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Eine Arbeit aus dem Haus · Essay · Zehn Geschichten

Die Alchemisten.

Zehn Detektivgeschichten aus dem Reich der Verwandlung — sieben aus dem Westen, drei aus Asien. Maria die Jüdin, Jabir, Flamel, Paracelsus, die Brahes, Newton, Atwood; und Wei Boyang, Ge Hong, Nagarjuna. Was an ihnen erstaunt, ist nicht erfunden — nur die Form der Erzählung.

Eingang

Die heimliche Mutter der modernen Welt.

Die Alchemie ist die heimliche Mutter der modernen Welt. Aus ihrem Schoß stammen die Chemie, die Pharmazie, die Metallurgie, die experimentelle Methode der Naturwissenschaft. In ihren Werkstätten wurden über zweitausend Jahre lang Verfahren entwickelt, die heute in jedem Labor stehen — Destillation, Sublimation, Kristallisation, Filtration. Die Sprache der modernen Wissenschaft trägt noch ihre Spuren: das Wort Elixier kommt aus dem Arabischen, Alkohol ebenso, Tinktur aus dem Lateinischen der Alchemisten.

Und doch ist die Alchemie aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden. Was übrig blieb, ist das Klischee des Goldmachers — eines bärtigen Greises, der in einer dampfenden Werkstatt Quecksilber in Gold zu verwandeln sucht. Dieses Bild trifft die Sache nicht. Die Alchemisten waren keine Scharlatane, und sie suchten nicht nur Gold. Sie suchten die Verwandlung der Materie und parallel dazu die Verwandlung des eigenen Selbst — eine Doppelbewegung, die in keiner anderen Wissenschaft je vollzogen wurde und die bis ins zwanzigste Jahrhundert eine eigene Geistesgeschichte begründet hat.

Die folgenden zehn Geschichten sind dokumentiert. Sie beruhen auf historischen Quellen, archäologischen Funden, philologischen Untersuchungen. Sieben spielen im westlichen Kulturraum, drei in Asien. Was an ihnen erstaunt, ist nicht erfunden. Erfunden ist nur die Form der Erzählung — die Verdichtung, die Szene, das Tempo.

Westliche Alchemie · Sieben Geschichten

Eins

Maria die Jüdin und die Geburt des Wasserbads.

Im ersten oder zweiten Jahrhundert unserer Zeit lebte in Alexandria eine Frau, von der wir nur wenig wissen — und gerade deshalb umso mehr. Ihr Name war Maria. Die Quellen nennen sie Maria die Jüdin, Maria die Prophetin, Maria die Hebräerin. Sie war Jüdin, lebte im multikulturellen Alexandria der römischen Kaiserzeit und führte dort eine Schule für etwas, das später Alchemie genannt werden sollte. Was wir über sie wissen, verdanken wir Zosimos von Panopolis, der sie dreihundert Jahre nach ihr als die göttliche Maria zitierte und ihre Apparate beschrieb.

Maria war keine Theoretikerin, sondern Praktikerin. Sie baute Geräte. Drei davon haben sich bis heute gehalten. Das erste war der Tribikos, ein dreiarmiger Destillierhelm aus Glas. Das zweite der Kerotakis, ein abgedichteter Behälter zum Sublimieren von Metallen. Das dritte aber ist berühmter geworden als die ersten beiden: das Wasserbad. Maria hatte erkannt, dass manche Stoffe nicht mit direkter Hitze behandelt werden können — sie verbrennen oder zersetzen sich. Wenn man sie aber in einem Gefäß über kochendem Wasser erhitzt, bleibt die Temperatur konstant bei hundert Grad. Das Verfahren ging in die französische Küche ein als bain-marie — Marias Bad.

Wer heute Schokolade über einem Wasserbad schmilzt, vollzieht eine Geste, die zweitausend Jahre alt ist. Der Name der Erfinderin steht in jeder französischen Küche. Aber die meisten, die das Wort benutzen, wissen nicht, wer Maria war. Was Maria von den Alchemisten der späteren Jahrhunderte unterscheidet, ist der praktische Zugang. Ihre Sätze, die uns in Bruchstücken überliefert sind, klingen nicht wie Mystik, sondern wie Handwerksregeln. Einer dieser Sätze ist berühmt geworden, als das Axiom der Maria: Eines wird zwei, zwei wird drei, und aus dem dritten wird das eine als das vierte. C. G. Jung, der im 20. Jahrhundert die Alchemie wieder ans Licht hob, hat dieses Axiom als Grundformel der seelischen Verwandlung gelesen.

Zwei

Jabir ibn Hayyan und das Phantom.

Im achten Jahrhundert lebte in Bagdad ein Mann namens Jabir ibn Hayyan, der die westliche Alchemie für die nächsten tausend Jahre prägte. Mindestens. Möglicherweise hat er nie gelebt.

Die Schriften, die unter seinem Namen überliefert sind, umfassen mehrere tausend Werke — eine schiere Menge, die ein einzelner Mann in einem einzelnen Leben nicht hätte verfassen können. Sie behandeln Alchemie, Astronomie, Medizin, Pharmakologie, Mineralogie, Mathematik, Mystik. Sie sind in einem so einheitlichen Stil geschrieben, dass die mittelalterlichen Leser sie als Werk eines einzigen Autors verstanden.

Im 20. Jahrhundert begann die wissenschaftliche Aufarbeitung der Quellen. Der deutsch-jüdische Orientalist Paul Kraus, der in den 1930er Jahren in Kairo arbeitete, untersuchte die Schriften systematisch. Sein Befund, 1942 veröffentlicht, war ernüchternd: Die Schriften konnten nicht von einem einzelnen Mann stammen. Sie waren über zwei oder drei Jahrhunderte hinweg verfasst worden, von verschiedenen Händen, in verschiedenen Schulen — vermutlich von einer ismailitischen Geheimgesellschaft im 9. und 10. Jahrhundert.

Was diese Schule entwickelt hat, ist bemerkenswert. Im Werk Jabirs taucht zum ersten Mal die Theorie auf, dass Metalle aus zwei Grundprinzipien bestehen — dem Schwefel und dem Quecksilber. Diese Theorie hat die westliche Alchemie für tausend Jahre geprägt; sie wurde von den lateinischen Alchemisten des Mittelalters übernommen und steht noch in den Schriften Newtons. Im Werk Jabirs wird auch zum ersten Mal die Idee formuliert, dass die Stoffe der materiellen Welt sich in Tabellen ordnen lassen — eine Vorform dessen, was nach 1869 als Periodensystem der Elemente bekannt wurde.

Wer war dieser Jabir? Vermutlich nie ein einziger Mensch. Die wissenschaftliche Tradition, auf der die moderne Chemie ruht, beginnt mit einer Person, die wir nicht greifen können — die vielleicht nie war.

Drei

Nicolas Flamel und die größte Fälschung der Alchemie.

Im Jahr 1330 erwarb der Pariser Buchhändler und Schreiber Nicolas Flamel ein altes Buch in arabischen Schriftzeichen. Vierundzwanzig Jahre später, so erzählt die Legende, gelang es ihm, mithilfe eines spanisch-jüdischen Gelehrten den Code zu lösen. Es handelte sich um eine alchemistische Anleitung zur Herstellung des Steins der Weisen. Am 17. Januar 1382 — die Legende ist da sehr genau — gelang Flamel die Transmutation: Er verwandelte Quecksilber in Silber. Drei Monate später, am 25. April, schaffte er es ein zweites Mal, diesmal mit Gold.

Flamel und seine Frau Perenelle stifteten in den folgenden Jahrzehnten in Paris insgesamt vierzehn Hospitäler, drei Kapellen, zahlreiche Häuser für Arme. Ihr Reichtum war legendär. Nach Flamels Tod 1418 berichteten Augenzeugen, sie hätten ihn lebendig in fernen Ländern wiedergetroffen — ihm habe das Elixier des Lebens das ewige Leben gewährt.

Es gibt nur ein Problem. Nicolas Flamel hat vermutlich nie Alchemie betrieben. Die historische Recherche zeigt: Flamel war ein wohlhabender Pariser Bürger, Schreiber und Buchhändler an der Sorbonne, der durch seine Frau ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte. Die karitativen Stiftungen sind gut dokumentiert — aber sie waren nicht ungewöhnlich für ein vermögendes Pariser Bürgerpaar dieser Zeit.

Was die alchemistische Legende angeht, so ist sie deutlich später entstanden. Erst 1612, fast zweihundert Jahre nach Flamels Tod, erschien in Paris ein Buch mit dem Titel Le Livre des Figures Hieroglyphiques, das angeblich von Flamel selbst verfasst war. Das Buch ist eine Fälschung. Trotzdem hat die Legende Wirkung gehabt. Isaac Newton hat die Schriften Flamels gelesen und in seinen alchemistischen Notizen mehrfach erwähnt. J. K. Rowling hat Flamel in den ersten Harry-Potter-Roman geschrieben. Der historische Flamel war ein Mann, der durch Heirat reich wurde und sein Geld großzügig verteilte. Der mythische Flamel war ein Goldmacher. Die Alchemie hat ihn sich genommen, weil sie ihn brauchte.

Vier

Paracelsus und die Geburt der Pharmazie.

1493 wurde im schweizerischen Einsiedeln ein Junge geboren, der einen unaussprechlich langen Namen erhielt: Philippus Aureolus Theophrastus Bombast von Hohenheim. Später nannte er sich selbst Paracelsus — gleich Celsus —, in Anlehnung an den römischen Mediziner Aulus Cornelius Celsus. Er meinte damit nicht: ich bin so gut wie Celsus. Er meinte: ich bin besser.

Paracelsus war einer der schwierigsten Menschen, die die Wissenschaftsgeschichte kennt. Er war streitsüchtig, betrunken, oft obdachlos, von kurzem Wuchs und langen Haaren, und er beleidigte fast jeden, der mit ihm zu tun hatte. Er verbrannte 1527 in Basel die Canones des Avicenna und das Corpus Medicum des Galen auf öffentlichem Marktplatz, weil sie ihm überholt erschienen. Er wurde aus Basel verjagt, dann aus Straßburg, dann aus Nürnberg. Er starb 1541 in Salzburg, mit siebenundvierzig Jahren, unter ungeklärten Umständen.

Was Paracelsus in seinem kurzen, lärmenden Leben getan hat, ist nichts weniger als die Geburt der modernen Pharmazie. Aus seinen alchemistischen Studien hatte er gelernt, dass Mineralien und Metalle in präzisen Dosen gegen bestimmte Krankheiten wirken konnten. Er führte das Quecksilber gegen Syphilis ein, das Antimon gegen Fieber, und destillierte aus Mohnsaft eine alkoholische Tinktur, die er Laudanum nannte — die berühmte Opiumtinktur, die noch im 19. Jahrhundert in jedem Apothekerschrank stand und die Romantik in einen kollektiven Halbschlaf versetzte.

Sein zentrales Konzept war die Arznei-Gabe: Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist. Dieser Satz, den Paracelsus 1538 formulierte, ist die Grundlage der modernen Toxikologie und Pharmakologie. Die iatrochemia — die Heilchemie des Paracelsus — blieb in der akademischen Medizin stehen. Aus ihr wurde die moderne Pharmazie.

Fünf

Tycho und Sophie Brahe — die Schwester im Schatten.

Auf der dänischen Insel Hven, im Sund zwischen Kopenhagen und Helsingborg, ließ König Friedrich II. von Dänemark im Jahr 1576 eine Burg bauen, die er einem Astronomen schenkte. Der Astronom war Tycho Brahe, geboren 1546. Die Burg hieß Uraniborg — Stadt der Urania, der Muse der Astronomie. Sie war zugleich Sternwarte, Druckerei und alchemistische Werkstatt.

Tycho Brahe ist berühmt geworden für seine astronomischen Beobachtungen. Was weniger bekannt ist: Im Untergeschoss der Burg betrieb er eines der größten alchemistischen Laboratorien Europas. Astronomie und Alchemie waren für ihn zwei Seiten desselben Werks: die Beobachtung der Himmelskörper oben und die Verwandlung der irdischen Materie unten.

In Uraniborg arbeitete jemand, dessen Anteil bis vor kurzem kaum bekannt war: Tychos jüngere Schwester Sophie Brahe, geboren 1556. Sophie war als Frau formal von der Wissenschaft ausgeschlossen — sie konnte keine Universität besuchen, war kein Mitglied einer wissenschaftlichen Akademie, und ihr Name erschien nicht auf den Publikationen, die aus Uraniborg kamen. Aber sie arbeitete dort. In den Briefen Tychos und in Berichten zeitgenössischer Besucher wird sie als seine engste Mitarbeiterin beschrieben.

Sophie war Astronomin und Alchemistin in einer Person. Sie führte Beobachtungen für ihren Bruder durch und betrieb ihre eigenen alchemistischen Experimente. Nach Tychos Tod 1601 setzte sie ihre Arbeit fort, oft unter schwierigen Bedingungen. Ihre alchemistischen und astronomischen Schriften sind weitgehend verloren. Was lange als die Genialität eines Mannes galt, war in Wirklichkeit die Arbeit zweier Geschwister — und von denen einer, weil er Mann war, in die Wissenschaftsgeschichte einging, während die andere, weil sie Frau war, fast unsichtbar blieb. Die Alchemie war immer zur Hälfte weiblich. Die Geschichte, die wir von ihr erzählen, ist es nicht.

Sechs

Newton, der heimliche Alchemist.

Im Sommer 1936 ging in London bei Sotheby’s eine Auktion zu Ende, die kaum Aufsehen erregt hatte. Versteigert wurden Manuskripte aus dem Nachlass eines englischen Wissenschaftlers, die fast zweieinhalb Jahrhunderte unbeachtet in der Bibliothek der Familie Portsmouth gelegen hatten. Die Manuskripte waren der Privatnachlass von Sir Isaac Newton.

Was die Käufer fanden, als sie ihre erworbenen Konvolute öffneten, war eine Sensation: über eine Million Wörter handschriftlicher Notizen, die nichts mit Physik zu tun hatten. Sie behandelten Alchemie. Newton hatte sein Leben lang im Geheimen alchemistische Studien betrieben — über vierzig Jahre lang. Der Ökonom John Maynard Keynes, der einen großen Teil der Manuskripte ersteigerte, hielt 1942 vor der Royal Society einen Vortrag, der die Newton-Forschung erschütterte. Newton was not the first of the age of reason, sagte Keynes. He was the last of the magicians.

Was Newton tatsächlich tat, war ein zweifaches Leben. Tagsüber war er Lucasian Professor of Mathematics in Cambridge. Nachts war er Alchemist, in seinem Labor in Trinity College, mit Schmelztiegel und Destillierapparat. Es gibt eine Anekdote, die in Newtons Notizen steht und die sein Doppelleben in einem Satz zeigt. Im Februar 1693 schrieb Newton in einem Brief an seinen Freund John Locke, dass er an Schlaflosigkeit und nervöser Erschöpfung leide. Er hatte in den vorhergehenden Monaten experimentell mit Quecksilber gearbeitet, oft mit ungeschützten Händen und ohne Belüftung. Quecksilbervergiftung verursacht genau die Symptome, die Newton beschreibt. Die moderne Medizin nimmt heute an, dass Newton in dieser Zeit unter einer schweren Quecksilbervergiftung litt.

Was Newton in der Alchemie suchte, war nicht primär Gold. Er suchte das prinzipium individuationis — die Substanz, die hinter allen Substanzen steht, die Verwandlung als Prinzip. Sein Programm war nicht weit entfernt von dem, was die moderne Quantenphysik seither tatsächlich entdeckt hat: dass alle Materie auf wenige Grundbausteine zurückgeht, die ineinander umgewandelt werden können.

Sieben

Mary Anne Atwood und das verbrannte Buch.

Im Frühjahr 1850 erschien in London anonym ein Buch mit dem Titel A Suggestive Inquiry into the Hermetic Mystery. Die Verfasserin war eine zweiunddreißigjährige Frau namens Mary Anne South, Tochter eines wohlhabenden Privatgelehrten in Hampshire. Sie hatte das Buch im Auftrag ihres Vaters Thomas South geschrieben. Was Mary Anne South geschrieben hatte, war eine Synthese der ganzen alchemistischen Tradition aus theosophischer Perspektive.

Thomas South hatte das Buch finanziert, ohne den Text vorab zu lesen — er vertraute der Urteilskraft seiner Tochter. Als das Buch erschien, bekam Thomas eine Krise. Er las den Text und entschied: Mary Anne hatte zu viel verraten. Was die alchemistische Tradition über Generationen hinweg im Verborgenen gehalten hatte, lag jetzt in gedruckter Form vor und konnte von jedem Leser in jedem Buchladen erworben werden.

Im Juni 1850 — wenige Wochen nach Erscheinen — kaufte Thomas South alle erreichbaren Exemplare des Buches zurück und verbrannte sie zusammen mit dem Manuskript seines eigenen unvollendeten Lehrgedichts in einem Feuer im Garten von Gosport. Mary Anne war an der Verbrennung beteiligt. Es war ihre Entscheidung mit. Nur eine Handvoll Exemplare überlebte. Mary Anne South heiratete neun Jahre später den Anglikanischen Reverend Alban Thomas Atwood. Sie schrieb nie wieder ein Buch. Ihre letzten Worte vor ihrem Tod 1910 waren: I cannot find my centre of gravity.

1918 wurde A Suggestive Inquiry aus einem der überlebenden Exemplare neu aufgelegt. Das Buch fand seinen Weg in die Bibliothek von C. G. Jung, der es als eines der wichtigsten Werke der modernen Alchemie-Rezeption schätzte. Jungs alchemistische Studien der 1940er Jahre — Psychologie und Alchemie von 1944, Mysterium Coniunctionis von 1955 — sind ohne Atwoods Vorarbeit nicht denkbar.

Östliche Alchemie · Drei Geschichten

Acht

Wei Boyang und das Experiment am eigenen Leib.

Im zweiten Jahrhundert unserer Zeit, gegen Ende der Han-Dynastie, lebte in Südchina ein Gelehrter namens Wei Boyang. Er stammte aus einer hochrangigen Familie — sein Vater Wei Lang war Minister gewesen und 169 unserer Zeit infolge politischer Wirren hingerichtet worden. Wei Boyang floh in die Berge und widmete sich dort dem Studium des Daoismus und der Alchemie. Was er verfasste, ist die Grundschrift der chinesischen Alchemie: das Cantong qi, frei übersetzt Das Siegel der Einheit der Drei.

Die Schrift unterscheidet zwei Formen der Alchemie: waidan — die äußere Alchemie, die mit konkreten Stoffen wie Zinnober, Schwefel und Quecksilber in der Werkstatt arbeitet — und neidan — die innere Alchemie, die dieselben Operationen am eigenen Körper vollzieht, durch Atemtechnik, Meditation und sexuelle Praxis. Beide Formen sind in der chinesischen Tradition zwei Aspekte derselben Praxis. Wer die äußeren Stoffe verwandelt, verwandelt im selben Vorgang sich selbst.

Eine Geschichte ist über Wei Boyang überliefert. Er zog sich mit drei Schülern in die Berge zurück, um das Elixier der Unsterblichkeit zu bereiten. Als das Elixier fertig war, prüften sie es zunächst an einem weißen Hund. Der Hund starb sofort. Wei Boyang sprach: Wenn ich jetzt zurückkehre, ohne das Elixier zu nehmen, war alles umsonst. Ich werde es nehmen. Er nahm das Elixier und starb. Einer seiner Schüler, Yu, sagte: Mein Meister ist kein gewöhnlicher Mann. Ich werde ihm folgen. Auch er nahm das Elixier und starb. Die zwei verbliebenen Schüler verließen den Berg, um Särge zu kaufen. Während sie unterwegs waren, erwachten Wei Boyang und der Schüler Yu wieder zum Leben. Auch der Hund kam zurück. Alle drei stiegen zur Unsterblichkeit auf.

Die Pointe der Geschichte ist nicht, dass das Elixier wirkte. Die Pointe ist, dass die Alchemie eine Vertrauensprobe ist. Wer das Elixier nimmt, ohne das innere Vertrauen zu haben, dass es wirken wird, dem nützt es nichts. Was Wei Boyang als Erzählung formuliert, ist die zentrale Lehre der chinesischen Alchemie: Die Verwandlung der Materie und die Verwandlung des Selbst sind nicht zwei Vorgänge, sondern einer.

Neun

Ge Hong und der Beamte, der nach Unsterblichkeit suchte.

Im Jahr 331 unserer Zeit reichte beim chinesischen Kaiserhof der Jin-Dynastie ein achtundvierzigjähriger Gelehrter ein Gesuch ein, das die Hofbeamten verwirrte. Er bat darum, als Distriktverwalter in eine entlegene Provinz im äußersten Süden des Reichs versetzt zu werden — nach Julou, im heutigen Nordvietnam. Niemand wollte dort verwalten.

Der Gelehrte hieß Ge Hong, und seine Begründung war merkwürdig: In der Region Julou gab es, wie er gehört hatte, besondere Mineralien, die für die Herstellung des Unsterblichkeits-Elixiers nötig waren. Er wollte einen Posten, der ihm den legitimen Zugang zu den alchemistischen Rohstoffen verschaffte. Das Lebensprojekt war im Baopuzi festgehalten — Der Meister, der die Schlichtheit umarmt. Die Inneren Kapitel sind das umfassendste alchemistische Werk der chinesischen Antike: die Herstellung von Elixieren, die Atemtechniken, die Diätregeln, die Talismane.

Ge Hong erhielt den Posten in Julou nicht. Auf seinem Weg dorthin wurde er in der heutigen Provinz Guangdong aufgehalten, blieb auf dem Berg Luofu hängen und verbrachte dort den Rest seines Lebens. Er starb 343. Seine Zeitgenossen waren überzeugt, dass es kein wirklicher Tod war — sondern dass Ge Hong die Unsterblichkeit erreicht hatte und nur einen Tod simuliert habe, um in den Berg zu entkommen.

Was Ge Hong von Wei Boyang unterscheidet, ist die intellektuelle Architektur seines Werks. Wei Boyang hatte das Cantong qi in einer kryptischen Sprache verfasst. Ge Hong dagegen schrieb für einen breiteren Kreis. Sein Baopuzi ist systematisch, argumentativ, fast lehrbuchhaft. Was bei Wei Boyang Mythos war, wird bei Ge Hong Wissenschaft. Er gibt detaillierte Rezepte für mehrere Elixiere, mit Mengenangaben, Zeitvorschriften und Warnungen. Er erwähnt mehr als zweihundert verschiedene Mineralien, Pflanzen und Tiere, die in der Alchemie verwendet werden — eine pharmakologische Datenbank, die ihresgleichen in der antiken Welt sucht.

Zehn

Nagarjuna und die zwei Männer mit demselben Namen.

Im zweiten oder dritten Jahrhundert unserer Zeit lebte in Südindien ein buddhistischer Philosoph namens Nagarjuna, der die wichtigste Schule des Mahayana-Buddhismus begründete: die Madhyamaka, die Mittleren Weg-Schule. Sein zentrales Konzept war die Leerheit (sunyata) — die Lehre, dass alle Dinge keine eigene, in sich selbst bestehende Wesenheit haben, sondern aus Beziehungen bestehen.

Im neunten oder zehnten Jahrhundert lebte in Gujarat im Westen Indiens ein Mann namens Nagarjuna, der Alchemist und Metallurg war. Er verfasste das RasaratnakaraDer Ozean der Quecksilber-Edelsteine —, das wichtigste Werk der indischen Alchemie. Die beiden Nagarjunas haben dieselbe Namensgleichheit — und die gleiche kulturelle Aufmerksamkeit hat sie über Jahrhunderte hinweg miteinander verschmolzen. In der tibetischen und der mittelalterlichen indischen Tradition gilt Nagarjuna oft als beides zugleich.

Die moderne Forschung trennt heute die beiden. Es gab tatsächlich zwei verschiedene Nagarjunas, deren Lebensdaten sich um sechs- bis siebenhundert Jahre unterschieden. Aber die Frage, warum die Tradition sie verschmelzen wollte, ist interessanter als die korrekte philologische Trennung. Die Antwort liegt in der indischen Vorstellung von dem, was ein Weiser ist. In der westlichen Wissenschaftsgeschichte sind Philosophie und Alchemie getrennte Felder. In der indischen Tradition war diese Trennung nie vollzogen.

Wenn alle Dinge ohne eigene Wesenheit sind, dann ist die Verwandlung nicht das Wunder — die Verwandlung ist die Grundverfassung der Wirklichkeit. Wer das Material verwandelt, vollzieht im Kleinen, was im Großen ohnehin geschieht. Dass die Tradition die beiden Nagarjunas verschmolz, ist kein Fehler. Es ist eine intuitive Erkenntnis. Die Trennung, die wir heute machen, ist die fremde — nicht die Verschmelzung.

Was die zehn Geschichten zusammen erzählen

Eine Doppelbewegung, die wir vergessen mussten.

Die Alchemie ist eine zweitausendjährige geistesgeschichtliche Linie, die in ihren Höhepunkten Männer und Frauen hervorgebracht hat, die das Verhältnis zwischen Materie und Geist auf eine Weise gedacht haben, die in keiner anderen Tradition eine Entsprechung findet. Maria die Jüdin in Alexandria, Wei Boyang in den Bergen Chinas, Newton in Cambridge, Mary Anne Atwood in Yorkshire — sie alle haben gewusst, dass die Verwandlung des äußeren Stoffes und die Verwandlung des inneren Selbst nicht zwei Vorgänge sind, sondern einer.

Diese Doppelbewegung ist im modernen wissenschaftlichen Diskurs fast verloren gegangen. Die Chemie hat von der Alchemie die Verfahren übernommen, aber die spirituelle Schicht abgelegt. Die Psychologie hat von der Alchemie die Symbolik übernommen, aber die Materialarbeit abgelegt. Was übrig blieb, sind zwei Hälften ohne ihren Zusammenhang.

C. G. Jung hat im 20. Jahrhundert versucht, die Hälften wieder zusammenzuführen. Was die Alchemisten am Schmelztiegel beschrieben hatten, war für Jung die Beschreibung dessen, was in der Tiefenpsychologie Individuation heißt: die schrittweise Verwandlung der Person in ihre eigene Ganzheit. Was Jung im 20. Jahrhundert formulierte, hatten die chinesischen Alchemisten zweitausend Jahre vor ihm gewusst. Was im Westen erst durch Jung wieder ins Bewusstsein kam, war im Osten nie verloren gegangen.

Die Alchemisten haben das nie vergessen. Wir haben es vergessen müssen, um die moderne Wissenschaft zu bauen. Vielleicht können wir es wiederfinden, ohne die Wissenschaft aufzugeben.

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