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Eine Arbeit aus dem Haus · Essay

Wie die Kochkunst auseinanderlief.

Hand und Schmecken in zwei Welten. Eine kurze Geschichte des Kochens vom legendären Koch des Königs Tang bis zur Fermentation bei Noma — und warum die Frage, wer im Westen und wer im Osten den Herd in die Hand nahm, mehr über die jeweilige Kultur sagt als jeder Speiseplan.

I.  Der Koch des Prinzen Wenhui

Ein Messer, neunzehn Jahre nicht geschärft.

Im daoistischen Klassiker Zhuangzi, etwa aus dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeit, findet sich eine Anekdote, die die östliche Vorstellung vom Kochen prägnant fasst. Der Koch des Prinzen Wenhui zerlegt einen Ochsen mit solcher Geschicklichkeit, dass sein Messer in neunzehn Jahren nicht geschärft werden musste. Der Prinz fragt, wie das möglich sei. Der Koch antwortet, er folge nicht dem Fleisch, sondern dem Dao des Fleisches. Er arbeite nicht gegen das Material, sondern in seinem Sinn.

Diese Anekdote hat im Westen kein Pendant. Es gibt im Westen keine gleichrangige Stelle, an der ein Koch zur philosophischen Leitfigur wird, weil er versteht, was er kocht. Es gibt im Westen viele große Köche — aber sie sind Künstler, Innovatoren, Stilbildner. Sie sind nicht Weise.

Diese Differenz ist nicht zufällig. Sie verweist auf eine Grundtrennung, die in beiden Kulturen anders gehandhabt wurde: die Frage, ob Kochen Hand-Arbeit oder Geist-Arbeit ist, ob es Bürger- pflicht oder Spezialberuf ist, ob der Mann oder die Frau es macht. Auf diese drei Fragen haben Westen und Osten verschiedene Antworten gegeben — und damit zwei sehr unterschiedliche Geschichten der Kochkunst hervorgebracht.

II.  Wie der Westen die Kochkunst codifizierte

Vom römischen Apicius zur Brigade-Küche.

Die früheste überlieferte Kochbuch-Sammlung des Westens ist De re coquinaria, dem römischen Patrizier Marcus Gavius Apicius zugeschrieben (um 25 v. Chr. bis 37 n. Chr.). Sie listet etwa vierhundert Rezepte. Bemerkenswert: Apicius war kein Koch. Er war Auftraggeber. Die Küche, in der seine Rezepte zubereitet wurden, führten Sklaven. Diese Trennung — der Kunsthistoriker und Kochbuch-Autor auf der einen Seite, die ausführende Hand auf der anderen — ist von Beginn an in der westlichen Tradition angelegt.

Im Mittelalter wird diese Trennung modifiziert. In den Benediktinerklöstern entstehen Küchen, in denen Brennessel, Quecke und Wegerich zur Heilkost werden. Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) verbindet Kochkunst, Kräuterkunde und Theologie in einer Gesamtschau. Aber in den weltlichen Schichten bleibt Kochen Frauenarbeit: in den Bauernhäusern, in den bürgerlichen Haushalten, in den Adelsküchen mit ausnahme der höchsten Höfe.

An den Höfen entwickelt sich ab dem 14. Jahrhundert eine andere Linie. Der französische Koch Guillaume Tirel, genannt Taillevent (um 1310 bis 1395), schreibt das erste große Hofkochbuch (Le Viandier) und wird zum Vorbildtyp für eine neue soziale Figur: den Mann in der Höfischen Küche, der nicht ausführt, sondern erfindet. Diese Figur ist im Osten in dieser Form nicht entstanden.

Die eigentliche Codifikation der westlichen Kochkunst beginnt mit Marie-Antoine Carême (1784 bis 1833). Carême, geboren in bitterarmen Verhältnissen in Paris, während der Revolution ausgesetzt, kommt zufällig in eine Küchenlehre und wird zum gefragtesten Koch Europas. Er kocht für Talleyrand, für den russischen Zaren, für das englische Königshaus. Er veröffentlicht systematische Werke, in denen er die franzö- sische Küche als geschlossenes Lehrgebäude darstellt. Die grandes sauces, die Hierarchie der Züge, die Architektur des Menüs — das alles ist Carêmes Werk. Mit ihm wird die Küche zur akademischen Disziplin mit eigener Theorie.

Was Carême angelegt hat, vollendet Auguste Escoffier (1846 bis 1935). In Le Guide Culinaire (1903) systematisiert er die gesamte französische Küche. Wichtiger als das Werk selbst ist die Organisation, die er in den Küchen einführt: die brigade de cuisine. Eine Küche ist ein militärisches System mit Hierarchie, Spezialisierung, Befehlskette. Der chef de cuisine kommandiert; sous-chefs, chefs de partie, commis führen aus. Diese Struktur ist im Westen bis heute Standard, in jeder großen Hotelküche, in jedem Drei-Sterne- Restaurant.

Mit dem Michelin-Guide (ab 1900) und den Sterne-Hierarchien (drei Sterne ab 1933) wird die westliche Küche endgültig zu einer öffentlichen Bewertungs-Disziplin. Die Köche werden zu Personenmarken. Die Küchen werden zu Bühnen. Was zu Hause gekocht wird, gilt als Hausmannskost — ein Wort, das einen Niedrig-Status mitschwingt. Die Kochkunst ist entschieden gewandert: aus der häuslichen Frauenarbeit hin zur professionellen, männlich geprägten Künstler-Disziplin. Diese Wanderung prägt das westliche Bild des Kochens bis heute.

III.  Die andere Geschichte

Konfuzius am Reisbrei.

Im Osten verläuft die Geschichte anders. In den Analekten des Konfuzius (um 500 vor unserer Zeit) steht ein Satz, der westliche Leser bis heute irritiert: „Reis kann nicht zu weiß sein, gehackte Speise nicht zu fein." Der Satz ist nicht Genussvorschrift — er ist Tugendlehre. Wer Sorgfalt am Tisch nicht aufbringt, bringt sie auch anderswo nicht auf. Bei Konfuzius gehört die richtige Zubereitung der Mahlzeit zu den liu yi, den sechs Künsten, die zur Bildung des wahren Gelehrten gehören. Sie ist nicht Sklaven- arbeit, sondern Pflicht.

Schon vor Konfuzius gibt es eine legendäre Figur: Yi Yin, der Koch des Königs Tang, Begründer der Shang-Dynastie um 1600 vor unserer Zeit. Yi Yin wird in den Geschichtsannalen nicht als Koch dargestellt, der Speisen zubereitet, sondern als Koch, der die Reichsverwaltung mit den Mitteln des Kochens versteht. Aus seiner Lehre ist ein Satz überliefert: „Die Fünf Geschmacks-Richtungen, das Salzige, das Bittere, das Saure, das Scharfe, das Süße — sie haben jede ihre Zeit, und sie dürfen einander nicht überwältigen." Aus dieser Aussage ist später die ganze chinesische Kochphilosophie hervorgegangen.

Buddhistische Tempelküche — Shōjin Ryōri

Mit der Verbreitung des Buddhismus in China und später in Japan entsteht eine Kochtradition, die das Spirituelle mit dem Praktischen verbindet: Shōjin Ryōri, die buddhistische Tempelküche. Vegetarisch, saisonal, nach festen Regeln zubereitet. Im 13. Jahrhundert systematisiert sie der Zen-Meister Dōgen in seinem Tenzo Kyōkun (Anleitung für den Küchenmeister), einem der bemerkenswertesten Texte der Kochkultur weltweit. Für Dōgen ist die Arbeit des tenzo — des Klosterkochs — Meditation. Der Küchendienst wird in Zen-Klöstern nicht an Anfänger vergeben, sondern an erfahrene Mönche, die verstehen, was sie tun.

Sen no Rikyū und die Tee-Mahlzeit

Im 16. Jahrhundert entwickelt der Tee-Meister Sen no Rikyū (1522 bis 1591) die Tee-Zeremonie zu einer eigenen Kunstform. Zur Tee- Zeremonie gehört eine Mahlzeit — das kaiseki — die zur eigenen Disziplin wird. Kaiseki ist nicht ein Mahl, sondern eine choreografierte Folge kleiner Gänge, in denen jeder Aspekt — Saisonalität, Geschirr, Zubereitung, Tempo — bewusst gestaltet ist. Rikyūs Ästhetik des wabi-sabi — die Schönheit des Unvollkommenen, Asymmetrischen, Gebrauchten — prägt diese Küche bis heute.

Edo-Zeit — das itamae-Prinzip

Während des Edo-Zeitalters (1603 bis 1868) entsteht in Japan eine städtische Restaurant-Kultur. Mit ihr eine neue soziale Figur: der itamae, wörtlich der „Mann vor dem Brett". Der Sushi-Koch, der vor seinen Gästen arbeitet. Das ist eine Umkehrung der westlichen Brigade-Küche: Im Westen arbeitet die Küche hinter verschlossenen Türen; im Osten ist der Koch sichtbar, sein Werk geschieht im Blick der Gäste. Der itamae ist shokunin — Träger einer Berufsethik, die Lehre, Geduld und Charakter verbindet. Die Lehre dauert zehn Jahre, manchmal mehr.

Shoku iku — Ess-Bildung als Schulpflicht

2005 hat der japanische Staat das Konzept des shoku iku (Ess-Bildung) als Bestandteil der Schulpflicht verankert. Kinder lernen in der Schule nicht nur, was gesund ist, sondern wie ein Mahl zubereitet wird, woher die Lebensmittel kommen, wie sie zubereitet werden, in welcher Tradition sie stehen. Wer in Japan eine Schule besucht, hat Kochunterricht. Diese institutionelle Verankerung ist im Westen ohne Pendant. Sie zeigt, was die japanische Kultur für eine Bildungssache hält: dass das Verhältnis zum Essen zu den Grundlagen des Gebildet-Seins gehört.

Die östliche Küche ist nie aus der häuslichen Selbstverständlichkeit ausgewandert. Sie hat eine professionelle Hochkultur entwickelt — kaiseki, Sushi, regionales washoku, das 2013 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Aber sie hat nie aufgehört, in jeder Familienküche Pflicht zu sein. Wer in Japan kocht, ist Teil einer Tradition, die vom Tempelkoch bis zur Mutter alle Stufen der Kultur umspannt.

IV.  Was im 20. und 21. Jahrhundert geschah

Vier Bewegungen, ein Punkt.

Seit den 1970er Jahren haben sich beide Traditionen aufeinander zu bewegt. Was den Westen davon befreit hat, dass die Küche nur Brigade-Küche sein kann, und was den Osten davon befreit hat, dass das Kochen nur Pflicht sein kann, sind vier Bewegungen, die einander wechselseitig beeinflusst haben.

Nouvelle Cuisine — Frankreich, 1970er Jahre

Paul Bocuse, Michel Guérard, die Brüder Troisgros und andere französische Köche brechen mit dem schweren, saucenlastigen Stil Escoffiers. Sie plädieren für leichte Saucen, kurze Garzeiten, Saisonalität, Präsentation auf dem Teller statt im Servier-Becken. Was die Nouvelle Cuisine übersah, ist im Rückblick auffällig: Bocuse hatte in den 1960er Jahren in Japan gekocht, war von der dortigen Präsen- tation, von der Saisonalität, vom Respekt vor dem Material prägt. Die Nouvelle Cuisine ist eine westliche Antwort auf das, was im Osten längst Selbstverständlichkeit war.

Slow Food — Italien, 1986

Carlo Petrini gründet 1986 in Bra (Piemont) die Slow-Food- Bewegung, ausgelöst durch die geplante Eröffnung eines McDonald's an der Spanischen Treppe in Rom. Slow Food ist zunächst Protest, dann Bewegung, dann Institution. Sie verteidigt regionale Lebensmittel, traditionelle Zubereitungs- verfahren, biologische Vielfalt. Was Petrini anlegt, ist eine Westeuropäische Wiederentdeckung dessen, was Japan im washoku nie verloren hatte: die Verbindung zwischen Land, Tisch und Tradition. Die Slow-Food-Bewegung hat heute Mitglieder in über hundert Ländern.

Molekulare Küche und Fermentation — Spanien, 1990er; Skandinavien, 2000er

Ferran Adrià im katalanischen El Bulli entwickelt seit 1990 eine Küche, die mit chemischen und physikalischen Verfahren arbeitet — Spheren, Schäume, Texturen. Das wird gefeiert als Avantgarde und 2010 weitgehend wieder aufgegeben. Bedeutender ist ein anderer Strang, der zur selben Zeit beginnt: René Redzepi eröffnet 2003 in Kopenhagen das Noma und macht die nördliche Küche zur internationalen Disziplin. Ein Kernelement ist Fermentation — ein Prozess, der in Asien (Miso, Sojasauce, Kimchi, Natto) seit Jahrtausenden Hochkultur ist. Was Redzepi tut, ist diese asiatische Selbstverständlichkeit für die nördliche Pflanzenwelt zu entdecken: fermentierte Beeren, Gemüse, Wildkräuter. Das Noma-Fermentation- Cookbook (2018) ist heute Standardwerk.

Japanische Rückverankerung — Living National Treasures in der Küche

Im Osten gibt es seit den 1950er Jahren die Institution der Ningen Kokuhō (Lebende Nationalschätze) für Handwerk — Töpfer, Lackmaler, Färber. In den 1970er Jahren wird der Status auch für kulinarische Traditionen vergeben: für Sushi-Meister, für Kaiseki-Köche. 2013 wird washoku — die traditionelle japanische Küche — zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Das ist keine museale Bewahrung; es ist die institutionelle Anerkennung einer Selbstverständlichkeit, die ohne Anerkennung in der industriali- sierten Lebensmittelproduktion verloren gehen würde.

Die vier Bewegungen kommen sich entgegen. Was die Nouvelle Cuisine, Slow Food und Noma im Westen wieder hergestellt haben, ist verwandt mit dem, was Japan in washoku, kaiseki und shokunin-Tradition nie aufgegeben hat. Beide Traditionen treffen sich an der Stelle, an der das Kochen wieder als Beziehungs-Arbeit zwischen Mensch, Material und Zeit verstanden wird — nicht als Tu-Akt, in dem ein Endergebnis hergestellt wird.

V.  Das Haus

Was in der Eckhütt-Küche geschieht.

Eckhütt Eins hat eine Küche, kein Restaurant. Wer hier übernachtet, kocht selbst — mit den Lebensmitteln, die die Region liefert, mit den Werkzeugen, die im Haus sind, an dem Tisch, an dem im Lauf des Tages gegessen, gelesen, gesprochen wird. Das ist eine alltäglich-häusliche Praxis, die im Westen lange als Hausmannskost geringgeschätzt wurde und im Osten immer Teil des kulturellen Selbstverständnisses geblieben ist.

Was im Haus über das Selbstkochen hinaus angeboten wird, hat mit beiden Traditionen zu tun. Die Themenwoche Einkochen folgt der shoku iku-Logik: zu wissen, woher die Lebensmittel kommen, wie sie haltbar gemacht werden, in welcher Tradition sie stehen. Die Themenwoche Kräuter folgt der Linie, die von Hildegard von Bingen bis zu Yanagis Mingei über die Wertschätzung des Wildwuchses verbindet. In beiden Fällen geht es nicht um kulinarische Avantgarde, sondern um die Rückverbindung mit einer Praxis, die in den meisten kognitiven Berufen verloren gegangen ist.

Wer einen Tag lang in einer eigenen Küche kocht — Gemüse schneidet, Brühe zieht, Brot ansetzt —, arbeitet in derselben Schicht, in der Iriki den Affen die Harke gegeben hat: das Werkzeug wird Teil des Körpers, das Material wird Teil des Geistes. Das Schmecken ist nicht Belohnung am Ende; es ist die kontinuierliche Rückmeldung des Materials, ohne die die Arbeit gar nicht stattfinden würde.