Eine Arbeit aus dem Haus · Berufsstudie
Die Kaminkehrer.
Eine Innung zwischen öffentlichem Auftrag und freiem Markt. Vom italienischen Vigezzotal über das preußische Edikt 1727 bis zur EU-Liberalisierung 2013 — und drei Vergleichsländer, die sehr unterschiedlich antworten.
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Mehr als ein Handwerk.
Das Schornsteinfegerhandwerk ist ein Handwerk, das mehr ist als ein Handwerk — eine staatlich beauftragte Funktion, die im Mittelalter aus dem Brandschutz entstand, sich über Jahrhunderte zu einer der eng regulierten Berufsgruppen Deutschlands entwickelte und 2013 unter europäischem Druck einer Liberalisierung unterworfen wurde, deren Folgen bis heute umstritten sind. Wer das deutsche System der Kaminkehrer studiert, studiert in einem konkreten Beispiel die Frage, die hinter dem ganzen kontinentalen Zunftrecht steht: Wie verträgt sich öffentlicher Auftrag mit freiem Markt?
I. Vigezzotal · Breslau · Berlin
Wo die Kaminkehrer herkommen.
Die Geschichte beginnt in einem Tal in den italienischen Alpen. Das Vigezzotal liegt zwischen dem Lago Maggiore und der Schweizer Grenze. Es ist eng, es ist arm, und im 16. Jahrhundert war es vor allem eines: kinderreich. Die spazzacamini, die Schornsteinfeger des Vigezzotals, zogen ab dem 16. Jahrhundert über die Alpen nach Norden. Sie nahmen ihre Söhne mit — die bocia, kleine Jungen, die schmal genug waren, um in die engen Schornsteine zu klettern. Was diese italienischen Wanderhandwerker mitbrachten, war eine Technik. In Italien hatten sich seit Mitte des 14. Jahrhunderts gemauerte Schornsteine durchgesetzt — eine bauliche Neuerung, die mit der Aufstockung der Häuser zu tun hatte.
In Deutschland entstanden die ersten amtlichen Kehrordnungen im späten 15. Jahrhundert. Die Stadt Breslau erließ am 4. August 1578 eine Neuaufgerichtete Feuerordnung, in der zum ersten Mal Kehrbezirke für Schornsteinfeger festgelegt wurden. Mittelalterliche Stadtbrände waren häufig Schornsteinbrände gewesen — ein einziger ungekehrter Schornstein konnte einen Stadtteil in Asche legen.
Aus dieser Erfahrung kam auch das positive Bild des Schornsteinfegers, das sich bis heute gehalten hat. Wer einen Hausbrand verursachte, indem er den Kaminkehrer nicht hatte kommen lassen, wurde bestraft — manchmal mit einer Geldstrafe, in extremen Fällen sogar mit der Todesstrafe. Wer dagegen den Kaminkehrer regelmäßig hatte kommen lassen, blieb auch dann straffrei, wenn der Schornstein doch brannte. Er hatte Glück gehabt, dass der Schornsteinfeger ihn besucht hatte. Der Glücksbringer der deutschen Neujahrsbräuche ist eine Figur, die ursprünglich vor Strafverfolgung schützte.
Am 2. April 1727 erließ der preußische König Friedrich Wilhelm I. eine Verordnung, die für das Königreich Preußen zum ersten Mal ein einheitliches Schornsteinfegerrecht schuf. Mit der Verordnung über das Schornsteinfegerwesen vom 15. April 1935 wurde das System reichsweit kodifiziert. Die Bundesrepublik übernahm es nach dem Krieg und kodifizierte es 1969 im Schornsteinfegergesetz. Bis 2013 galten in Deutschland feste Kehrbezirke, in denen jeweils ein bevollmächtigter Bezirksschornsteinfegermeister allein zuständig war.
II. Brüssel, 2003–2013
Wie das Monopol unter europäischen Druck geriet.
Im Dezember 2003 leitete die Europäische Kommission gegen die Bundesrepublik Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren ein. Die Kommission sah im deutschen Kehrmonopol einen Verstoß gegen die Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit. Ein französischer Schornsteinfeger, der in Bayern Geschäft machen wollte, war ausgeschlossen — weil die deutschen Bezirke fest vergeben waren. Die EU-Dienstleistungsrichtlinie 2006/123/EG verschärfte den Druck.
Am 26. November 2008 verabschiedete der Bundestag das Gesetz zur Neuregelung des Schornsteinfegerwesens. Am 1. Januar 2013 trat es vollständig in Kraft. Der entscheidende Punkt: Die Trennung zwischen hoheitlichen und nicht-hoheitlichen Aufgaben. Die hoheitlichen Aufgaben — die Feuerstättenschau, die Ausstellung des Feuerstättenbescheids, die Bauabnahme nach Landesrecht — bleiben bei einem bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger, der seit 2013 für jeweils sieben Jahre auf den Bezirk berufen wird, in offener Bewerbung. Die nicht-hoheitlichen Aufgaben — das eigentliche Kehren, die Reinigung, die Immissionsschutzmessung — sind seit 2013 frei vergebbar.
Die Folgen waren ambivalent. Einerseits trat tatsächlich europäische Konkurrenz in den Markt, vor allem in Grenzregionen. Die Preise für die nicht-hoheitlichen Leistungen wurden frei verhandelbar; in manchen Regionen sanken sie, in anderen stiegen sie. Andererseits zeigte sich in den ersten Jahren, dass die meisten Hauseigentümer ihrem angestammten Bezirksschornsteinfeger treu blieben. Eine über Jahre oder Jahrzehnte gewachsene Vertrauensbeziehung zu einem Handwerker, der das eigene Haus, die eigene Heizungsanlage, manchmal die eigene Familie kennt, lässt sich nicht einfach durch ein Online-Angebot ersetzen.
In Bayern, das mit seiner kleinteiligen Siedlungsstruktur und seinen oft alten Häusern besonders viele Kaminkehrer beschäftigt, blieb die Treue der Hausbesitzer hoch. Der Mann oder die Frau in dunkler Kluft, die zweimal jährlich auf den Hof kommt, ist geblieben. Was sich geändert hat, sind die rechtlichen Verhältnisse, in denen diese Begegnung stattfindet. Eine über Jahre gewachsene Beziehung zu einem Kaminkehrer, der das Haus kennt, ist in Deutschland nicht mehr eine Selbstverständlichkeit, sondern eine Wahl.
III. Schweiz
Kantonale Vielfalt.
Die Schweiz hat in der Frage des Kehrmonopols eine ganz andere Geschichte. Das Schornsteinfegerwesen ist dort kantonale Sache, und die siebenundzwanzig Kantone haben höchst unterschiedliche Lösungen gefunden. Der erste Kanton, der das Kaminfegermonopol abschaffte, war Schwyz, schon vor mehr als zwanzig Jahren. Zürich folgte 2002. Stand 2024 haben fünfzehn Kantone das Monopol liberalisiert oder teil-liberalisiert; elf Kantone haben weiterhin das volle Monopol.
Was die Schweizer Erfahrung lehrt, ist die ökonomische Realität der Liberalisierung. In allen Kantonen, die das Monopol abgeschafft haben, sind die Preise gestiegen — nicht gesunken, wie die Theorie des freien Marktes vorhergesagt hätte. Die Gründe sind mehrfach. Erstens waren die Tarife unter dem Monopol oft jahrelang nicht angepasst worden. Zweitens entstehen durch den Wettbewerb höhere Marketingkosten und mehr Verwaltungsaufwand. Drittens — und das ist der wichtigste Punkt — sind die ländlichen Gebiete unter dem freien Markt schlechter versorgt. Im Glarnerland zeigte sich nach der Liberalisierung 2014 ein Kaminfegermangel; der Kanton musste den Schornsteinfegern aus dem benachbarten Monopolkanton St. Gallen den Marktzutritt eröffnen, um die Versorgung zu sichern.
Was die Schweizer Vielfalt zeigt, ist die Möglichkeit eines regulatorischen Experiments. Anders als in Deutschland, wo die Liberalisierung 2013 für alle Bundesländer gleichzeitig in Kraft trat, hat die Schweiz parallel zwei Systeme nebeneinander laufen lassen. Wer wissen will, was die Liberalisierung im ländlichen Raum bedeutet, kann den Bezirk Sense im Kanton Freiburg (Monopol) mit dem Bezirk Sense-Oberland im Kanton Bern (seit 2021 liberalisiert) vergleichen.
IV. USA
Markt ohne Innung.
In den Vereinigten Staaten gibt es das System nicht, das in Deutschland und Teilen der Schweiz besteht. Es gab nie ein staatliches Kehrmonopol, keine Bezirksschornsteinfeger, keine kantonale oder einzelstaatliche Aufsicht. Wer in den USA als Schornsteinfeger arbeiten will, kann das tun — ohne behördliche Zulassung, ohne Innungsmitgliedschaft, ohne Meisterbrief.
Das hat Konsequenzen für die Qualität. Die amerikanische Branche ist, wie die Berufsverbände es selbst formulieren, weitgehend unreguliert. Theoretisch kann jeder mit einem Pickup-Truck und einer Bürste sich Schornsteinfeger nennen. Die einzige Form der Qualitätssicherung ist eine private Zertifizierung durch das Chimney Safety Institute of America (CSIA), 1983 gegründet. Stand 2024 sind in den USA und Kanada zwischen 1.200 und 1.800 Schornsteinfeger CSIA-zertifiziert — bei einer Schätzung von etwa 4.000 bis 5.000 aktiven Betrieben eine Minderheit.
Was es in den USA stattdessen gibt, sind kommunale Brandschutzvorschriften und privatrechtliche Versicherungen. Die Hausratversicherung verlangt oft den Nachweis einer professionellen Inspektion, bevor sie einen Schaden bei einem Schornsteinbrand reguliert. Aber die staatliche Komponente, die in Deutschland und der Schweiz das System trägt, fehlt. Die Folge ist ein Mischsystem, das in den dichtbesiedelten urbanen Regionen einigermaßen funktioniert, in den ländlichen Gebieten oft schlecht. Wer in einem entlegenen Tal in Vermont oder West Virginia einen Holzofen betreibt, ist auf seine eigene Sorgfalt angewiesen.
V. Japan
Ein System, das nie gebraucht wurde.
Japan hat keine Tradition der Schornsteinfeger. Es hatte bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein keine Schornsteine. Die traditionelle japanische Wohnform verwendete eine Feuerstelle, die irori hieß — eine quadratische, mit Steinen ausgelegte Vertiefung im Fußboden, in deren Mitte ein offenes Feuer brannte. Der Rauch zog nicht durch einen Schornstein ab, sondern stieg durch das Dachgebälk hinauf und entwich durch dreieckige Lüftungslöcher in den Giebeln.
Was im europäischen Bauen ein Mangel gewesen wäre, war in Japan ein Vorteil. Der Rauch zog langsam durch die Holzbalken des Daches, trocknete sie aus, hielt Insekten fern und imprägnierte das Stroh oder die Holzschindeln gegen Fäulnis. Was wir in Europa als zu beseitigende Verunreinigung verstehen, war in Japan ein erwünschter Effekt. Die irori-Tradition begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu verschwinden. Eine Innung der Schornsteinfeger gibt es in Japan deshalb nicht.
Eine kulturelle Spur des japanischen Verhältnisses zum Ruß findet sich allerdings dort, wo man sie zunächst nicht vermuten würde — im Animationsfilm des späten zwanzigsten Jahrhunderts. In Hayao Miyazakis Mein Nachbar Totoro (1988) und Chihiros Reise ins Zauberland (2001) treten die Susuwatari auf, jene runden, schwarzen Russgeister. Susuwatari heißt wörtlich wandernder Ruß — kleine, kugelige Wesen mit großen weißen Augen, die in alten Häusern leben, die durch Dachbalken huschen, die zerstäuben, wenn man sie zerdrückt, und die sich neu zusammenfinden können.
Die Susuwatari werden im Westen oft für eine traditionelle japanische Folklorefigur gehalten. Tatsächlich aber sind sie eine Erfindung Hayao Miyazakis. Studio Ghibli hat das in seiner Begleitliteratur zu Totoro selbst klargestellt. Was an Miyazakis Erfindung dennoch zur japanischen Kultur passt, ist die Logik. Die Susuwatari sind nicht Schädlinge, die vertrieben werden müssen, sondern Bewohner, die mit Respekt behandelt werden. Was in Europa eine Berufsgruppe bekämpft, lässt der japanische Animationsfilm singen und tanzen. Ein Land, das nie Schornsteine hatte, hat im späten zwanzigsten Jahrhundert seine eigenen Russmännchen erfunden.
Was die vier Wirklichkeiten zeigen
Wie organisiert eine Gesellschaft den Brandschutz?
Vier Länder, vier sehr unterschiedliche Konfigurationen. Deutschland: ein staatlich beauftragtes System mit langer Tradition, das 2013 unter EU-Druck teil-liberalisiert wurde. Die Schweiz: ein föderales Mosaik. Die USA: ein weitgehend unreguliertes Marktsystem mit privater Zertifizierung. Japan: ein Land, das die Berufsgruppe nie brauchte, weil seine Bautradition andere Lösungen kannte.
Die deutsche Antwort ist die institutionelle: Brandschutz ist eine öffentliche Aufgabe, die einer beauftragten Berufsgruppe übertragen wird — ein selbständiger Handwerker, der zugleich beliehene Behörde ist. Die schweizerische Antwort ist die föderale: das Laboratorium der Kantone. Die amerikanische Antwort ist die marktliberale: Brandschutz ist primär eine Sache des Eigentümers und seiner Versicherung. Die japanische Antwort ist die nicht-Antwort: Die Frage stellte sich in dieser Form historisch nicht.
Die Geschichte der Kaminkehrer ist nicht primär eine Geschichte über Schornsteine. Sie ist eine Geschichte darüber, wie Gesellschaften öffentliche Aufgaben organisieren — und wie diese Organisationsformen unter dem Druck größerer politischer Verschiebungen ihre Konturen verändern. Wer den Mann oder die Frau in der dunklen Kluft auf dem eigenen Hof sieht, sieht eine Person, in der eintausendvierhundert Jahre europäischer Verwaltungsgeschichte zusammenlaufen. Das ist mehr, als die meisten Berufe von sich sagen können.
Quellen & Belege
Vigezzotal-spazzacamini und die bocia: dokumentierte Wanderarbeit der Schornsteinfeger aus dem oberitalienischen Vigezzotal seit dem 16. Jahrhundert (Museo dello Spazzacamino, Santa Maria Maggiore). Breslauer Neuaufgerichtete Feuerordnung vom 4. August 1578 mit erstmals festgelegten Kehrbezirken. Preußische Verordnung Friedrich Wilhelms I. vom 2. April 1727 (Regelungen zu Schornsteinen, Kehrbezirken, Feuerstättenschau und Haftung); reichsweite Kodifizierung durch die Verordnung über das Schornsteinfegerwesen vom 15. April 1935; Schornsteinfegergesetz des Bundes 1969. EU-Vertragsverletzungsverfahren ab Dezember 2003, Dienstleistungsrichtlinie 2006/123/EG, Gesetz zur Neuregelung des Schornsteinfegerwesens (Bundestag 26. November 2008, vollständig in Kraft 1. Januar 2013) mit der Trennung hoheitlicher und nicht-hoheitlicher Aufgaben. Schweiz: kantonale Zuständigkeit; Schwyz führte die freie Wahl bereits 1995 ein, Zürich folgte 2002, Glarus liberalisierte Anfang 2014 (mit nachfolgendem Kaminfegermangel); Preise stiegen nach den Liberalisierungen (Zürich 2002 rund +30 %) — Datenstand 2024. USA: keine staatliche Zulassung; private Zertifizierung durch das 1983 gegründete Chimney Safety Institute of America (CSIA). Japan: traditionelle irori-Feuerstelle ohne Schornstein; die Susuwatari aus Hayao Miyazakis Mein Nachbar Totoro (1988) und Chihiros Reise ins Zauberland (2001) sind eine Erfindung des Studios Ghibli, keine überlieferte Folklore. Eckhuett-bezogene Angaben aus eigener Dokumentation.
Handwerksserie aus dem Haus
Zwölf Stationen, eine Frage.
Die Stationen sind ineinander verlinkt und lassen sich in jeder Reihenfolge lesen. Die aktuell geöffnete ist hervorgehoben.