können und spiritueller Praxis ist nicht metaphorisch. Bei den Yoruba im südwestlichen Nigeria gilt der Schmied als Verkörperung des Gottes Ogun, der für Eisen, Krieg und Handwerk zuständig ist. Wer in der Schmiede arbeitet, vollzieht eine sakrale Handlung; wer das Eisen schlägt, schlägt den Rhythmus eines Gebetes. Was wie Tüchtigkeit aussieht, ist Liturgie.

Mit der Kolonialzeit kamen massive Brüche. Britische, französische, deutsche und belgische Kolonialherren importierten europäisches Eisen und europäische Töpferware in einer Menge und zu einem Preis, mit denen die einheimischen Handwerker nicht konkurrieren konnten. Die nyamakalaw-Tradition geriet ins Wanken. Heute gibt es Versuche, die Tradition neu zu beleben. Aber die Spannung zwischen der traditionellen Form, die an Familienkette und spiritueller Einbettung hängt, und einem modernen Ausbildungssystem, das davon abstrahieren müsste, ist ungelöst.

VI.  Australien

Die alte und die neue Welt.

In Australien hat die Tradition der Aboriginal-Bevölkerung eine Tiefe von mindestens vierzigtausend Jahren — sie ist die älteste durchgehende Kultur der Menschheitsgeschichte. Wissen wird in dieser Tradition mündlich weitergegeben, durch Erzählung, Lied, Tanz und Zeremonie. Die Trägerschaft des Wissens liegt bei den Elders, den Älteren. Ein Mädchen lernt Korbflechten, während die Aunties — die Tanten und älteren Frauen — Geschichten erzählen. Sie lernt das Flechten und die Geschichten gleichzeitig, weil beides zusammengehört.

Die Eroberung Australiens durch die Briten ab 1788 hat diese Tradition tief beschädigt. Aboriginal-Kinder wurden teilweise gewaltsam aus ihren Familien entfernt — die Stolen Generations von 1910 bis 1970. Die Übertragung des traditionellen Wissens wurde dadurch über Generationen unterbrochen. Was heute überlebt, ist Fragment. Aber es ist lebendiges Fragment.

VII.  Neuseeland

Was die Maori bewahrt haben.

In Neuseeland ist die Geschichte anders verlaufen. Die Maori, die ab etwa 1300 nach Neuseeland eingewandert sind, brachten eine elaborierte Handwerkstradition mit, vor allem die Holzschnitzerei (whakairo). Im Gegensatz zur australischen Aboriginal-Tradition ist die Maori-Schnitzerei in dokumentierter institutioneller Form überliefert.

1926 verabschiedete das neuseeländische Parlament ein Gesetz, das den Erhalt der Maori-Künste vorsah. Auf Initiative des Maori-Politikers Sir Apirana Ngata wurde 1927 eine staatlich geförderte Schnitzschule eingerichtet — Te Wānanga Whakairo —, die in Rotorua bis heute existiert. Junge Maori können sich dort um eine dreijährige Ausbildung bewerben; nur drei bis fünf werden pro Jahrgang aufgenommen. Wer die Ausbildung abschließt, gehört zu einer Linie, die bis zu den Schnitzern des ersten Jahrgangs von 1927 zurückreicht — und über diese hinaus zu Meistern, deren Linie ungebrochen seit der vorkolonialen Zeit besteht.

Was Neuseeland gelungen ist, ist in wenigen anderen postkolonialen Ländern gelungen: die Bewahrung einer indigenen Handwerkstradition in moderner institutioneller Form. Die Tradition lebt nicht trotz der Moderne, sondern in einer Form, die die Moderne sich angeeignet hat.

Was die sieben Geschichten zeigen

Sieben Antworten auf eine Frage.

Wer die sieben Geschichten nebeneinander liest, sieht etwas, das in keiner einzelnen sichtbar wird. Die Frage Wie gibt man Können weiter? hat sehr verschiedene Antworten gefunden — und keine dieser Antworten ist universell.

Was aus dieser Vielfalt zu lernen ist, ist nicht, dass eine Tradition besser sei als die andere. Es ist die Einsicht, dass die Frage mehr Antworten hat als die, die im eigenen Lebensumfeld vertraut sind. Was in Deutschland selbstverständlich ist, ist in den USA verloren. Was in Japan eine zehnjährige Lehre verlangt, ist in der westlichen Tradition kaum mehr vorstellbar. Was die Yoruba-Töpferin in der Familie ihrer Mutter gelernt hat, lässt sich nicht in einem Berufsschulgesetz kodifizieren. Was die Maori-Schnitzer in Rotorua tun, ist gleichzeitig vorkoloniale Tradition und moderne staatliche Institution.

Die handwerkliche Ausbildung ist nicht selbstverständlich. Sie ist eine Antwort, die jede Kultur sich auf eine Frage gegeben hat, die alle teilen — und die Antworten sind so verschieden wie die Kulturen selbst.

Quellen & Belege

Europa: Zunftwesen des Hochmittelalters; Abschaffung der Zünfte in Frankreich 1791 (Loi d’Allarde / Loi Le Chapelier), in Preußen mit der Gewerbefreiheit 1810/11; deutsches Berufsbildungsgesetz 1969. USA: Benjamin Franklin trat 1718 als Zwölfjähriger die Lehre bei seinem Bruder James (Drucker in Boston) an und entzog sich ihr 1723 (über New York nach Philadelphia); seine eigene Druckerei betrieb er ab 1728. Programm Apprenticeship USA 2014. Lateinamerika: spanisches Zunftwesen nach 1521 über indigene Handwerkstraditionen (Azteken, Inka). Japan: Kongō Gumi (gegründet 578, Tempelbauer u. a. des Shitennō-ji in Osaka, bis 2006); shokunin-Tradition der Edo-Zeit (1603–1868); Titel Ningen Kokuhō (Lebender Nationalschatz) seit 1955. Afrika: die Nok-Kultur Nigerias zählt zu den frühesten eisenverarbeitenden Kulturen südlich der Sahara (1. Jahrtausend v. Chr.); nyamakalaw-Schmiede der Mande-Völker, Ogun-Kult der Yoruba. Australien: durchgehende Aboriginal-Kultur von einigen zehntausend Jahren; Stolen Generations ca. 1910–1970. Neuseeland: Maori-Einwanderung um 1300; Schnitztradition whakairo; Mäori Arts and Crafts Act 1926 auf Initiative von Sīr Apirana Ngata, Schnitzschule in Rotorua ab 1927 — heute am Te Puia als Te Wānanga Whakairo fortgeführt. Datums-, Alters- und Mengenangaben sind gerundete Richtwerte nach gängiger historischer Standardliteratur; Eckhuett-bezogene Angaben aus eigener Dokumentation.