Westliche Alchemie · Sieben Geschichten
Eins
Maria die Jüdin und die Geburt des Wasserbads.
Im ersten oder zweiten Jahrhundert unserer Zeit lebte in Alexandria
eine Frau, von der wir nur wenig wissen — und gerade deshalb
umso mehr. Ihr Name war Maria. Die Quellen nennen sie Maria die
Jüdin, Maria die Prophetin, Maria die
Hebräerin. Sie war Jüdin, lebte im multikulturellen
Alexandria der römischen Kaiserzeit und führte dort eine
Schule für etwas, das später Alchemie genannt
werden sollte. Was wir über sie wissen, verdanken wir Zosimos
von Panopolis, der sie dreihundert Jahre nach ihr als die
göttliche Maria zitierte und ihre Apparate beschrieb.
Maria war keine Theoretikerin, sondern Praktikerin. Sie baute
Geräte. Drei davon haben sich bis heute gehalten. Das erste
war der Tribikos, ein dreiarmiger Destillierhelm aus Glas.
Das zweite der Kerotakis, ein abgedichteter Behälter
zum Sublimieren von Metallen. Das dritte aber ist berühmter
geworden als die ersten beiden: das Wasserbad. Maria hatte erkannt,
dass manche Stoffe nicht mit direkter Hitze behandelt werden
können — sie verbrennen oder zersetzen sich. Wenn man
sie aber in einem Gefäß über kochendem Wasser
erhitzt, bleibt die Temperatur konstant bei hundert Grad. Das
Verfahren ging in die französische Küche ein als
bain-marie — Marias Bad.
Wer heute Schokolade über einem Wasserbad schmilzt, vollzieht
eine Geste, die zweitausend Jahre alt ist. Der Name der Erfinderin
steht in jeder französischen Küche. Aber die meisten, die
das Wort benutzen, wissen nicht, wer Maria war. Was Maria von den
Alchemisten der späteren Jahrhunderte unterscheidet, ist der
praktische Zugang. Ihre Sätze, die uns in Bruchstücken
überliefert sind, klingen nicht wie Mystik, sondern wie
Handwerksregeln. Einer dieser Sätze ist berühmt geworden,
als das Axiom der Maria: Eines wird zwei, zwei wird
drei, und aus dem dritten wird das eine als das vierte. C. G.
Jung, der im 20. Jahrhundert die Alchemie wieder ans Licht hob,
hat dieses Axiom als Grundformel der seelischen Verwandlung gelesen.
Zwei
Jabir ibn Hayyan und das Phantom.
Im achten Jahrhundert lebte in Bagdad ein Mann namens Jabir ibn
Hayyan, der die westliche Alchemie für die nächsten
tausend Jahre prägte. Mindestens. Möglicherweise hat er
nie gelebt.
Die Schriften, die unter seinem Namen überliefert sind,
umfassen mehrere tausend Werke — eine schiere Menge, die ein
einzelner Mann in einem einzelnen Leben nicht hätte verfassen
können. Sie behandeln Alchemie, Astronomie, Medizin,
Pharmakologie, Mineralogie, Mathematik, Mystik. Sie sind in einem
so einheitlichen Stil geschrieben, dass die mittelalterlichen
Leser sie als Werk eines einzigen Autors verstanden.
Im 20. Jahrhundert begann die wissenschaftliche Aufarbeitung der
Quellen. Der deutsch-jüdische Orientalist Paul Kraus, der in
den 1930er Jahren in Kairo arbeitete, untersuchte die Schriften
systematisch. Sein Befund, 1942 veröffentlicht, war
ernüchternd: Die Schriften konnten nicht von einem einzelnen
Mann stammen. Sie waren über zwei oder drei Jahrhunderte
hinweg verfasst worden, von verschiedenen Händen, in
verschiedenen Schulen — vermutlich von einer ismailitischen
Geheimgesellschaft im 9. und 10. Jahrhundert.
Was diese Schule entwickelt hat, ist bemerkenswert. Im Werk Jabirs
taucht zum ersten Mal die Theorie auf, dass Metalle aus zwei
Grundprinzipien bestehen — dem Schwefel und dem Quecksilber.
Diese Theorie hat die westliche Alchemie für tausend Jahre
geprägt; sie wurde von den lateinischen Alchemisten des
Mittelalters übernommen und steht noch in den Schriften
Newtons. Im Werk Jabirs wird auch zum ersten Mal die Idee
formuliert, dass die Stoffe der materiellen Welt sich in Tabellen
ordnen lassen — eine Vorform dessen, was nach 1869 als
Periodensystem der Elemente bekannt wurde.
Wer war dieser Jabir? Vermutlich nie ein einziger Mensch. Die
wissenschaftliche Tradition, auf der die moderne Chemie ruht,
beginnt mit einer Person, die wir nicht greifen können
— die vielleicht nie war.
Drei
Nicolas Flamel und die größte Fälschung der Alchemie.
Im Jahr 1330 erwarb der Pariser Buchhändler und Schreiber
Nicolas Flamel ein altes Buch in arabischen Schriftzeichen. Vierundzwanzig Jahre später, so erzählt die Legende, gelang
es ihm, mithilfe eines spanisch-jüdischen Gelehrten den Code
zu lösen. Es handelte sich um eine alchemistische Anleitung
zur Herstellung des Steins der Weisen. Am 17. Januar 1382 —
die Legende ist da sehr genau — gelang Flamel die
Transmutation: Er verwandelte Quecksilber in Silber. Drei Monate
später, am 25. April, schaffte er es ein zweites Mal, diesmal
mit Gold.
Flamel und seine Frau Perenelle stifteten in den folgenden
Jahrzehnten in Paris insgesamt vierzehn Hospitäler, drei
Kapellen, zahlreiche Häuser für Arme. Ihr Reichtum war
legendär. Nach Flamels Tod 1418 berichteten Augenzeugen, sie
hätten ihn lebendig in fernen Ländern wiedergetroffen
— ihm habe das Elixier des Lebens das ewige Leben gewährt.
Es gibt nur ein Problem. Nicolas Flamel hat vermutlich nie Alchemie
betrieben. Die historische Recherche zeigt: Flamel war ein
wohlhabender Pariser Bürger, Schreiber und Buchhändler an
der Sorbonne, der durch seine Frau ein beträchtliches
Vermögen geerbt hatte. Die karitativen Stiftungen sind gut
dokumentiert — aber sie waren nicht ungewöhnlich für
ein vermögendes Pariser Bürgerpaar dieser Zeit.
Was die alchemistische Legende angeht, so ist sie deutlich später
entstanden. Erst 1612, fast zweihundert Jahre nach Flamels Tod,
erschien in Paris ein Buch mit dem Titel Le Livre des Figures
Hieroglyphiques, das angeblich von Flamel selbst verfasst war.
Das Buch ist eine Fälschung. Trotzdem hat die Legende Wirkung
gehabt. Isaac Newton hat die Schriften Flamels gelesen und in
seinen alchemistischen Notizen mehrfach erwähnt. J. K. Rowling
hat Flamel in den ersten Harry-Potter-Roman geschrieben. Der
historische Flamel war ein Mann, der durch Heirat reich wurde und
sein Geld großzügig verteilte. Der mythische Flamel war
ein Goldmacher. Die Alchemie hat ihn sich genommen, weil sie ihn
brauchte.
Vier
Paracelsus und die Geburt der Pharmazie.
1493 wurde im schweizerischen Einsiedeln ein Junge geboren, der
einen unaussprechlich langen Namen erhielt: Philippus Aureolus
Theophrastus Bombast von Hohenheim. Später nannte er sich
selbst Paracelsus — gleich Celsus —, in
Anlehnung an den römischen Mediziner Aulus Cornelius Celsus.
Er meinte damit nicht: ich bin so gut wie Celsus. Er meinte: ich
bin besser.
Paracelsus war einer der schwierigsten Menschen, die die
Wissenschaftsgeschichte kennt. Er war streitsüchtig, betrunken,
oft obdachlos, von kurzem Wuchs und langen Haaren, und er
beleidigte fast jeden, der mit ihm zu tun hatte. Er verbrannte
1527 in Basel die Canones des Avicenna und das Corpus
Medicum des Galen auf öffentlichem Marktplatz, weil sie
ihm überholt erschienen. Er wurde aus Basel verjagt, dann aus
Straßburg, dann aus Nürnberg. Er starb 1541 in Salzburg,
mit siebenundvierzig Jahren, unter ungeklärten Umständen.
Was Paracelsus in seinem kurzen, lärmenden Leben getan hat,
ist nichts weniger als die Geburt der modernen Pharmazie. Aus
seinen alchemistischen Studien hatte er gelernt, dass Mineralien
und Metalle in präzisen Dosen gegen bestimmte Krankheiten
wirken konnten. Er führte das Quecksilber gegen Syphilis ein,
das Antimon gegen Fieber, und destillierte aus Mohnsaft eine
alkoholische Tinktur, die er Laudanum nannte — die
berühmte Opiumtinktur, die noch im 19. Jahrhundert in jedem
Apothekerschrank stand und die Romantik in einen kollektiven
Halbschlaf versetzte.
Sein zentrales Konzept war die Arznei-Gabe: Alle
Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht,
dass ein Ding kein Gift ist. Dieser Satz, den Paracelsus 1538
formulierte, ist die Grundlage der modernen Toxikologie und
Pharmakologie. Die iatrochemia — die Heilchemie des
Paracelsus — blieb in der akademischen Medizin stehen. Aus
ihr wurde die moderne Pharmazie.
Fünf
Tycho und Sophie Brahe — die Schwester im Schatten.
Auf der dänischen Insel Hven, im Sund zwischen Kopenhagen und
Helsingborg, ließ König Friedrich II. von Dänemark
im Jahr 1576 eine Burg bauen, die er einem Astronomen schenkte.
Der Astronom war Tycho Brahe, geboren 1546. Die Burg hieß
Uraniborg — Stadt der Urania, der Muse der Astronomie. Sie
war zugleich Sternwarte, Druckerei und alchemistische Werkstatt.
Tycho Brahe ist berühmt geworden für seine astronomischen
Beobachtungen. Was weniger bekannt ist: Im Untergeschoss der Burg
betrieb er eines der größten alchemistischen Laboratorien
Europas. Astronomie und Alchemie waren für ihn zwei Seiten
desselben Werks: die Beobachtung der Himmelskörper oben und
die Verwandlung der irdischen Materie unten.
In Uraniborg arbeitete jemand, dessen Anteil bis vor kurzem kaum
bekannt war: Tychos jüngere Schwester Sophie Brahe, geboren
1556. Sophie war als Frau formal von der Wissenschaft ausgeschlossen
— sie konnte keine Universität besuchen, war kein
Mitglied einer wissenschaftlichen Akademie, und ihr Name erschien
nicht auf den Publikationen, die aus Uraniborg kamen. Aber sie
arbeitete dort. In den Briefen Tychos und in Berichten zeitgenössischer
Besucher wird sie als seine engste Mitarbeiterin beschrieben.
Sophie war Astronomin und Alchemistin in einer Person. Sie
führte Beobachtungen für ihren Bruder durch und betrieb
ihre eigenen alchemistischen Experimente. Nach Tychos Tod 1601
setzte sie ihre Arbeit fort, oft unter schwierigen Bedingungen.
Ihre alchemistischen und astronomischen Schriften sind weitgehend
verloren. Was lange als die Genialität eines Mannes
galt, war in Wirklichkeit die Arbeit zweier Geschwister
— und von denen einer, weil er Mann war, in die
Wissenschaftsgeschichte einging, während die andere, weil sie
Frau war, fast unsichtbar blieb. Die Alchemie war immer zur
Hälfte weiblich. Die Geschichte, die wir von ihr erzählen,
ist es nicht.
Sechs
Newton, der heimliche Alchemist.
Im Sommer 1936 ging in London bei Sotheby’s eine Auktion zu
Ende, die kaum Aufsehen erregt hatte. Versteigert wurden Manuskripte
aus dem Nachlass eines englischen Wissenschaftlers, die fast
zweieinhalb Jahrhunderte unbeachtet in der Bibliothek der Familie
Portsmouth gelegen hatten. Die Manuskripte waren der Privatnachlass
von Sir Isaac Newton.
Was die Käufer fanden, als sie ihre erworbenen Konvolute
öffneten, war eine Sensation: über eine Million Wörter
handschriftlicher Notizen, die nichts mit Physik zu tun hatten.
Sie behandelten Alchemie. Newton hatte sein Leben lang im Geheimen
alchemistische Studien betrieben — über vierzig Jahre
lang. Der Ökonom John Maynard Keynes, der einen großen
Teil der Manuskripte ersteigerte, hielt 1942 vor der Royal Society
einen Vortrag, der die Newton-Forschung erschütterte.
Newton was not the first of the age of reason, sagte
Keynes. He was the last of the magicians.
Was Newton tatsächlich tat, war ein zweifaches Leben. Tagsüber
war er Lucasian Professor of Mathematics in Cambridge. Nachts war
er Alchemist, in seinem Labor in Trinity College, mit Schmelztiegel
und Destillierapparat. Es gibt eine Anekdote, die in Newtons
Notizen steht und die sein Doppelleben in einem Satz zeigt. Im
Februar 1693 schrieb Newton in einem Brief an seinen Freund John
Locke, dass er an Schlaflosigkeit und nervöser Erschöpfung
leide. Er hatte in den vorhergehenden Monaten experimentell mit
Quecksilber gearbeitet, oft mit ungeschützten Händen und
ohne Belüftung. Quecksilbervergiftung verursacht genau die
Symptome, die Newton beschreibt. Die moderne Medizin nimmt heute
an, dass Newton in dieser Zeit unter einer schweren Quecksilbervergiftung
litt.
Was Newton in der Alchemie suchte, war nicht primär Gold. Er
suchte das prinzipium individuationis — die
Substanz, die hinter allen Substanzen steht, die Verwandlung als
Prinzip. Sein Programm war nicht weit entfernt von dem, was die
moderne Quantenphysik seither tatsächlich entdeckt hat: dass
alle Materie auf wenige Grundbausteine zurückgeht, die ineinander
umgewandelt werden können.
Sieben
Mary Anne Atwood und das verbrannte Buch.
Im Frühjahr 1850 erschien in London anonym ein Buch mit dem
Titel A Suggestive Inquiry into the Hermetic Mystery. Die
Verfasserin war eine zweiunddreißigjährige Frau namens
Mary Anne South, Tochter eines wohlhabenden Privatgelehrten in
Hampshire. Sie hatte das Buch im Auftrag ihres Vaters Thomas South
geschrieben. Was Mary Anne South geschrieben hatte, war eine
Synthese der ganzen alchemistischen Tradition aus theosophischer
Perspektive.
Thomas South hatte das Buch finanziert, ohne den Text vorab zu
lesen — er vertraute der Urteilskraft seiner Tochter. Als
das Buch erschien, bekam Thomas eine Krise. Er las den Text und
entschied: Mary Anne hatte zu viel verraten. Was die alchemistische
Tradition über Generationen hinweg im Verborgenen gehalten
hatte, lag jetzt in gedruckter Form vor und konnte von jedem Leser
in jedem Buchladen erworben werden.
Im Juni 1850 — wenige Wochen nach Erscheinen — kaufte
Thomas South alle erreichbaren Exemplare des Buches zurück und
verbrannte sie zusammen mit dem Manuskript seines eigenen
unvollendeten Lehrgedichts in einem Feuer im Garten von Gosport.
Mary Anne war an der Verbrennung beteiligt. Es war ihre Entscheidung
mit. Nur eine Handvoll Exemplare überlebte. Mary Anne South
heiratete neun Jahre später den Anglikanischen Reverend Alban
Thomas Atwood. Sie schrieb nie wieder ein Buch. Ihre letzten Worte
vor ihrem Tod 1910 waren: I cannot find my centre of gravity.
1918 wurde A Suggestive Inquiry aus einem der
überlebenden Exemplare neu aufgelegt. Das Buch fand seinen
Weg in die Bibliothek von C. G. Jung, der es als eines der
wichtigsten Werke der modernen Alchemie-Rezeption schätzte.
Jungs alchemistische Studien der 1940er Jahre —
Psychologie und Alchemie von 1944, Mysterium
Coniunctionis von 1955 — sind ohne Atwoods Vorarbeit
nicht denkbar.