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Eine Arbeit aus dem Haus · Chronik

Geschichte des Handwerks.

Zwei parallele Zeittafeln — Westen links, Osten rechts. In jedem Zeitabschnitt stehen sich die Knotenpunkte gegenüber, an denen sich die kulturelle Bewertung handwerklicher Arbeit verfestigt oder verschoben hat. Klick auf eine Box öffnet den Eintrag.

Die folgende Darstellung führt die westliche und die ostasiatische Geschichte des Handwerks parallel. Die Auswahl ist nicht erschöpfend; sie zeigt die Knotenpunkte, an denen sich die kulturelle Bewertung handwerklicher Arbeit verfestigt oder verschoben hat. Dort, wo der Westen das Handwerk abwertete, hat der Osten es weiter geehrt. Diese Asymmetrie ist nicht zufällig; sie ist die kulturhistorische Grundlage dafür, dass die Trennung zwischen Hand und Geist im Westen heute so wirksam ist und im Osten so viel weniger.

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Antike

bis 1. Jahrhundert v. Chr.
Westen
Um 600 v. Chr. Solon und das Handwerk in Athen

Solon, athenischer Reformer, erlässt Gesetze, die Söhne von ihren Vätern lernen lassen, ein Handwerk auszuüben. Wer keinen Beruf lehrt, verliert das Recht auf Versorgung im Alter. Handwerk ist in der frühen griechischen Polis ein bürgerliches Recht und eine Pflicht.

5. Jahrhundert v. Chr. Sokrates

Sokrates ist Steinmetz, bevor er Philosoph wird. Er verschweigt das nicht, sondern bezieht sich darauf in seinen Gesprächen. Die handwerkliche Arbeit ist ihm Quelle der Selbstkenntnis.

Um 380 v. Chr. Platon, Politeia

Platon entwickelt seine Lehre der Stände. Die Handwerker bilden den dritten Stand, unter den Wächtern und Philosophen. Sie sind die Versorger, nicht die Denker. Die Hierarchie ist erstmals systematisch formuliert.

Um 330 v. Chr. Aristoteles, Politik

Aristoteles mildert die Hierarchie. Handwerk gehört für ihn zum vollendeten Leben, aber er argumentiert, dass der Handwerker nicht zugleich Bürger sein kann, weil ihm die Muße zur politischen Reflexion fehle. Die Trennung wird festgeschrieben, auch wenn das Handwerk noch geehrt wird.

1. Jahrhundert v. Chr. Cicero, De officiis

Cicero unterscheidet artes liberales (Künste der Freien) und artes sordidae (niedere Künste). Handwerk wird den niederen Künsten zugeordnet, neben Lohnarbeit und Handel. Die Wertung ist römisch-aristokratisch und prägt die europäische Vorstellung für die nächsten zweitausend Jahre.

Osten
11.–6. Jahrhundert v. Chr. Zhou-Dynastie, Kaogong ji

In der späten Zhou-Zeit wird das Kaogong ji verfasst, der älteste systematische Handwerks-Text Chinas. Er beschreibt die Verfahren des Bronzegusses, der Gerberei, des Wagenbaus, der Bogenmacherei. Der Text ist nicht eine Anleitung, sondern eine philosophische Reflexion über das Verhältnis von Material, Maß und Mensch. Handwerk wird als gelehrte Disziplin verstanden.

5. Jahrhundert v. Chr. Konfuzius — liu yi

Konfuzius lehrt die liu yi, die sechs Künste, die zur Bildung des wahren Gelehrten gehören: Riten, Musik, Bogenschießen, Wagenfahren, Kalligraphie und Mathematik. Vier der sechs sind körperliche Künste. Der gebildete Mann ist nicht ein reiner Geist, sondern ein in allen Dimensionen geübter Mensch.

6. – 4. Jahrhundert v. Chr. Lao Tzu — Daodejing und wuwei

Im daoistischen Klassiker Daodejing, traditionell Lao Tzu zugeschrieben, wird der Begriff wuwei entwickelt — das nicht-erzwingende Handeln. Der Handwerker, der dem Material folgt statt es zu zwingen, wird zur philosophischen Leitfigur. Diese Haltung trägt die ostasiatische Handwerksethik bis heute: nicht gegen das Material zu arbeiten, sondern in seinem Sinn. Die Anekdote vom Koch des Prinzen Wenhui im Zhuangzi ist die berühmteste Verbildlichung dieses Prinzips.

4. Jahrhundert v. Chr. Zhuangzi — der Koch des Prinzen Wenhui

Im daoistischen Klassiker Zhuangzi findet sich die Anekdote vom Koch des Prinzen Wenhui, der einen Ochsen so geschickt zerlegt, dass sein Messer in neunzehn Jahren nicht geschärft werden musste. Der Koch erklärt: er folge nicht dem Fleisch, sondern dem Dao des Fleisches. Handwerk wird zur spirituellen Praxis erklärt.

Frühes Mittelalter

6. – 12. Jahrhundert
Westen
Um 800 Karl der Große — ora et labora

Im Frankenreich werden Klöster zu Zentren von Handwerk und Gelehrsamkeit zugleich. Benediktiner verbinden in ihrer Regel ora et labora — Gebet und Arbeit. Diese Phase ist eine der wenigen im Westen, in denen Handwerk und geistige Arbeit nicht hierarchisch getrennt sind.

12. Jahrhundert Hugo von St. Viktor, Didascalicon

Hugo von St. Viktor entwickelt eine Wissenschaftssystematik, die sieben artes mechanicae (mechanische Künste) den sieben artes liberales gegenüberstellt. Die artes mechanicae — Weberei, Waffenkunst, Seefahrt, Landwirtschaft, Jagd, Medizin, Theaterkunst — werden als niederer eingestuft. Die Trennung wird zur Schule.

Osten
6. – 8. Jahrhundert Buddhismus und Tempelbau

Mit der Verbreitung des Buddhismus in China, Korea und Japan entsteht eine Tradition des sakralen Tempelbaus. Die Schreiner-Meister, die diese Tempel bauen — etwa die Familie Kongō Gumi in Japan, gegründet 578 — werden zu Trägern hoch spezialisierten Wissens. Kongō Gumi ist bis 2006 als ältestes durchgehend bestehendes Unternehmen der Welt aktiv, vierzehnhundertachtundzwanzig Jahre lang.

607 Hōryū-ji — älteste Holzkonstruktion der Welt

Im Japan der Asuka-Zeit wird der Hōryū-ji als buddhistischer Tempelkomplex bei Nara errichtet. Seine Pagode und Haupthalle sind die ältesten erhaltenen Holzkonstruktionen der Welt — sie stehen seit vierzehnhundert Jahren. Die Schreinerkunst, die diese Bauten getragen hat, ist in unmittelbarer Lehrlinie an die Familie Kongō Gumi und ihre Werkstätten weitergegeben worden. Der Hōryō-ji ist materielles Zeugnis dafür, dass eine Handwerks-Tradition, wenn sie geehrt wird, über mehr als ein Jahrtausend tragen kann.

8. Jahrhundert Tang-Dynastie — Höhepunkt der Handwerkskunst

In der chinesischen Tang-Zeit erreicht die Handwerkskunst einen Höhepunkt. Porzellan, Seide, Metallarbeiten werden zu Exportgütern, die über die Seidenstraße bis nach Europa reichen. Das chinesische Handwerk ist dem westlichen technologisch jahrhundertelang voraus.

Hochmittelalter und Renaissance

12. – 16. Jahrhundert
Westen
13. Jahrhundert Aufstieg der Zünfte

In den europäischen Städten organisieren sich Handwerker in Zünften. Die Zunft ist mehr als ein Berufsverband; sie ist eine soziale, religiöse und ethische Gemeinschaft. Der Geselle wandert auf Walz, der Meister bildet aus, das Werkstück wird zum Prüfstein. Das Handwerk hat in dieser Zeit hohen sozialen Status, auch wenn die akademische Hierarchie es weiter unter den freien Künsten verortet.

14. – 15. Jahrhundert Renaissance — Brunelleschi und Leonardo

In Italien entsteht eine neue Verbindung von Handwerk und Wissenschaft. Filippo Brunelleschi, Künstler und Ingenieur, baut die Kuppel des Doms von Florenz. Leonardo da Vinci versteht sich als Maler, Bildhauer, Ingenieur, Anatom — die Trennung wird durchbrochen, aber nur in einer kulturellen Elite. Die Werkstätten sind Bildungsorte, nicht bloß Produktionsstätten.

Osten
12. – 14. Jahrhundert Song-Dynastie

Die Song-Zeit gilt als Höhepunkt der chinesischen Handwerks-Kultur. Porzellan aus Jingdezhen, Tuschmalerei, Buchdruck, Astronomieinstrumente, Schiffsbau — die Verbindung von Hochkultur und handwerklicher Präzision ist in dieser Zeit besonders eng. Die kaiserlichen Werkstätten werden von Gelehrten geleitet.

13. – 14. Jahrhundert Masamune und die Schwertschmiede der Kamakura-Zeit

In der Kamakura-Zeit (1185 bis 1333) erreicht die japanische Schwertschmiedekunst ihren Höhepunkt. Goro Nyudo Masamune (1264 bis 1343) gilt als der bedeutendste Schwertschmied der japanischen Geschichte. Seine erhaltenen Klingen werden später zu Nationalschätzen erklärt; die Falt- und Härtetechniken, die in seiner Werkstatt entwickelt werden, prägen das japanische Verständnis von Handwerk als spirituelle Disziplin. Die Schwert-Schmiedekunst gilt nicht als Nebenberuf, sondern als gleichrangig mit den klassisch gelehrten Künsten.

13. – 16. Jahrhundert Japan, Muromachi-Zeit — Sen no Rikyū

In Japan entsteht in dieser Zeit die Tee-Kultur und mit ihr die Wertschätzung handgemachter Teeschalen. Die Schalen der Raku-Familie werden zu Objekten, die ein Vermögen kosten. Der Töpfer ist kein Hilfshandwerker, sondern Künstler von höchstem Rang. Der Tee-Meister Sen no Rikyū (1522 bis 1591) entwickelt die Ästhetik des wabi-sabi — die Schönheit des Unvollkommenen, des Handgemachten, des Asymmetrischen.

Frühe Neuzeit

16. – 18. Jahrhundert
Westen
16. Jahrhundert Reformation — Beruf als Berufung

Die protestantische Arbeitsethik adelt die Berufsarbeit. Martin Luther und Johannes Calvin werten den Handwerker theologisch auf — der Beruf wird zur Berufung. Aber die akademische Hierarchie bleibt bestehen; das Handwerk wird ehrenwert, nicht gleichwertig.

17. – 18. Jahrhundert Aufklärung — Diderots Encyclopédie

Die Encyclopédie von Diderot und d'Alembert dokumentiert ab 1751 die handwerklichen Verfahren mit beispielloser Genauigkeit — Tausende von Tafeln zeigen Werkzeuge, Werkstätten, Verfahren. Diderot würdigt das Handwerk als Wissensform. Aber zugleich entsteht in der Aufklärung das moderne Universitätsideal, das die Wissensproduktion vom Handwerk trennt.

Osten
17. Jahrhundert Edo-Zeit Japans — shokunin

Während des Edo-Zeitalters (1603 bis 1868) entsteht in Japan eine reiche städtische Handwerkskultur. Die Handwerker bilden eine eigene gesellschaftliche Klasse, die shokunin. Der shokunin ist nicht nur Handwerker, sondern Träger einer Ethik. Die Lehre dauert bis zu zehn Jahre, die Beziehung zwischen Meister und Schüler ist quasi familiär.

1558 – 1637 Hon'ami Kōetsu — Begründer der Rinpa-Schule

Hon'ami Kōetsu war Schwert-Schätzer von Beruf, aber zugleich Töpfer, Lackmaler, Kalligraf und Begründer der Rinpa-Schule. Er steht für eine in Japan verbreitete Selbstverständlichkeit, die der Westen kaum kennt: dass eine Person mehrere Handwerkskünste auf höchstem Niveau betreibt, ohne eine als „eigentlich“ zu privilegieren. Sein Atelier-Dorf Takagamine bei Kyoto wurde zum Modell für die rinpa-Tradition der nächsten zweihundert Jahre.

1637 Ming und Qing — Tiangong Kaiwu

Das Tiangong Kaiwu, ein 1637 von Song Yingxing veröffentlichtes enzyklopädisches Werk, dokumentiert die handwerklichen und industriellen Verfahren Chinas. Es ist eines der bedeutendsten Werke seiner Art weltweit, und es wird mit Respekt von gelehrten Kreisen rezipiert.

Industrielles Zeitalter

18. – 20. Jahrhundert
Westen
Ab 1760 Industrielle Revolution

Die Industrialisierung entwertet das Handwerk ökonomisch. Was Generationen von Handwerkern in jahrelanger Lehre lernten, wird durch Maschinen ersetzt, die ungelernte Arbeiter bedienen. Die Zünfte werden im 19. Jahrhundert nach und nach abgeschafft. Der Handwerker verliert seinen Status als Träger spezialisierten Wissens.

1851 Weltausstellung London — Crystal Palace

Die erste Weltausstellung präsentiert die Triumphe der Industrie. Handwerkliche Erzeugnisse werden noch gezeigt, aber als Antiquitäten gegenüber dem Maschinenfortschritt. Die Trennung zwischen Industrie und Handwerk wird kulturell sichtbar.

1861 William Morris — Arts and Crafts

Als Gegenreaktion zur industriellen Massenproduktion gründet William Morris in England die Arts-and-Crafts-Bewegung. Sie versucht, Handwerk und Kunst wieder zu verbinden, scheitert ökonomisch, prägt aber ästhetisch das 20. Jahrhundert.

1919 Bauhaus — Walter Gropius

Walter Gropius gründet in Weimar das Bauhaus mit dem Programm, Kunst und Handwerk zu vereinen. Jeder Student lernt zuerst eine handwerkliche Tätigkeit, bevor er gestalterisch arbeitet. Das Bauhaus ist eine der seltenen Institutionen des 20. Jahrhunderts, in denen die Trennung zwischen Hand und Geist programmatisch aufgehoben wird. Es wird 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen.

Osten
Mitte 19. Jahrhundert Begegnung mit dem Westen — Meiji-Restauration

Mit der Öffnung Japans 1853 und dem Opium-Krieg in China beginnt die Begegnung der ostasiatischen Handwerkskulturen mit der westlichen Industrie. In Japan entsteht in der Meiji-Restauration ab 1868 ein doppelter Prozess: Modernisierung der Industrie und gleichzeitige Bewahrung der traditionellen Handwerke.

1873 Wiener Weltausstellung — Japonismus

Auf der Wiener Weltausstellung präsentiert Japan zum ersten Mal in großem Umfang traditionelles Handwerk vor europäischem Publikum — Lackarbeiten, Keramik, Holzschnitte, Textilien. Der Japonismus, der daraus entsteht, prägt europäische Kunst und Design bis weit ins 20. Jahrhundert. Spiegelbildlich zur Crystal-Palace-Schau von 1851: dort wird die Industrie als Triumph gezeigt, hier das Handwerk als kulturelle Selbstverständlichkeit. Beides erkennt der Westen erst, als es im eigenen Haus verloren geht.

1887 – 1979 Bernard Leach — Brücke zwischen Ost und West

Der britische Töpfer Bernard Leach reist 1909 nach Japan, lernt dort die Töpferei aus erster Hand, lebt elf Jahre in Tokio, freundet sich mit Yanagi Sōetsu und Hamada Shōji an. 1920 gründet er mit Hamada in St. Ives die Leach Pottery. Sein A Potter's Book (1940) wird zur Brücke zwischen Mingei-Bewegung und westlicher Studio-Pottery — die seltene Figur, die in beiden Handwerks-Welten zu Hause ist. Leach schreibt später, was er in Japan gelernt habe, lasse sich in einem Satz fassen: dass das Handwerk dort kein niederer Beruf ist, sondern eine Form, sich selbst zu kennen.

1925 Yanagi Sōetsu — Mingei-Bewegung

Yanagi Sōetsu, japanischer Philosoph, gründet die Mingei-Bewegung — die Volkskunst-Bewegung. Yanagi argumentiert, dass im Alltagsgegenstand des ungenannten Handwerkers eine Form von Schönheit lebt, die der Hochkunst ebenbürtig ist. Sein Buch The Unknown Craftsman wird zum Klassiker. In Tokio gründet er das Japanische Volkskunst-Museum.

Gegenwart

20. – 21. Jahrhundert
Westen
2. Hälfte 20. Jhd. Wissensökonomie

Die westlichen Volkswirtschaften strukturieren sich um Dienstleistungs- und Wissensarbeit. Handwerk wird ökonomisch zur Restgröße. Die Trennung zwischen kognitiv arbeitenden Berufen und manuell arbeitenden Berufen verfestigt sich auch im Bildungssystem: Gymnasium und Universität auf der einen Seite, Hauptschule und Berufsausbildung auf der anderen.

1990er Jahre Maker-Bewegung — Renaissance des Handwerks

Mit dem Bewusstsein für ökologische Nachhaltigkeit und mit der digitalen Sehnsucht nach physischer Tätigkeit entsteht eine Bewegung, die das Handwerk neu sucht. Maker Spaces, Slow-Movement, Tiny-House-Bewegung, urbanes Imkern, das eigene Backen — die Hand wird wiederentdeckt, aber als Liebhaberei, nicht als Beruf.

Seit 2000 Wilson, Sennett, Crawford

Frank Wilson veröffentlicht The Hand (1998), Richard Sennett The Craftsman (2008), Matthew Crawford Shop Class as Soulcraft (2009). Die intellektuelle Wertschätzung des Handwerks kehrt zurück, aber als akademische Reflexion, nicht als gesellschaftliche Praxis.

Osten
1955 Ningen Kokuhō — Living National Treasures

Der japanische Staat schafft den Titel Ningen Kokuhō — Lebender Nationalschatz. Er wird an Personen vergeben, die ein traditionelles Handwerk auf höchstem Niveau beherrschen. Töpfer, Lackmaler, Papierschöpfer, Schwertschmiede, Färber werden geehrt wie Universitätsprofessoren. Die Institution drückt aus, was nie infrage stand: Handwerk und Gelehrsamkeit sind gleichwertige Formen kultureller Höchstleistung.

1955 Hamada Shōji

Der Töpfer Hamada Shōji erhält als einer der ersten den Titel des Lebenden Nationalschatzes. Er ist zugleich Schüler des britischen Töpfers Bernard Leach und Theoretiker der internationalen Studio Pottery-Bewegung. Seine Schriften werden an Universitäten gelesen.

Spätes 20. Jhd. Globalisierung und Bewahrung

Während die japanische und chinesische Industrie zu Weltführern werden, bleiben die traditionellen Handwerke staatlich gefördert. In Japan gibt es heute über hundert Lebende Nationalschätze. In Korea existiert eine vergleichbare Institution. In China werden seit den 2000er Jahren systematisch immaterielle Kulturerben registriert.

21. Jahrhundert Renaissance traditioneller Handwerke

Die handwerklichen Traditionen werden in Ostasien neu gesucht — nicht als Liebhaberei, sondern als kulturelle Identität. Junge Menschen entscheiden sich, einen shokunin zu werden. Die jahrelange Lehre ist anstrengend, aber sie verleiht einen Status, der mit dem eines Akademikers vergleichbar ist.

Befund

Was die Parallele zeigt.

In der Antike sind Westen und Osten nicht so weit voneinander entfernt. In Athen, in Rom und in der Zhou-Zeit gibt es jeweils eine bürgerliche Wertschätzung des Handwerks, auch wenn die griechische Tradition früh hierarchische Tendenzen entwickelt.

Die entscheidende Verschiebung kommt im westlichen Mittelalter mit der scholastischen Trennung der artes liberales von den artes mechanicae. Diese Trennung gibt es im Osten nicht. Konfuzius hat sie nicht gemacht, der Daoismus hat sie nicht gemacht, die buddhistische Tradition hat sie nicht gemacht.

Während der Westen das Handwerk in der industriellen Revolution ökonomisch entwertet und in der Wissensökonomie kulturell, hat der Osten die handwerklichen Traditionen staatlich geschützt und intellektuell weiter geehrt. Yanagis Mingei-Bewegung und die japanischen Lebenden Nationalschätze sind keine museale Bewahrung; sie sind die Fortsetzung einer kulturellen Selbstverständlichkeit, die der Westen verloren hat.

Die Forschung des 20. Jahrhunderts — Wilson, Csikszentmihalyi, Sennett — zeigt, dass die westliche Trennung anthropologisch nicht trägt. Die Hand ist ein Erkenntnisorgan. Das Handwerk ist eine Schule des Denkens. Was die ostasiatischen Kulturen nie verloren haben, muss der Westen wiederfinden — wenn er es will.

Quellen & Belege

Die Chronik fasst gut dokumentierte Kultur-, Wirtschafts- und Handwerksgeschichte zusammen. Belegte Einzelanker u. a.: Kongō Gumi (gegründet 578, bis zur Eingliederung in die Takamatsu-Gruppe 2006 das älteste durchgehend tätige Unternehmen der Welt); Hōryū-ji (607, eine der ältesten erhaltenen Holzkonstruktionen der Welt, UNESCO-Welterbe); Masamune und die Schwertschmiede der Kamakura-Zeit (1185–1333); Diderot/d’Alembert, Encyclopédie (ab 1751); Song Yingxing, Tiangong Kaiwu (1637); Weltausstellung London / Crystal Palace (1851); William Morris und die Arts-and-Crafts-Bewegung (ab 1861); Bauhaus (1919); Bernard Leach (1887–1979); Yanagi Sōetsu und die Mingei-Bewegung (ab 1925); japanisches Kulturgüterschutzgesetz und der Titel Ningen Kokuhō (erste Ernennungen 1955, darunter Hamada Shōji); Frank R. Wilson, Richard Sennett, Matthew B. Crawford (ab 2000). Antike und Mittelalter (Solon, Platon, Aristoteles, Cicero, Hugo von St. Viktor, europäisches Zunftwesen) nach Standard-Referenzwerken. Fakten zu Eckhütt Eins aus eigener Dokumentation.